«Zeitenwende» ist ein vielversprechendes Wort.

Aus dem Munde des deutschen Bundeskanzlers signalisiert es, dass Deutschland sich von seiner militärischen Zurückhaltung verabschiedet, drei Generationen nach der bedingungslosen Kapitulation 1945.

Das Wort «Zeitenwende» legitimiert auch zu Waffenlieferungen an die Ukraine: Waffen, die russische Soldaten töten. So etwas galt zuvor als Tabu; seit 1945 wurden keine deutschen Waffen gegen Russen eingesetzt.

Doch die Zeitenwende bedient sich eines semantischen Tricks: Schliesslich waren sowohl die Ukraine als auch Russland Gegner im Zweiten Weltkrieg, beide als Teil der damaligen UdSSR.

Insofern wird die moralische Schuld, die Deutschland durch die Waffenlieferungen an die Ukraine auf sich lädt, dadurch kompensiert, dass Deutschland sich der Ukraine gegenüber moralisch entschuldet. Russland ist schliesslich der Aggressor.

Es ist eine verzerrte Logik: So oder so, deutsche Waffen tragen dazu bei, dass Nachkommen der sowjetischen Sieger zu Tode kommen oder als Krüppel überleben.

Und nicht nur das. In der deutschen Entrüstung ob des russischen Angriffs und der teils barbarischen Kriegsführung schwingt durchaus ein Gran Genugtuung mit: Seht her, wir waren nicht die Einzigen.

So wird der russische Krieg in der Ukraine auch zu einem Stück deutscher Vergangenheitsbewältigung.