Zu den Heldengeschichten der Gegenwart zählt die Wandlung des Wolodymyr Selenskyj vom Präsidenten-Schauspieler zum Kriegspräsidenten – je nach Intention des Erzählers als patriotisches Rührstück oder Bildungsroman angelegt.

Schon in den ersten Kriegstagen wurden seine Video-Botschaften «ikonisch» genannt.

Tausende Journalisten weltweit glauben jedes seiner Worte. Kritische Würdigungen, die Kenntnis mit Distanz verbinden, sucht man vergebens.

Wenn sogar die Meinungsmacher der New York Times eine Eloge unter dem Titel «Why We Admire Zelensky» veröffentlichen, traut kein Journalist sich an die Schattenseiten.

Dabei gab es massive Korruptionsvorwürfe lange vor dem russischen Angriff. In jene Zeit fallen auch die diskriminierenden Sprachengesetze sowie das Verbot und die Enteignung mehrerer TV-Sender der politischen Konkurrenz.

Das seit dem russischen Überfall geltende Kriegsrecht erlaubt den weiteren Rückbau demokratischer Institutionen. Bereits im März hat Selenskyj alle landesweiten TV-Sender zu einer strategischen Info-Plattform zusammengefasst. Parteien, deren Zielgruppe die russischsprachige Bevölkerung ist, sind seit Kriegsbeginn verboten.

De facto gleichen sich die gesellschaftlichen Strukturen der Kriegsgegner einander an: Russland und die Ukraine werden zunehmend autoritär regiert.

Das erklärt sich nicht zuletzt aus der gemeinsamen Herkunft: das repressive Erbe, das Streben nach Zentralismus und Durchregieren, das Misstrauen gegenüber Selbstverwaltung, Teilhabe und Autonomie.

Der Krieg beschleunigt die Entwicklung.