Heute begegnete ich um sieben Uhr abends auf meinem Spaziergang in Caslano, Ticino, zwei Spaziergängerinnen aus der Deutschschweiz. Die eine grüsste mich mit «Buongiorno», die andere sagte «Grüezi», und ich sagte «Salve!». Das ist gelebte Schweizer Dreisprachigkeit. Aber wie immer, wenn drei Schweizer zusammenkommen, sagten zwei davon das Falsche. Man sagt um sieben Uhr abends nicht «Buongiorno», und schon gar nicht sagt man in Caslano «Grüezi». Ich war wieder einmal der Einzige, der das Richtige sagte. Das ist aber auch der Grund, warum ich allein unterwegs war und die beiden anderen zu zweit. Man hat schnell viele Freunde, wenn man am Abend «Buongiorno» sagt, und ein ganzes Heer von Freunden hat man, wenn man, egal, ob in Zürich, Genf oder Lugano, «Grüezi» sagt. Man schaue sich mal in den Beizen unseres Landes um: Wer hockt da zu sechst an den Tischen? Sicher nicht Leute, die gerade ein bahnbrechendes Buch über den Philosophen Ludwig Wittgenstein geschrieben haben. Denn es ist sehr unwahrscheinlich, dass sechs Leute zeitgleich ein geniales Buch geschrieben haben. Aber es ist nicht unwahrscheinlich, dass sechs Leute sich zeitgleich für Fussball interessieren. Dass sich sechs Leute, wenn es denn Männer sind, zeitgleich für Titten interessieren, kann sogar als fast zwangsläufig bezeichnet werden. Jetzt weiss man, wer da in der Beiz zu sechst sitzt. Und man weiss auch, wer an dem kleinen Ecktisch sitzt, wo noch ein leerer zweiter Stuhl steht, den aber ein siebter an Fussball Interessierter mit der Frage «Isch dä frei, tanke!» an den Sechsertisch stellt, damit er auch dort hocken kann. Jetzt sind es dort schon sieben, und am Ecktisch sitzt ganz allein ein pensionierter Physiker und berechnet die Abweichung der Kreisbahnen von Elektronen unter Einfluss von Alkohol. Dieser Mann wird nie zu siebt in einer Kneipe sitzen, einfach weil von sieben Schweizern sechs schlecht in Mathematik sind.

Es ist sehr unwahrscheinlich, dass sechs Leute zeitgleich ein geniales Buch geschrieben haben.Oder denken wir mal an ein Kino, in dem iranische Problemfilme gezeigt werden. Man kann Gift drauf nehmen, dass es in dem Kino nur zwanzig Sitzplätze gibt, von denen achtzehn leer sind. Auf den anderen zwei Plätzen sitzen maximal weit auseinander zwei Liebhaber iranischer Problemfilme, wobei der eine auf die iranischen Problemfilme der Jahre 1994 bis 1998 spezialisiert ist, die der andere für kompletten Bullshit hält. Für ihn beginnt die Blüte des Problemfilms erst 2001 mit dem sechsstündigen Film «Das Kopftuch meiner Grossmutter, die in Mahabad Ersatzteile für Motorräder verkaufte». Leere Plätze im Kino, Einzeltische in Kneipen, einsame Spaziergänger in Caslano wie ich – das alles ist immer ein Hinweis darauf, dass grosse Intelligenz auf die Verständnislosigkeit der Masse trifft. Das gilt natürlich nicht für leere Bänke in Kirchen beziehungsweise sollten wir nicht davon ausgehen, dass der Einzige, der in einer Kirche sitzt, gerade einen überlichtschnellen Raketenantrieb erfunden hat. Nicht jeder, der allein ist, ist es aufgrund seiner Genialität. Umgekehrt ist nicht jeder, der mit sechs anderen an einem Tisch sitzt, einer, der im Tessin «Grüezi!» sagt. Jesus sass mit zwölf Leuten an einem Tisch und war trotzdem speziell. «He hallo», sagte mein Freund Bruno, als ich mit ihm darüber sprach, «er war Religionsgründer. Solche Leute müssen mit vielen Leuten an einem Tisch sitzen. Bei ihnen und bei Politikern ist das déformation professionnelle. Es sagt überhaupt nichts darüber aus, ob sie Genies sind oder Vollpfeifen. Überhaupt, deine ganze Theorie hinkt», sagte Bruno und bat mich, zu gehen, er wolle jetzt allein sein. Allein einen Spaziergang am See machen. «Na dann, salve!», sagte ich und ging mit dem schlechten Gefühl, etwas Falsches gesagt zu haben, denn man sagt beim Gehen «Citterio!».