La scomparsa di Bruno Breguet (CH 2024) Dokfilm von Olmo Cerri

Auf den Tessiner Gymnasiasten aus der beschaulichen Schweiz müssen die Demos, Strassenkämpfe, Sit-ins gegen Krieg, Flucht, Unterdrückung von Vietnam bis Palästina in den 1970ern wie ein Feuerwerk von magic moments gewirkt haben. Anders ist kaum erklärbar, was den jungen, kurz vor der Matura stehenden Bruno Breguet aus Minusio dazu trieb, die Brücken hinter sich abzubrechen und den bewaffneten Widerstand zu suchen.

Er war, wie viele seiner Generation, infiziert vom Renitenz-Elan gegen das «Establishment». Und so fräste er sich als «Kind von Marx und Coca-Cola» durch die einschlägige Literatur. Entscheidend war 1969 der Prozess gegen drei palästinensische Attentäter in Winterthur, die auf dem Flughafen Zürich Kloten eine Maschine der israelischen Gesellschaft El Al angegriffen hatten. Die Palästinenser wurden verurteilt, der israelische Sicherheitsmann aber, der einen der Attentäter getötet hatte, freigesprochen. Für Bruno eine Riesenungerechtigkeit. Das überzeugte ihn endgültig, der Volksfront zur Befreiung Palästinas (PFLP) beizutreten.

1970 reiste er nach Beirut, ins Rekrutierungsbüro der PFLP (Popular Front for the Liberation of Palestine), wo der unauffällige junge Mann mit Schweizer Pass willkommen gewesen sein soll. Jedenfalls wurde er vier Monate später mit einem Sprengstoffgürtel um die Hüfte und einem Zünder in einer Marlboro-Schachtel in Haifa vom Zoll gestellt. Neben dem Sprengstoff wurden auch Metallplatten mit der Aufschrift PFLP gefunden, die jeweils nach blutigen Attentaten an den Tatorten hinterlassen worden waren. Der Anschlag sollte dem Shalom Tower gelten, damals das höchste Gebäude im Nahen Osten. Breguet wurde zu fünfzehn Jahren Haft verurteilt, 1977 aber bereits freigelassen.

Das Timing ist nicht schlecht, in einem Klima des Antizionismus und Antisemitismus, der weltweiten Pro-Palästina-Demos und Uni-Besetzungen einen Dokfilm über den engagierten, aber naiven Terroristen Bruno Breguet ins Kino zu bringen. Darin versucht Olmo Cerri (Untertitel: «Vom zivilen Ungehorsam und militanten Widerstand»), die Motive des fast in Vergessenheit geratenen Schweizer Terroristen, dessen Verschwinden bis heute mysteriös geblieben ist, zu entschlüsseln.

 

Die Illusion muss bleiben

Cerris Annäherung laviert zwischen Romantisierung und vorsichtigen Rechtfertigungsversuchen. Samtpfotenartig erzählt Cerri von einem verschlossenen, fast schüchternen jungen Mann, dessen erster Attentatsversuch schon am Zoll in Haifa scheiterte. Ehemalige Gefährten vermuten, er sei einem Maulwurf zum Opfer gefallen, andere, einem «Test» der PFLP. Nach der Haft habe sich Breguet als Palästinenser gefühlt, liess er mitteilen, aber für die Partei war er «wertlos» geworden.

Aufgeben war für ihn keine Option, und so schloss er sich 1979 dem berüchtigten Terroristen Carlos an. Carlos’ Truppe übernahm für jeden die Drecksarbeit, auch für den rumänischen Diktator Ceausescu mit einem Anschlag auf den Sitz von Radio Free Europe in München, bei dem acht Menschen zum Teil schwer verletzt wurden. Breguet war aktiv beteiligt. Als er in Paris einen irakischen Verleger und seine Redaktion zerbomben sollte, wurden Breguet und seine Komplizin erwischt. Dreieinhalb Jahre Knast, danach blieb er Carlos treu, war viel im Nahen Osten und soll sich später nach Griechenland zurückgezogen haben. Auf einer Fähre zwischen Griechenland und Italien ist er im November 1995 spurlos verschwunden. Dem Terrorismusforscher und Historiker Adrian Hänni gelang später ein Scoop mit der Enthüllung, Breguet sei zur CIA übergelaufen.

Das Aufschlussreichste und zugleich Amüsanteste an Cerris Dokumentation sind die ehemaligen Freunde und Wegbegleiterinnen aus der linken Szene. Allesamt charmante, weisshaarige, die Vergangenheit auch selbstironisch verklärende Damen und Herren, die über die alten Zeiten reden wie über einen längst erloschenen Vulkan, in den sie noch einmal ein paar Blicke werfen und nicht recht glauben können, dass der mal Feuer spie. Verblüffend ist, dass sie letztlich nicht viel über Breguet wissen, seinen Weg nicht teilten, ihn aber auch nicht wirklich verurteilen wollen. Der Enthüllung von Adrian Hänni misstrauen sie. Da ist er dann doch noch, der alte Korpsgeist der einst aktiven Linken: Die Illusion muss bleiben. Olmo Cerris Handicap ist vor allem, dass die Familie Breguet sich konsequent weigerte, am Film mitzuwirken. So erfährt man zu wenig über diesen seltsamen Idealisten, der zum Bombenleger wurde, um die Welt zu verbessern.