Wie konnten sie uns das antun? Warum will Kiew uns zerstören? Das sind die Fragen, die sich die Bewohner des Donbass seit zehn Jahren stellen. Von der Schweiz oder von Deutschland aus betrachtet, mögen sie unpassend erscheinen, so sehr haben wir uns an die Vorstellung gewöhnt, dass nur die Ukrainer unter dem Krieg leiden würden. Wir wollen nicht daran erinnert werden, dass der Kampf seit 2014 andauert und in erster Linie die Zivilbevölkerung im Donbass betroffen hat.

Eine Woche lang konnte ich die Region über ihre engeren Grenzen hinaus in alle Richtungen bereisen, zerstörte und im Wiederaufbau befindliche Städte besuchen, Flüchtlinge treffen und mit den Menschen vor Ort sprechen. Ich zweifle nicht daran, dass dieser Bericht bei vielen Menschen Anstoss erregen wird, die daran gewöhnt sind, die Welt schwarzweiss zu sehen. Denen werde ich antworten, was John Steinbeck und Robert Capa ihren Kritikern entgegenhielten, als sie 1947, zu Beginn des Kalten Krieges, Stalins Russland besuchten: Ich begnüge mich damit, Zeugnis abzulegen und zu berichten, was ich auf der anderen Seite der Front gesehen und gehört habe. Es ist dann jedem selbst überlassen, sich eine eigene Meinung zu bilden. Meine ist, dass Russland und die Menschen im Donbass ihren Kampf niemals beenden werden, bevor sie ihn nicht gewonnen haben.

 

Freund fürs Leben

Alles begann auf sehr russische Weise mit einer unwahrscheinlichen Verkettung von Zufällen. Vor neun Jahren hatte ich in Duschanbe einen tadschikischen Unternehmer aus Moskau getroffen, der seine Tochter verheiratete. Er sprach kein Wort Englisch und hatte, ohne auf mein miserables Russisch Rücksicht zu nehmen, unsere ganze Delegation zur Hochzeit eingeladen. Ich hielt eine kleine Ansprache zu Ehren der Braut und ihrer Eltern. Seitdem ist Umar Ikromowitsch ein Freund fürs Leben, von dem mich weder die Entfernung noch die sprachliche Kluft trennen können. Ein-, zweimal im Jahr, an wichtigen Feiertagen, schickt er mir Telegram-Nachrichten. Im Februar überraschte er mich mit dem Vorschlag, mich ihm anzuschliessen und seine Projekte im Donbass zu besuchen, wo er noch nie zuvor gewesen war. Umar beschäftigt einige hundert Arbeiter in der Region Moskau und einige Dutzend beim Wiederaufbau des Donbass.

Am 3. April um drei Uhr morgens warteten er und Nikita, ein Freund von ihm aus dem Verteidigungsministerium, am Ausgang des Moskauer Flughafens Wnukowo auf mich, um sich mit mir in den Donbass aufzumachen. Nikita hatte das Programm vorbereitet und die erforderlichen Genehmigungen sowie einen erfahrenen Fahrer, Wolodja, besorgt. Zehn Stunden am Stück, mit einer kurzen Kaffeepause an einer neueröffneten Tankstelle, rasten wir die 1060 Kilometer lange Prigogine-Autobahn von Moskau nach Rostow am Don hinunter, genau die Autobahn, die der verstorbene Wagner-Chef Jewgeni Prigoschin im Juli vergangenen Jahres mit seinen Panzern hatte hochfahren wollen.

Nichts ist einfacher als eine russische Autobahn. Sie verläuft immer geradeaus, bis Rostow gibt es keine einzige Kurve. Und da sich diese hier in makellosem Zustand befindet, abgesehen von fünfzig Kilometer Baustelle kurz vor Rostow, verlief die Fahrt schnell und schmerzlos, so dass wir innert weniger Stunden vom letzten Moskauer Schnee in den süssen Frühling am Asowschen Meer gelangten. Unterwegs ein ununterbrochenes Hin und Zurück von Lastwagen, einige Militärkonvois, aber letztlich recht wenige von ihnen.

In Rostow, dem geschäftigen Hafen und der staugeplagten Hauptstadt des russischen Südens, konnten wir kaum unser Gepäck abstellen und drei Schritte gehen, als wir schon zu unserer ersten Besichtigung aufbrachen: eines riesigen Pumpspeicherwerks für das Wasser des Don an der Mündung des Flusses, rund zwanzig Kilometer von der Stadt entfernt. Die Arbeiter sind noch damit beschäftigt, die Aussenanlagen fertigzustellen. Zwei riesige Rohre, Dutzende von 20 000 Kubikmeter grossen Tanks und acht Pumpstationen mit jeweils elf Turbinen leiten nun Süsswasser von Rostow in das 200 Kilometer entfernte Donezk, das aufgrund des ukrainischen Embargos über kein Trinkwasser mehr verfügt. Alles ist automatisiert. Die 3700 Arbeiter begannen und beendeten die Baustellenarbeiten sowie die Errichtung der Hochspannungsleitung, die die Turbinen mit Strom versorgen sollte, innerhalb von sechs Monaten zwischen November 2022 und April 2023.

Es scheint ausgeschlossen, dass Russland jemals wieder zustimmen wird, sich vom Donbass zu trennen.Erste Schlussfolgerung: Nach solch schnellen und kolossalen Investitionen erscheint mir der russische Wille unerschütterlich, und es scheint ausgeschlossen, dass Russland jemals wieder zustimmen wird, sich vom Donbass zu trennen. Dieses Gebiet ist nunmehr russisch.

Bei Einbruch der Dunkelheit sitzen wir am Tisch einer offensichtlich sehr beliebten Brasserie in Rostow mit Blick auf den friedlichen Don. Die Nacht ist ruhig, der Schlaf bleiern. Die darauffolgende, mit vierzig ukrainischen Raketen, die auf den nahegelegenen Luftwaffenstützpunkt Morosowsk abgefeuert werden, wird etwas lebhafter.

Am nächsten Morgen geht es nach Mariupol, 180 Kilometer und drei Fahrstunden entfernt. Nach Taganrog führt die Strasse am Asowschen Meer entlang und ist mit LKW-Konvois verstopft, die vom Donbass kommen und wieder dorthin zurückkehren. Sie wird derzeit verbreitert. Die Militärfahrzeuge tragen ein deutlich sichtbares V oder Z. Vor und hinter der Grenze zur Republik Donezk reihen sich Checkpoints und verschiedene Kontrollen aneinander. An den Seitenstreifen warten lange Kolonnen auf die Durchsuchung. Dank unserer Passierscheine befinden wir uns bald auf ehemals ukrainischem Gebiet. Jewgeni, ein Russe aus Wladiwostok, der sich freiwillig bei der Republik Donezk gemeldet hat, übernimmt die Führung. Er wird uns während unseres gesamten Aufenthalts als Reiseführer und Dolmetscher dienen.

Kurz vor Mittag erreichen wir die Vororte von Mariupol und betreten das völlig verwüstete Gebiet von Asowstal. Die Fabrik besteht nur noch aus verrosteten Schornsteinen, einem Geflecht aus aufgerissenen Rohren und verbogenem Schrott. Eine apokalyptische Szenerie, die Erinnerungen an Stalingrad, die Traktorenfabrik, Wassili Grossman und die «Russische Reise» von Steinbeck und Capa weckt. Keines der umliegenden Häuser hat überlebt.

Das Stadtzentrum hielt viel besser stand, die Zerstörungsrate kann auf den ersten Blick auf 50 Prozent geschätzt werden. Es wird derzeit umfassend renoviert. Der Wiederaufbau des berühmten Theaters auf dem zentralen Platz – ob es bombardiert oder gesprengt wurde, ist unklar – soll bis zum Jahresende abgeschlossen sein. Mein Freund Umar ist zufrieden: Die Kinder und jungen Mütter haben den Park und den Spielplatz, den seine Firma gerade fertiggestellt hat, bereits in Beschlag genommen. Die Buslinien, die von der Stadt St. Petersburg gestiftet wurden, sind wieder in Betrieb. Die Strassencafés haben wieder geöffnet.

Dann fahren wir wieder in den Westen der Stadt, der eine ganz andere Landschaft bietet. Dort ist alles neu. Die alten Viertel wurden bereits renoviert, und innerhalb von nicht einmal einem Jahr sind neue Viertel, Häuserblocks, eine Schule, eine Kita und ein Krankenhaus aus dem Boden geschossen. Eine Frau, die ihren Hund ausführt, erzählt uns, dass sie erst vor zwei Wochen in ihre brandneue Wohnung eingezogen sei, nachdem sie monatelang in einem Slum ohne fliessendes Wasser gelebt habe.

 

Erinnerungen an Stalingrad

Die Baustellen sind Tag und Nacht in Betrieb, überwacht durch die staatliche Military Construction Company des Verteidigungsministeriums in Zusammenarbeit mit den russischen Städten und Provinzen. 10 000 Bewohner wurden bereits umgesiedelt, und die Stadt hat zwei Drittel ihrer Vorkriegsbevölkerung erreicht, nämlich 300 000 Einwohner. Im Laufe des Nachmittags besichtigen wir ein zweites Krankenhaus mit sechzig Betten, das völlig neu und sehr gut ausgestattet ist, abmontiert werden kann und von freiwilligen Ärzten aus den verschiedenen Regionen Russlands geleitet wird.

Die spektakulärsten Bauten betreffen jedoch die Schulen. Eine neue Marineakademie am Meer wird im September ihren ersten Kadettenjahrgang aufnehmen. Klassenzimmer, Internat, Sporthallen, Trainingsräume – vier glänzende Gebäude aus Glas und Stahl wurden innerhalb von zehn Monaten aus dem Boden gestampft. Vorgesehen für 560 uniformierte Schülerinnen und Schüler im Alter von elf bis siebzehn Jahren, werden sie hauptsächlich Waisenkinder aus den beiden Donbass-Kriegen, dem von 2014 bis 2022 und dem von 2022 bis 2024, aufnehmen, wie man mir sagte. Sechs Tage pro Woche mit acht bis zehn Stunden Unterricht pro Tag; es wird kaum Zeit für Langeweile geben. Nach Abschluss der Schule können die Schüler entweder ihre Ausbildung bei der Marine vervollständigen oder an einer zivilen Universität studieren.

Neue Viertel, eine Schule, eine Kita und ein Krankenhaus sind aus dem Boden geschossen.Die zweite Schule ist klassischer, aber noch spektakulärer. Es handelt sich um ein experimentelles Gymnasium, wie man es in Russland (und meines Wissens auch in der Schweiz) noch nie zuvor gesehen hat. Das bemerkenswerte Design ist sehr durchdacht. Die Klassenzimmer sind mit den neuesten Technologien ausgestattet, mit Computern, Robotern, Cyber- und Nanotechnologie sowie künstlicher Intelligenz. Klassischer sind die Räume für Zeichnen, Nähen, Kochen, Malen, Sprachen, Ballett, Theater, Chemie, Physik, Biologie, Anatomie und Mathematik. Es gibt sogar einen Raum, der mit Kabinen ausgestattet ist, in denen man das Fahren und das Fliegen lernen kann.

Die Ende 2022 begonnene und im September 2023 fertiggestellte Schule hat im vergangenen Jahr ihren ersten Jahrgang mit 500 Schülerinnen und Schülern aufgenommen, und zum Beginn des neuen Schuljahres im September erwartet sie weitere 500. Der Lehrplan ist ebenfalls auf dem neusten Stand, ohne jegliches Geplänkel: Der Unterricht dauert zwölf Stunden pro Tag. Er beginnt um 8 Uhr und endet um 20 Uhr, wobei morgens sechs Stunden «harte» Fächer und nachmittags sechs Stunden Freizeit- oder Ergänzungsfächer unterrichtet werden. Die Kantine bietet drei Mahlzeiten pro Tag. Die einzige Schwierigkeit, so versichert die Direktorin, bestehe darin, Lehrkräfte zu finden, die bereit sind, nach Mariupol zu ziehen. Aber sie scheint nicht der Typ zu sein, der vor dieser Aufgabe zurückschreckt.

Die Klassenzimmer sind mit den neuesten Technologien ausgestattet, Robotern, künstlicher Intelligenz.Am späten Nachmittag fahren wir auf die brandneue Autobahn, die Mariupol mit dem 120 Kilometer entfernten Donezk verbindet, und machen einen kurzen Stopp in der Kleinstadt Wolnowacha, deren Kulturpalast im November letzten Jahres einen Himars-Schlag erlitt. Das Dach stürzte ein, und Gerüste verstopften die Überreste der Bühne und des Saals. Glücklicherweise forderte der Beschuss weder Tote noch Verletzte, da die für diesen Tag angesetzte Aufführung in letzter Minute verlegt worden war. Für die Einheimischen bestand kein Zweifel daran, dass die Ukrainer so viele Zivilisten wie möglich töten wollten. Mein Reiseführer erklärt mir, dass sie die Himars-Raketen immer in Dreiergruppen abfeuern: eine erste Rakete, um das Dach und die Strukturen zu durchschlagen, eine zweite, um die Bewohner zu liquidieren, und 20 bis 25 Minuten später ein dritter Schlag, um so viele Feuerwehrleute, Rettungskräfte, Verwandte, Polizisten, Freunde und Nachbarn wie möglich zu töten, die den Opfern zu Hilfe kommen. Diese Geschichte wird mir wiederholt erzählt.

Donezk ist eine Grossstadt mit einer Million Einwohnern, sehr weitläufig, sehr belebt, mit dichtem Verkehr. Man sieht nur wenige zerstörte Gebäude oder Fassaden. Stattdessen erbebt die Stadt vom Klang der Kanonen. Ich hatte bei meiner Ankunft aufgrund der Müdigkeit und der Aufregung des Tages nicht darauf geachtet. Doch als ich um drei Uhr morgens aufwache, werde ich plötzlich vom Kanonendonner erschlagen. Alle zwei bis drei Minuten geht ein Schuss los, der die Fensterscheiben erzittern lässt und den Himmel in ein orangefarbenes Licht taucht: Es handelt sich um russische Artilleristen, die auf ukrainische Stellungen einige Kilometer vom Stadtzentrum entfernt feuern. Die Ukrainer setzen regelmässig Raketen, Drohnen oder Himars-Raketen ein, was jeweils russisches Gegenfeuer auslöst.

Am nächsten Morgen wird mir beigebracht, wie man die einen von den anderen unterscheidet. Die Himars sind bis zur letzten Explosion lautlos, die französischen Scalp- und die britischen Storm-Shadow-Raketen verursachen ein Flugzeugsummen ebenso wie die russischen Abwehrraketen, während gewöhnliche Granaten zischend niedergehen. Wie auch immer, ich müsse mir keine Sorgen machen, versichern mir meine neuen Freunde. Sie haben mich im einzigen Hotel der Stadt untergebracht, das noch in amerikanischer Hand ist, und die Ukrainer würden es nie wagen, auf ein amerikanisches Ziel zu schiessen. Nichtsdestotrotz fordert der ukrainische Beschuss weiterhin Verletzte und durchschnittlich einen Toten pro Woche – allesamt Zivilisten, denn es gibt keine Soldaten, militärischen Fahrzeuge oder Einrichtungen in der Stadt. In den vier Tagen vor Ort sollte ich keiner einzigen Uniform begegnen.

Wir beginnen den Tag mit einem Besuch der «Allee der Engel» inmitten eines schönen Stadtparks. Auf diesen Namen taufte man das Mahnmal, das zum Gedenken an die Kinder errichtet wurde, die seit 2014 durch ukrainische Bombenangriffe getötet wurden. 160 Namen wurden bereits auf den Marmor geschrieben. Inzwischen umfasst die Liste schon über 200 Namen. Unter dem schmiedeeisernen Torbogen türmen sich Dutzende von Blumensträussen, Spielsachen und Kinderfotos. Es ist erschütternd.

 

«Sie wollen uns zerstören»

Auf dem Rückweg besuchen wir die Kollegen vom Fernseh- und Radiosender Oplot am Rande des zentralen Platzes. Ihr Gebäude wird regelmässig von Himars beschossen. Die letzten getroffenen Studios konnten noch nicht repariert werden, aber sie werden ohne grössere Umstände wieder instand gesetzt. Die fünf Fernseh- und Radiokanäle senden ihr Programm ohne Unterbrechung. Die Leitung und das Team bestehen zu 90 Prozent aus Frauen, die wenigen Männer sind mit der Berichterstattung von der zehn Kilometer entfernten Front beauftragt. Ein kleiner Kindergarten – eine grosse Kinderkrippe würde die Aufmerksamkeit der ukrainischen Himars auf sich ziehen – betreut die Kinder der Angestellten. Dies ist in der ganzen Stadt so, da die öffentlichen Kindergärten geschlossen werden mussten, um den Luftschlägen zu entgehen. Anfangs, im Jahr 2014, sei es wegen der Anschlagsgefahr schwierig gewesen, Journalistinnen und Journalisten anzuwerben, aber das sei heute nicht mehr der Fall, versichert die Chefredaktorin Nina Anatolewa. Die russische Intervention im Jahr 2022 habe die Sicherheit stark erhöht. Aber man habe Einschaltquoten eingebüsst. Ihre Kanäle, die im russischsprachigen Teil der Ukraine weit verbreitet waren, seien abgeschaltet worden und nur noch im Internet oder über das lokale Netz zu sehen.

Am Nachmittag machen wir uns auf den Weg zum Dorf Jassynuwata, das in der Nähe von Awdijiwka und damit in unmittelbarer Nähe der Front liegt. Das Dorf, das dem ukrainischen Granatbeschuss stark ausgesetzt ist, beherbergt eine Schule, die in ein Aufnahmezentrum für Flüchtlinge aus den nahegelegenen Dörfern umfunktioniert wurde. Sobald wir Donezk verlassen, wird die Nähe zur Front spürbar. Die Strasse ist von Granatbeschuss zerfurcht und mit Trümmern von eingestürzten Brücken übersät. Links von uns fliegen zwei Ka-52-Alligator-Hubschrauber und ein Mi-8-Hubschrauber im Tiefflug von der Front zurück. Zu unserer Rechten bilden Schützengräben und drei Reihen von Drachenzähnen, die an die Form unserer Schweizer Toblerone erinnern, eine der russischen Verteidigungslinien. Militärfahrzeuge fahren regelmässig an ihr entlang.

«Die ukrainischen Soldaten haben uns überhaupt nicht geholfen», sagt die 85-jährige Nina Timofeewna.Unser Fahrzeug ist vollkommen anonym. Kein Konvoi, keine Presseabzeichen, keine kugelsicheren Westen oder Helme könnten die Aufmerksamkeit ukrainischer Überwachungsdrohnen auf sich ziehen. Die GPS-Geräte unserer Handys sind längst deaktiviert. Es geht darum, so gewöhnlich wie möglich zu wirken. Die Strasse wird immer holpriger, und es gibt so gut wie keinen Verkehr. Der Fahrer, der Reiseleiter und Umar sind vollkommen unaufgeregt.

Die Schuldirektorin, eine frühere Mathematiklehrerin begrüsst uns. Das Ende der Kämpfe um Awdijiwka und die Nachbardörfer Ende Februar hat die überlebenden Bewohner aus den Kellern geholt. Sie sind hier in den Klassenzimmern untergebracht, bis sie wieder in ihre Häuser zurückkehren können oder eine neue Unterkunft finden. Von den 160 Personen, die untergebracht wurden, konnten bereits einige wieder heimkehren nach Awdijiwka.

Heute ist Nina Timofeewna, 85 Jahre alt und voller Schwung, an der Reihe, in ihre Wohnung zurückzukehren. Sie hatte zwei Jahre lang in ihrem Keller gelebt und auf der Strasse Feuer gemacht. Sie versichert: «Die ukrainischen Soldaten haben uns überhaupt nicht geholfen.» Währenddessen habe die russische Armee ihr Dach und die Fenster ihres Hauses repariert, sodass sie wieder in dieses einziehen kann. Sie wird begleitet von zwei Soldaten der Militärpolizei, die ihr Gepäck tragen. «Das ist kein Krieg, sondern ein Massaker an Zivilisten. Sie wollen uns zerstören.»

In den Fluren packen Freiwillige der orthodoxen Kirche Kartons mit Kleidung, Wasserflaschen und Lebensmitteln aus. In den anderen Räumen: ein Paar mit einer schönen blauäugigen Katze, alte Menschen, eine Familie mit einem vierjährigen Jungen. Deren Wohnung wurde von einer Rakete weggeblasen, als sie versuchten, im Freien etwas zu essen zu finden. Der Vater war Arbeiter und die Mutter Buchhalterin in Awdijiwkas Kokerei. Sie entgingen dem Tod wie durch ein Wunder und können es noch immer nicht fassen, überlebt zu haben . . .

 

Mit Nazisymbolen tätowiert

Auf dem Rückweg nach Donezk kommen wir auf das Leben während des Krieges zu sprechen, und Jewgeni erzählt mir, dass in Mariupol das Neonazi-Bataillon Asow bereits 2014 ein geheimes Gefängnis in einem Flughafengebäude eröffnet hatte, das «Bibliotheka» genannt wurde, weil die Opfer dort als «Bücher» bezeichnet wurden, ganz nach dem Vorbild der Nazis, die ihre Opfer als «Stück» bezeichneten. Laut Zeugenaussagen wurden dort Dutzende Menschen gefoltert und getötet während der acht Jahre, in denen die mit Nazisymbolen tätowierten Nationalisten des Bataillons in Mariupol das Sagen hatten und die örtliche Polizei wegschaute. Derzeit laufen Ermittlungen, um die Opfer zu identifizieren, und die Besichtigung der Räumlichkeiten wurde sistiert. Die russische Presse berichtete darüber, aber die westlichen Medien schwiegen – aus Angst, das Narrativ von den guten Ukrainern und den bösen Russen zu beschädigen.

Zweite Feststellung: Der Donbass feiert Anfang April den 10. Jahrestag seines Aufstands gegen das Kiewer Regime, das gegen ihn den Terrorkrieg ausgerufen hatte. Tausende Menschen, Kinder, Zivilisten und Kämpfer wurden getötet. Donezk erhielt den Beinamen «Stadt der Helden». Nach so vielen Opfern werden die drei Millionen Einwohner der Oblast bis zum Ende kämpfen, um ihre Republik zu verteidigen, egal, zu welchem Preis, und egal, was man im Westen über sie denken mag.

Die Schlacht zwischen Russland und dem Westen, zwischen den Ukrainern in Kiew und den ehemaligen Ukrainern, die zu Russen geworden sind, ist jedoch nicht nur eine militärische, sondern auch eine erinnerungspolitische.

Im Westen möchte man den 80. Jahrestag der Landung der Alliierten am 6. Juni ohne die Russen begehen und leugnen, dass der Sieg über Nazideutschland in erster Linie ein sowjetischer Sieg war und dass die Operation Overlord ohne die von der Roten Armee im Osten durchgeführte Operation Bagration, mit der die deutschen Panzerdivisionen ebendort eingeschlossen wurden, nicht hätte erfolgreich sein können.

 

Erben schicken Henker

Insbesondere in Osteuropa, den baltischen Staaten und der Ukraine werden mit aller Gewalt historische Statuen und Denkmäler für die Gefallenen des Zweiten Weltkriegs abgerissen, um Stelen für die Opfer der Sowjets und der Nationalisten zu errichten, die an der Seite der Nazis kämpften und Juden massakrierten, wie Stepan Bandera, Jaroslaw Stezko oder Roman Schuchewytsch. Man tut so, als würde man vergessen, dass das Todeslager Treblinka von etwa zwanzig deutschen SS-Männern geleitet wurde und die Vernichtung von etwa hundert ukrainischen und litauischen Aufsehern durchgeführt wurde.

Die Feier des Holodomor, wie die Ukrainer die von Stalin 1932 gegen die Bauernschaft ausgelöste Hungersnot nennen, ist ein typisches Beispiel dafür. Sie schreibt dieses Hungermassaker allein den Russen zu und macht die Ukrainer zu ihren einzigen Opfern, obwohl es auch Südrussland und Kasachstan betraf und von einem Georgier, Stalin, inszeniert und von einem Polen, Kossior, der die Ukraine zu dieser Zeit regierte, ausgeführt wurde.

Täglich werden in Osteuropa Denkmäler abgerissen und andere an ihrer Stelle errichtet, heimlich, still und leise, während die westlichen Medien darüber schweigen. Diese Umschreibung der Geschichte ist den Menschen im Donbass nicht entgangen. Getreu ihrem Motto «Niemals vergessen, niemals vergeben» reagieren sie mit einer Verdoppelung des Gedenkens und der Errichtung von Denkmälern für ihre gefallene Helden.

Das zweifellos beunruhigendste Denkmal ist dasjenige des Minenschachtes 4/4 BIS in Donezk. Ich hatte noch nie davon gehört, und ich nehme an, Sie auch nicht. Es wird geschätzt, dass dort von Ende 1941 bis 1943 75 000 bis 102 000 Menschen ermordet wurden, doppelt bis dreimal so viele wie in Babyn Jar. Die gesamte Jüdische Gemeinde von Donezk (damals «Stalino» genannt) wurde in diese Grube geworfen, nebst Zehntausenden von Zivilisten. Diese Gedenkstätte, die von der Regierung in Kiew nach 1991 ignoriert wurde, weil sie das offizielle Narrativ störte und nur die russischsprachigen Menschen im Osten des Landes betraf, wird seit letztem Jahr wiederbelebt. Ein Besuch des Ortes genügt, um zu verstehen, warum sich die Bewohner des Donbass im April 2014 erhoben, als das aus dem Maidan hervorgegangene Regime deren Sprache verbieten wollte und die Erben ihrer Henker schickte, um sie zu unterdrücken.

Ein Besuch des Ortes genügt, um zu verstehen, warum sich die Bewohner des Donbass im April 2014 erhoben.Man kann Denkmäler zerstören, nicht aber die Erinnerung.

Siebzig Kilometer von Donezk entfernt, in der Provinz Horliwka, ist das monumentale Kenotaph von Sawur-Mohyla ein weiteres Zeugnis der Schlachten des letzten Jahrhunderts. Er wurde auf dem höchsten Hügel des Donbass an jener Stelle errichtet, wo im Juli und August 1943 schwere Gefechte stattfanden, zeitgleich mit der berühmten Panzerschlacht von Kursk, die die Wehrmacht zerschlagen sollte. Im Jahr 1963 wurde hier eine Treppenallee mit einer riesigen Turmspitze errichtet.

Siebzig Jahre später, im August 2014, war der Hügel Gegenstand eines erbitterten Stellungskampfes zwischen Separatisten und Kiewer Soldaten, bevor er endgültig von den Donezker Republikanern unter deren Anführer Alexander Sachartschenko zurückerobert wurde. Die Kämpfe hatten das Denkmal verwüstet. Nach 2022 liess Putin es wieder aufbauen, um an die beiden Kriege zu erinnern, den Grossen Vaterländischen Krieg von 1941 bis 1945 und den Krieg um den Donbass von 2014 bis 2022. Auf beiden Seiten der Allee stehen grosse geschnitzte Stelen, die die Helden feiern, die zwischen 1941 und 2022 für die Freiheit des Donbass gestorben sind.

Am intensivsten ist dieser Erinnerungsschock aber wohl in Luhansk. Dort werde ich von Anna Soroka empfangen, einer Historikerin und seit 2014 Kämpferin in den Regimentern der Republik. Das erste Denkmal erinnert an die 67 Kinder, die von den ukrainischen Milizionären der Neonazi-Bataillone Kraken und Ajdar getötet wurden, die 2014 versuchten, die Stadt einzunehmen, und sie bis 2022 bombardierten. Es wurde inmitten eines Parks errichtet, der als Kindergarten dient. Mehrere Kinder wurden dort durch ein gezieltes Bombardement der Ukrainer getötet, die umliegenden Gebäude blieben unberührt.

Das zweite Denkmal befindet sich in einem Waldstück ausserhalb von Luhansk. Wie der Minenschacht Nr. 4 in Donezk erinnert dieses an den Ort, an dem während der Nazibesatzung die Jüdische Gemeinde von Luhansk (zirka 3000 Personen, überwiegend Frauen und Kinder) und 8000 Erwachsene unterschiedlicher Glaubensrichtungen ermordet wurden. «Es ist unverständlich, warum Kiew heute die Nachkommen derer ehrt, die während des Zweiten Weltkriegs so viele von uns getötet haben», sagt Anna Soroka. Seit 1991 den Dornbüschen überlassen, wurde die Stätte erst kürzlich restauriert.

 

«Opfer der ukrainischen Aggression»

Ein Stück weiter, auf der anderen Seite der Strasse, haben die Behörden der Republik eine grosse Gedenkstätte zu Ehren der Kämpfer und Zivilisten errichtet, die im Krieg von 2014 bis 2022 getötet wurden. Fast 400 Gräber sind auf beiden Seiten des Weges aufgereiht, der von der von Rodin inspirierten Statue in der Nähe des Eingangs über den zentralen Pfeil bis hin zur brennenden Kapelle führt. Wir halten in der Nähe des Grabes von Iwan Selikhow an. Anna kannte die meisten der hier Begrabenen persönlich.

Am 5. Mai 2014 wurde Iwan aus seinem Haus geholt und von Milizen mit einem Kopfschuss exemplarisch hingerichtet, weil sein Sohn sich bei den Republikanern engagiert hatte. Seine Nachbarn mussten ihn zunächst in dessen Garten beerdigen. Die Stätte befindet sich am Ort der Schlacht und erinnert an die 397 «Opfer der ukrainischen Aggression» in jenem Sommer: Arbeiter, Grabenbauer, Lehrer, Schulkinder, Ärzte, Krankenschwestern und Patienten, die von der Bombardierung ihrer Schule und ihres Krankenhauses (169 Tote) getroffen wurden.

Am 5. Mai 2014 wurde Iwan aus seinem Haus geholt und von Milizen mit einem Kopfschuss hingerichtet.Auf dem Weg zurück in die Stadt kommen wir an dem grossen Denkmal für die sowjetischen Soldaten vorbei, die die Stadt 1943 befreit haben, und an einem mit Blumen geschmückten ukrainischen Panzer, der auf einem Betonsockel am Rande der Autobahn steht: Die Bewohner des Viertels haben ihn dort hingestellt, um daran zu erinnern, dass dieser Panzer vor zehn Jahren ihre Häuser bombardierte. Unterhalb der Strasse befindet sich ein Feld, das immer noch mit Minen übersät ist.

Das letzte Denkmal auf diesem Stadtrundgang ist wahrscheinlich das symbolträchtigste für das tragische Schicksal des Donbass in den letzten hundert Jahren. Es handelt sich um die Gedenkstätte Hostra Mohyla, die auf einem kleinen Hügel im Südosten der Stadt liegt. Mehrere Denkmäler unterschiedlicher Machart erinnern an die verschiedenen Gemeinschaften, die im Laufe der Jahrzehnte von der Landkarte getilgt wurden. Das grösste Denkmal auf dem Gipfel des Komplexes gibt jedoch einen Einblick in die Psychologie der Bewohner der Region. Es besteht aus vier riesigen Soldatenstatuen, bewaffnete Helden der vier Kriege, die das kollektive Bewusstsein des Donbass prägen: ein Kämpfer aus dem Bürgerkrieg, ein sowjetischer Soldat aus dem Grossen Vaterländischen Krieg, ein Aktivist des Anti-Kiew-Widerstands von 2014 bis 2018 und schliesslich ein Kämpfer aus dem seit 2022 bis zum heutigen Tag andauernden Krieg.

Der langen Rede Sinn: Es ist offenkundig, dass Russland und seine neuen Bürger in den ostukrainischen Provinzen ihren Kampf gegen Kiew und den Westen niemals beenden werden, ohne ihn gewonnen zu haben.

 

Guy Mettan ist Journalist und Grossrat des Kantons Genf (früher CVP, heute SVP). Er war Chefredaktor der Tribune de Genève und ist Autor des Buchs «Russie-Occident. Une guerre de mille ans».

Die 3 Top-Kommentare zu "Frühlingsreise durch den Donbass"
  • Eliza Chr.

    Das war nun mal ein ganz anderer, spannender und sehr interessanter Artikel, Herr Mettan! Danke herzlich dafür. Es wird so immer klarer, wieso es RU nicht mehr hinnehmen konnte, wie seine Bürger in der UKR diskriminiert, be- und erschossen wurden und immer noch werden! Wir waren schon in RU und wurden immer freundlich empfangen. Auf jeden Fall ohne Vorurteile. Im Westen, auch hier, ist das Russenbashing an der Tagesordnung, obwohl die Wenigsten eine Ahnung v. Land/Leuten haben,nur nachplappern!

  • Bobby

    Liebe WeWo schickt eine Kopie an Cassis. Vielleicht lädt er doch noch Russland auf den Bürgenstock ein und falls dies erfolglos ist, sagt er die unnütze und schädliche Show ab.

  • Euglena

    Danke, Guy Mettan für diesen wunderbaren, die Wahrheiten benennenden, beschriebenen, aufrüttelnden& doch erfreulichen Artikel.💐Aus damals beruflichen Gründen,bereiste ich mehrmals vor 1991 die Sowjetunion,als die UA noch nicht eigenständig war. Ich lernte Land&Leute auf eine ganz besondere,unbeschwerte Art&Weise kennen.NICHTS von Alledem,was die westl.Printmedien seit 02/2022 über/von den Russen schreiben,entspricht der Wahrheit.Als Putin vor 02/2022 mehrmals in DE war,>Stehende Ovationen im BT