Darf ich bemerken, dass ich nur begrenzten Gefallen daran finde, gemeinsam mit Menschen Dienst zu tun? Für mich sind ihre Unlogik und ihre törichten Gefühle ein fortwährendes Ärgernis.

Mr Spock

Rationalität ist uncool, Beinamen für kluge Leute wie Streber, Fachidiot, Intelligenzbestie, Nerd oder Geek implizieren, dass es ihnen elementar an Hipness mangelt. Schon seit Jahrzehnten verkünden uns Hollywood-Drehbücher und Rocksongs, dass man für Spass und Freiheit alle Vernunft über Bord werfen muss. «Du hast eine lange Leine, du gehst, du kommst, du glaubst, frei zu sein, aber du schneidest die Leine nicht ab. Dazu braucht es ein bisschen Verrücktheit», sagte Alexis Sorbas. «Stop making sense – versuch nicht, es zu verstehen», empfahlen die Talking Heads. «Let’s go crazy», beschwor uns the Artist Formerly Known as Prince.

Modische akademische Bewegungen wie Postmoderne und Kritische Theorie (nicht zu verwechseln mit kritischem Denken) behaupten, Vernunft, Wahrheit und Objektivität seien gesellschaftliche Konstruktionen, die dazu dienten, die Privilegien dominanter Gruppen zu rechtfertigen. Diese Bewegungen umgibt eine gewisse Aura von Kultiviertheit, die suggeriert, dass westliche Philosophie und Wissenschaft provinziell, altmodisch und naiv gegenüber den diversen Arten des Wissens seien, denen man in den verschiedenen Epochen und Kulturen begegnet. Zwar befindet sich nicht weit von meiner Wohnung in der Innenstadt von Boston ein prächtiges blau-goldenes Mosaik mit der Inschrift «Follow Reason», also «Folge der Vernunft». Es gehört jedoch zur Grossloge der Freimaurer, jener Brüderschaft in Fes und Schurz, die genau das Gegenteil von Hipness verkörpert.

Meine persönliche Meinung zur Rationalität ist: «Ich bin dafür.» Ich kann zwar nicht unbedingt behaupten, Vernunft sei super, cool, geil, krass oder fett, und streng genommen kann ich Vernunft nicht einmal rechtfertigen oder vernünftig erklären, aber trotzdem werde ich die Botschaft aus dem Mosaik verteidigen: Wir sollten der Vernunft folgen.

Um ganz vorne anzufangen: Was ist Rationalität? Wie bei den meisten Wörtern des normalen Sprachgebrauchs gibt keine Definition die Bedeutung exakt wieder, und Wörterbücher führen uns nur im Kreis herum: Fast alle definieren «rational» als «die Ratio betreffend, vernünftig, vernunftgemäss», wobei aber das aus dem Lateinischen stammende «Ratio» seinerseits häufig als «Vernunft» definiert wird.

Eine der Verwendung des Wortes mehr oder weniger entsprechende Definition lautet: «die Fähigkeit, Wissen anzuwenden, um ein Ziel zu erreichen». Wissen wiederum definiert man standardmässig als «Kenntnis von Fakten, berechtigterweise als wahr empfundene Überzeugung». Wir würden Menschen nicht als rational bezeichnen, wenn sie aus einer Überzeugung heraus handelten, von der sie wüssten, dass sie falsch ist – wenn sie beispielsweise ihren Schlüssel an einem Ort suchen würden, wo er unmöglich sein kann –, oder wenn die entsprechende Überzeugung nicht zu rechtfertigen wäre – wenn sie etwa durch Drogen oder Halluzinationen hervorgerufen würde, statt auf Beobachtungen der Welt oder Schlussfolgerungen aufgrund einer anderen gesicherten Überzeugung zu beruhen.

Sehen statt halluzinieren

Überdies müssen die Überzeugungen auf ein Ziel ausgerichtet sein. Niemandem wird Rationalität zugesprochen, wenn er lediglich etwas Wahres denkt – zum Beispiel die Stellen von π berechnet oder am laufenden Band die logischen Implikationen einer Aussage produziert («Entweder ist 1 + 1 = 2, oder der Mond besteht aus Käse», «Wenn 1 + 1 = 3 ist, dann können Schweine fliegen» . . .). Ein rationaler Akteur muss ein Ziel haben, sei es, den Wahrheitsgehalt einer denkwürdigen Idee zu überprüfen – was man als theoretische Vernunft bezeichnet –, oder, in der Welt ein denkwürdiges Ergebnis zu produzieren – was man als praktische Vernunft bezeichnet. Oder anders gesagt: «Was ist wahr?» und «Was sollte man tun?» Selbst die nicht sehr spannende Art von Rationalität, etwas zu sehen statt zu halluzinieren, dient dem stets vorhandenen, unserem visuellen System innewohnenden Ziel, unsere Umgebung zu (er)kennen.

Jeder, der mit Argumenten gegen die Vernunft um die Ecke kommt, hat schon verloren.

Zudem muss ein rationaler Akteur dieses Ziel erreichen, indem er nicht einfach etwas tut, das zufällig im Hier und Jetzt funktioniert, sondern indem er sämtliches Wissen nutzt, das für die Situation relevant ist. Den Unterschied zwischen einer rationalen und einer nichtrationalen Entität, die auf den ersten Blick das Gleiche zu tun scheinen, erklärte William James folgendermassen:

«Romeo wird von Julia angezogen wie die Eisenspäne vom Magneten; und wenn sich ihm keine Hindernisse in den Weg stellen, strebt er auf ebenso direktem Wege wie jene zu ihr hin. Wenn jedoch zwischen Romeo und Julia eine Mauer errichtet wäre, so würden sie nicht wie Narren, mit den Gesichtern an die beiden Seiten gepresst, verharren, wie es Magnet und Eisenspäne mit einer Karte machen. Romeo würde rasch entdecken, wie er auf einem anderen Wege, durch Überklettern der Mauer oder sonst wie, Julias Lippen direkt berühren könnte. Für die Eisenspäne ist der Weg vorgegeben; ob sie das Ziel erreichen, hängt vom Zufall ab. Für den Liebenden ist das Ziel vorgegeben; der Weg lässt sich auf unendliche Weisen abwandeln.»

Angesichts dieser Definition scheint der Fall der Rationalität glasklar zu sein: Willst du bestimmte Dinge haben oder nicht? Wenn ja, dann ermöglicht dir die Rationalität, sie zu erlangen. Allerdings lädt dieser Fall zur Gegenrede ein. Uns wird geraten, unsere Überzeugungen aus der Wahrheit zu schöpfen, sicherzugehen, dass unsere Schlussfolgerung auf dem Weg von einer Überzeugung zur anderen gerechtfertigt ist, und Pläne zu schmieden, die wahrscheinlich zu einem festgelegten Ziel führen. Doch das gibt nur Anlass zu weiteren Fragen. Was ist «Wahrheit»? Wann ist eine Schlussfolgerung «gerechtfertigt»? Woher wissen wir, dass es Mittel und Wege gibt, die uns tatsächlich zu einem festgelegten Ziel führen?

Auf dem Rücken der Schildkröte

Die Suche nach dem ultimativen, absoluten, finalen Grund für Vernunft ist jedoch vergebliche Liebesmüh. So wie eine wissbegierige Dreijährige jede Antwort auf eine «Warum»-Frage mit einem weiteren «Warum?» kontert, kann man die Suche nach dem ultimativen Grund für Vernunft jederzeit mit der Forderung nach einem Grund für den Grund für Vernunft ins Leere laufen lassen. Warum sollte ich, nur weil ich glaube, dass P Q impliziert, und P glaube, auch Q glauben? Tue ich das, weil ich auch glaube, dass [(P impliziert Q) und P] Q impliziert? Aber warum sollte ich das glauben? Tue ich das, weil ich ausserdem noch glaube, dass {[(P impliziert Q) und P] impliziert Q } Q impliziert?

Dieser Regress bildete die Grundlage für Lewis Carrolls Erzählung «What the Tortoise Said to Achilles» von 1895. Darin geht es um ein imaginäres Gespräch zwischen dem leichtfüssigen Krieger und der Schildkröte aus Zenons Paradoxon, auf die er zwar aufschliessen die er aber nie überholen konnte, weil sie beim Start einen Vorsprung hatte. (In der Zeit, die Achilles brauchte, um die Lücke zwischen ihnen zu schliessen, war die Schildkröte schon weitergekrochen und schuf so immer wieder, bis ins Unendliche, einen neuen Abstand zu ihm, den er dann wieder schliessen musste.) [...]

Solange Menschen argumentieren und einander zu überzeugen versuchen, um dann die Argumente zu erwägen und zu akzeptieren oder zurückzuweisen – statt etwa einander durch Bestechung oder Drohungen dazu zu bewegen, irgendetwas von sich zu geben –, ist es zu spät, nach dem Wert der Vernunft zu fragen. Sie sind bereits dabei, vernünftige Argumente auszutauschen, und haben damit ihren Wert stillschweigend anerkannt.

Jeder, der mit Argumenten gegen die Vernunft um die Ecke kommt, hat schon verloren. Angenommen, Sie behaupten, Rationalität sei überflüssig. Ist diese Behauptung rational? Falls Sie einräumen, das sei sie nicht, gibt es für mich keinen vernünftigen Grund, sie zu akzeptieren – das haben Sie gerade selbst gesagt. Aber wenn Sie darauf beharren, das müsse ich glauben, weil die Behauptung schlüssig sei, haben Sie zugegeben, dass Rationalität der Massstab ist, an dem wir unsere Überzeugungen messen sollten, und das würde heissen, dass Ihre Überzeugung in diesem konkreten Fall falsch sein muss. Oder falls Sie behaupten, alles sei subjektiv, könnte ich fragen: «Ist diese Behauptung auch subjektiv?» Falls Sie das bejahen, dürfen Sie natürlich daran glauben, aber ich muss es nicht. Oder nehmen wir an, Sie behaupten, alles sei relativ. Ist diese Behauptung dann auch relativ? Falls sie es ist, mag sie für Sie hier und jetzt gelten, nicht aber zwangsläufig für alle anderen oder nachdem Sie zu reden aufgehört haben. Aus diesem Grund kann das in jüngerer Vergangenheit oft gehörte Klischee, dass wir in einer «postfaktischen Zeit» leben, nicht wahr sein. Wenn es wahr wäre, dann wäre es nicht wahr, weil es sich um eine wahre Aussage über die Zeit, in der wir leben, handeln würde.

Dieses Argument, das der Philosoph Thomas Nagel in «Das letzte Wort» dargelegt hat, ist zugegebenermassen unkonventionell, wie zwangsläufig jedes Argument über das Argumentieren. Nagel vergleicht es mit Descartes’ Argument, dass unsere Existenz das Einzige sei, was wir nicht in Zweifel ziehen könnten, weil allein die Tatsache, dass wir uns fragten, ob wir existieren, die Existenz von jemandem, der sich das fragt, voraussetze. Allein die Tatsache, dass man das Konzept der Vernunft unter Anführung von Vernunftsgründen in Frage stellt, setzt die Validität der Vernunft voraus. Nur wegen dieser Unkonventionalität aber zu sagen, dass wir an die Vernunft «glauben» oder auf sie «vertrauen», wäre auch nicht ganz richtig. Wie Nagel hervorhebt, ist dies «ein Gedanke zu viel». Die Freimaurer haben recht: Wir sollten der Vernunft folgen.

Je mehr Meinungen wir vertreten, desto grösser ist die Chance, dass einer von uns recht hat.

Vorurteile, Phobien und Ismen

Freilich mögen uns Argumente für Wahrheit, Objektivität und Vernunft gegen den Strich gehen, weil aus ihnen eine gefährliche Arroganz zu sprechen scheint: «Wer zur Hölle bist du, zu behaupten, die absolute Wahrheit zu kennen?» Doch darum geht es im Plädoyer für Rationalität nicht. Laut dem Psychologen David Myers ist der Kerngedanke des monotheistischen Glaubens: (1) Es gibt einen Gott, und (2) ich bin es nicht (und du auch nicht). Das säkulare Äquivalent dazu lautet: (1) Es gibt objektive Wahrheit, und (2) ich kenne sie nicht (und du auch nicht). Die gleiche epistemische Bescheidenheit gilt für die Rationalität, die zur Wahrheit führt. Vollkommene Rationalität und objektive Wahrheit sind Ziele, die erreicht zu haben kein Sterblicher jemals für sich in Anspruch nehmen kann. Dennoch erlaubt uns die Überzeugung, dass es sie gibt, Regeln zu entwickeln, an die sich alle halten können und die es uns ermöglichen, uns der Wahrheit kollektiv so weit anzunähern, wie wir es allein niemals schaffen könnten.

Die Regeln sollen die Denkfehler ausser Kraft setzen, die sich der Rationalität entgegenstellen können – die der menschlichen Natur eigenen kognitiven Verzerrungen sowie Bigotterie, Vorurteile, Phobien und Ismen, von denen wir uns je nach Rasse, Schicht, Geschlecht, sexueller Ausrichtung oder Gesellschaft infizieren lassen. Zu diesen Regeln gehören die Prinzipien des kritischen Denkens sowie die normativen Svsteme von Logik, Wahrscheinlichkeit und empirischen Folgerungen, die in den weiteren Kapiteln erläutert werden. Unters Volk gebracht werden sie durch soziale Institutionen, die uns davor bewahren, allen anderen unser Ego oder unsere Neigungen und Irrtümer aufzuzwingen. «Machtstreben muss Machtstreben entgegenwirken», schrieb James Madison über die gegenseitige Kontrolle in einer demokratischen Regierung, und genau so lenken andere Institutionen Gemeinschaften aus voreingenommenen und vom Ehrgeiz verblendeten Personen in die Richtung einer neutralen Wahrheit. Beispiele sind das kontradiktorische Strafverfahren in der Justiz, der Peer-Review in der Wissenschaft, Redaktion und Faktencheck im Journalismus, akademische Freiheit an Universitäten und die Redefreiheit in der Öffentlichkeit. In Beratungen unter Erdenbürgern sind Meinungsverschiedenheiten unerlässlich – man sagt: Je mehr unterschiedliche Meinungen wir vertreten, desto grösser ist die Chance, dass mindestens einer von uns recht hat.

Dass Vernunft valide ist, zeigt sich auch darin, dass sie funktioniert. Das Leben ist kein Traum, in dem wir unvermittelt an zusammenhanglosen Orten auftauchen und verwirrende Dinge ohne Sinn und Verstand passieren. Indem Romeo über die Mauer klettert, gelingt es ihm tatsächlich, Julias Lippen zu berühren. Und indem wir auf andere Weisen vernunftbegabt handeln, gelangen wir zum Mond, erfinden Smartphones und rotten die Pocken aus. Dass die Welt so bereitwillig mit uns kooperiert, wenn wir mit Vernunft an sie herangehen, ist ein starker Hinweis darauf, dass es der Rationalität tatsächlich gelingt, zu objektiven Wahrheiten zu gelangen.

Antibiotika oder Schamanismus?

Letztlich lassen sogar Relativisten, die leugnen, dass objektive Wahrheit möglich ist, und darauf beharren, dass alle Behauptungen lediglich kulturelle Narrative seien, den Mut vermissen, zu ihrer Überzeugung zu stehen. Die Kulturanthropologen oder Literaturwissenschaftler, die erklären, dass die Wahrheiten der Wissenschaft lediglich Narrative einer bestimmten Kultur sind, geben ihrem Kind trotzdem die Antibiotika, die ihm eine Ärztin gegen seine Infektion verschrieben hat, statt es mit dem Heilgesang eines Schamanen zu behandeln. Und auch wenn den Relativismus häufig ein moralischer Nimbus umgibt, sind die moralischen Überzeugungen der Relativisten ohne die Verpflichtung auf eine obiektive Wahrheit nicht denkbar. War die Sklaverei ein Mythos? War der Holocaust nur eines von vielen möglichen Narrativen? Ist der Klimawandel eine soziale Konstruktion? Oder sind das Leid und die Gefahren, die diese Ereignisse bestimmen, wirklich real? Behauptungen, von denen wir dank Logik, Beweisen und objektiver Forschung wissen, dass sie wahr sind? Da hört es auch für die Relativisten plötzlich mit der Relativität auf.

Aus demselben Grund kann es keinen Kompromiss zwischen Rationalität und sozialer Gerechtigkeit oder irgendeiner anderen moralischen oder politischen Angelegenheit geben. Das Streben nach sozialer Gerechtigkeit beginnt mit der Überzeugung, dass bestimmte Gruppen unterdrückt und andere privilegiert werden. Dabei handelt es sich um Tatsachenbehauptungen, die auch falsch sein können (was Verfechter sozialer Gerechtigkeit selbst betonen, wenn jemand behauptet, dass in Wahrheit heterosexuelle weisse Männer die Unterdrückten sind). Wir bejahen diese Überzeugungen, weil Vernunft und Indizien nahelegen, dass sie wahr sind. Zudem wird das Streben nach Gerechtigkeit seinerseits von der Überzeugung geleitet, dass gewisse Massnahmen erforderlich sind, um dieses Unrecht zu beheben. [. . .]

Zugegebenermassen lässt die spezifische Natur der Thematik immer ein Hintertürchen offen. Zu Beginn meines Plädoyers für Vernunft habe ich geschrieben: «Solange Menschen argumentieren und überzeugen . . .», doch dieses «solange» spielt eine gewichtige Rolle. Rationalitätsgegner können die Spielregeln schlicht ignorieren. Sie können sagen: «Ich brauche meine Überzeugungen dir gegenüber nicht zu rechtfertigen. Dass du Argumente und Indizien einforderst, zeigt, dass du ein Teil des Problems bist.» Statt sich verpflichtet zu fühlen, andere zu überzeugen, können Personen, die sich hundertprozentig im Recht sehen, ihre Überzeugungen mit Gewalt durchsetzen. In Theokratien und Autokratien zensieren, verhaften, verbannen oder verbrennen die Herrschenden diejenigen, die nicht der richtigen Meinung sind.

In Demokratien wird diese Gewalt weniger brutal ausgeübt, doch auch dort finden Menschen Mittel und Wege, anderen ihre Überzeugung aufzuzwingen, statt Argumente dafür vorzubringen. Moderne Universitäten stehen an vorderster Front, wenn es darum geht, Meinungen erfindungsreich zu unterdrücken – was ausgesprochen merkwürdig ist, weil ihre Mission gerade darin besteht, Ideen zu diskutieren. Vortragende werden ausgeladen oder niedergeschrien, streitlustige Dozenten aus der Lehre verbannt, Jobangebote und Forschungsmittel zurückgezogen, umstrittene Artikel aus Archiven gelöscht und abweichende Meinungen als strafwürdige Störmanöver und Diskriminierung dargestellt. Die Hochschulen reagieren, wie es der Vater des Schriftstellers Ring Lardner laut dessen Erinnerung an seine Kindheit tat: «Halt’s Maul», erklärte er.

Bist du unfehlbar?

Warum sollten wir versuchen, andere mit vernünftigen Argumenten zu überzeugen, wenn wir wissen, dass wir recht haben? Warum sollten wir nicht einfach nur die Solidarität innerhalb unserer Gruppe stärken und sie zum Kampf für Gerechtigkeit mobilisieren? Nun, zum einen würde man damit zu Fragen einladen wie: Bist du unfehlbar? Bist du sicher, dass du in allem recht hast? Wenn ja, was unterscheidet dich von deinen Gegnern, die ebenfalls ganz sicher sind, dass sie recht haben? Und von den Herrschenden, die im Laufe der Geschichte darauf bestanden haben, im Recht zu sein, von denen wir aber heute wissen, dass sie unrecht hatten? Wenn du Leute ruhigstellen musst,die anderer Meinung sind als du, fehlen dir dann etwa einfach nur gute Argumente, warum sie sich irren? Falls wir Antworten auf solche Fragen schuldig bleiben, verprellen wir möglicherweise diejenigen, die sich noch nicht festgelegt haben – unter anderem die Generationen, deren Überzeugungen noch nicht in Stein gemeisselt sind.

Und zum anderen sollten wir nicht auf Überzeugungsarbeit verzichten, weil wir Andersdenkenden sonst keine andere Wahl lassen, als das gleiche Spielchen mitzuspielen und wiederum uns mit Gewalt statt mit Argumenten entgegenzutreten. Vielleicht sind sie stärker als wir – wenn nicht schon jetzt, dann irgendwann. Wenn wir dann mundtot gemacht werden, ist es zu spät, darauf zu pochen, dass unsere Ansichten aus gutem Grund ernst zu nehmen sind.

Steven Pinker ist Professor für Psychologie an der Harvard-Universität und zählt zu den einflussreichsten Intellektuellen der Welt. Der vorliegende Text ist ein Auszug aus seinem Buch: «Mehr Rationalität. Eine Anleitung zum besseren Gebrauch des Verstandes». S. Fischer. 432 S., Fr. 39.90. Aus dem Englischen von Martina Wiese.