Piers greift gerne zu Malstiften. Ich stelle mir dabei vor, dass die Produzenten der Sendung gesagt haben: «Piers, als Architekt könntest du immer eine Skizze malen, Architekten zeichnen doch Skizzen, also, mach doch Architektendinge, das kommt gut an!» Und so malt Piers eben in jeder Folge eine Skizze. Um die Herausforderung der Architektur zu erklären – auch wenn er mit dem Intermezzo mehr oder weniger das bestätigt, was der Zuschauer schon im Off-Ton gehört hat, aber egal. Keiner nimmt’s ihm übel.

Tauchen Sie mit mir ein für fünf Minuten, lassen Sie den Alltag hinter sich. Abends, nach getaner Arbeit und feinem Essen, bietet das Entdecken der «aussergewöhnlichsten Häuser der Welt» derzeit die beste Entspannung. In dieser gleichnamigen Netflix-Serie besichtigen die englischen Moderatoren, der Architekt Piers Taylor und die Schauspielerin Caroline Quentin, eindrucksvolle und verrückte Eigenheime rund um den Globus. Häuser-Shows gibt es zuhauf, diese aber löst eine ganze Palette an Gefühlen aus, von Verzückung bis Verwirrung. Dominierend ist jedoch die Entspannung, die man beim Anblick des Schönen und Ungewohnten verspürt. Häuser, mitten in der Stadt, abgelegen im Wald oder mit Pole-Position am Wasser.

Angekommen vor Ort, steigen Caroline und Piers gutgelaunt aus dem Mietauto und erhaschen einen ersten Blick aufs Anwesen. Ihre Neugier erfasst den Zuschauer wie ein Funke unter der gellenden, portugiesischen Sonne. Zuerst werden die Häuser von aussen bestaunt und besprochen. Subtiles Stilempfinden bei den einen, extravagantes Statement bei den anderen, wo die noble Zurückhaltung abgelegt wurde und die Erscheinung dank Überinszenierung maximal irritiert. Andere übertreiben es völlig mit dem Beton; dramatische graue Klötze, wohin man blickt. Es geht ins Innere. Unnatürliche Formen, ausgefallene Kurven, meisterhaft verarbeitete Baumaterialien. Und dann die Einrichtungen! In manchen Häusern wurde die Kultur des jeweiligen Landes in Grundriss, Materialien oder Innenausstattung integriert. Es ist spektakulär, man möchte stundenlang zusehen.

Was für Menschen stecken hinter solch ausgefallenen Visionen? Auch wenn sich der Voyeur in uns dazu berufen fühlt, die Häuserbesitzer einem Optik-Check zu unterziehen, treten sie nicht immer in der Sendung auf. So führen Caroline und Piers kurzweilige Gespräche mit den namhaften Architekten. Die beiden sind die perfekte Besetzung für die rundum harmonische Serie. Die Begeisterung von Caroline, einer Frau, die man gerne als beste Freundin hätte, wirkt höchst ansteckend. Es sind auch ihre vielsagenden Blicke in die Kamera, die einen immer wieder in die Realität zurückholen. Etwa wenn Piers einen seiner haptischen Glücksmomente erlebt, wenn er seine Hand über einen kalten Stein gleiten lässt oder in Ekstase von einer Küche schwärmt, die wie eine Spitaleinrichtung wirkt, so blank und kalt, dass darin jedes Spiegelei gefrieren würde.

Okay, die Sendung lädt zum Lästern ein. Und sie kommt nicht ganz ohne die typischen, abgedroschenen Phrasen aus. So betonen die Architekten gerne, das Heim sei «im Einklang mit der Natur» gebaut worden, über das Design sagen sie Dinge wie «Es ist in die Natur integriert» oder «Wir wollen nicht die Natur dominieren». Ja, Umweltbewusstsein steht gewiss im Vordergrund. Zum Amüsement des Zuschauers fliegt dann aber Momente später ein Helikopter die Bauteile, die angesichts des gigantischen Hausdesigns zu gross für den normalen Transport sind, zur Baustelle. Wie naturverbunden ist es, Baumstämme und Stahlbalken mit dem Heli zu transportieren? Oder seinen 400-Quadratmeter-Koloss in völliger Abgeschiedenheit irgendwo in der Pampa thronen zu lassen? Die Hausbesitzer haben vielleicht vier Bäume stehenlassen oder einen recycelten Briefkasten aufgestellt, aber sie dringen in Landschaftsgebiete vor, die vom Menschen bisher einigermassen verschont geblieben sind. Man muss ihnen jedoch auch zugutehalten, dass sie ja keine Prinz-Harry-Show veranstalten und nicht den Zuschauern – barfuss – erklären, wie sie zu leben haben. Extravaganz ist nun mal schwer mit Nachhaltigkeit vereinbar; auch ist mir der knifflige Balanceakt zwischen Natur und Abgeschiedenheit bewusst. Es sind nur Nebengedanken.

Manche Häuser wirken eigenartig einsam, leblos statt belebt, eher wie ein Museum; tatsächlich ist es oft ein Zweit- oder Ferienhaus, das über viele Monate leersteht. Und dennoch, es ist unmöglich, sich nicht selbst darin zu sehen. Man ist zwar nur Beobachter bei einer Art Fallstudie über aussergewöhnliches Bauen, ertappt sich aber ständig dabei, wie sich alles um die eigenen Bedürfnisse dreht: Da passt ja mein Bett gar nicht hin! Man grübelt über das Design, als würde man selbst hier wohnen: Wie sollen denn hier Kinder leben, die Terrasse hat ja gar kein Geländer!

Als Hausherrin tappe ich jeweils durch das lichtdurchflutete Anwesen, an der offenen Veranda vorbei, die kühle Brise im Haar und auf dem Weg zum Bio-Teich, von wo sich diese Kolumne vortrefflich schreiben lässt. Natürlich ganz im Einklang mit der Natur.

 

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