New York

Ghislaine Maxwell ist Hauptnebendarstellerin im sogenannten Epstein-Fall. 2019 wurde der damals 66-jährige New Yorker Hedge-Fund-Manager Jeffrey Epstein verhaftet. Er soll junge Frauen und minderjährige Mädchen zur Prostitution gezwungen und Freunden und Bekannten zur Verfügung gestellt haben, darunter auch Bill Clinton und Prinz Andrew, die dies vehement verneinen. Kurz nach seiner Verhaftung wurde Epstein, der 2008 in Florida bereits ähnlicher Verbrechen angeklagt worden war, im Metropolitan Correctional Center in Manhattan tot aufgefunden.

Anfang Juli 2020 wurde auch Ghislaine Maxwell, 60, verhaftet, die Ex-Freundin und enge Vertraute Epsteins. Sie lebte seit 2019 versteckt, in Bradford, New Hampshire, auf ihrem Anwesen Tuckedaway, das sie im Dezember 2019 unter einem Pseudonym und für eine Million Dollar Bargeld erworben hatte. Inzwischen hatte sie den Tech-Entrepreneur Scott Borgerson geheiratet, 44 Jahre alt und sechzehn Jahre jünger als Maxwell. Die meisten der Frauen, die Epstein Vergewaltigung und Menschenhandel vorwarfen, beschuldigen Maxwell als Mittäterin. Im November 2021 begann Maxwells Prozess am Manhattan Federal Court. Nun wurde Maxwell zu zwanzig Jahren Haft verurteilt, Borgerson hat sich schon längst von ihr getrennt.

Für Epstein warb Maxwell junge Frauen an, managte dessen Häuser.

Ghislaine Maxwell gilt als der sexuellen Gewalt fast ebenso fähig wie Epstein. Sie sei arrogant, der Einsicht, gar der Reue oder des schlechten Gewissens unfähig, sagte die Staatsanwaltschaft vor Gericht. Ihre drei Geschwister, die sich während der Gerichtsverhandlung in verschiedenen Interviews zu Wort meldeten, widersprachen vehement: Maxwell sei klug und lustig, ihrer Umgebung gegenüber einnehmend. Und sie habe die Tendenz, sich in die falschen Männer zu verlieben, sie habe sich schon im Jahre 2000 von Epstein distanziert.

Maxwell gilt als Epsteins Zuhälterin. Sie war, so das Urteil, Zuhelferin, der die jungen Frauen, die Epstein dann missbrauchte oder weiterreichte, vertraut haben sollen. Sie war es, die geeignete «Exemplare» – viele davon Töchter aus den guten Häusern der Upper East Side – ausfindig machte, auf Spaziergängen, im Vorbeigehen auf der Strasse. Sie sprach sie an, tauschte Telefonnummern aus, nahm sie später mit auf Einkaufstouren oder ins Kino. Epsteins Angestellte, in deren Haus sie beizeiten lebte, später weiter ein und aus ging, nannten Maxwell «Madame». Die Öffentlichkeit ist von ihr fasziniert, auch weil sie eine Frau ist und Frauen sexuelle Straftaten nicht oder nur selten zugetraut werden.

Umgeben von berühmten Menschen

Sie sprach die jungen Frauen an, tauschte Telefonnummern aus, nahm sie mit auf Einkaufstouren.

Ghislaine Maxwell kam am Weihnachtsabend 1961 in Frankreich zur Welt. Sie wuchs in Oxford auf, als das neunte Kind des Holocaust-Überlebenden, Kriegshelden, ehemaligen Abgeordneten, selbsternannten Konkurrenten von Rupert Murdoch und Patriarchen Robert Maxwell und der französischen Holocaust-Forscherin Elisabeth Meynard.

Geboren wurde Robert Maxwell als Ján Ludvík Binyamin Hoch in der Tschechoslowakei. Die Familie war bitterarm. Im Zweiten Weltkrieg schloss Maxwell sich dem tschechischen Widerstand an, kämpfte dann in der britischen Armee gegen die Achsenmächte, floh nach der Besatzung nach Frankreich und heiratete 1935 Meynard, Tochter eines Seidenfabrikanten aus Isère. Sie zogen nach Oxford, Maxwell kaufte den Verlag Pergamon Press, beteiligte sich später am britischen Privatfernsehen, kaufte dann die Zeitungen The European und die New York Daily News. Vor allem aber wurde Maxwell Teil der britischen High Society, kannte Prinzen, Diplomaten, Könige und Präsidenten.

Zwei Tage nach Ghislaine Maxwells Geburt starb ihr ältester Bruder bei einem Autounfall. Auch Maxwell steht, wie ihr Vater, für die oftmals arrogante Enthobenheit des Reichtums, lebte umgeben von berühmten Menschen wie George Hamilton und Lady Di, von Prinz Andrew, Jeff Bezos, den Clintons und den Trumps. Sie ist Helikopterpilotin, kann ein U-Boot steuern, ging in England gerne auf Pferderennen. In New York lebte sie auf der Upper East Side, 65th Street. Sie hat in Oxford studiert, ihre Hobbys waren Schwimmen und Boxen, sie war Gründerin eines Frauenklubs, Tiefseetaucherin und gelernte Rettungssanitäterin. 2012 hatte Maxwell das Meeresschutzprogramm «Terra Mar» gegründet. Manche ihrer Geschwister arbeiten im Tech-Bereich, leben im Silicon Valley, besitzen Think-Tanks und Start-ups.

Tod im Wasser

Eigentlich habe sie John F. Kennedy Jr. heiraten sollen, sagte sie vor vielen Jahren in einem Interview, das habe ihr Vater so gewollt. Stattdessen aber traf Maxwell in den frühen neunziger Jahren den Milliardär Epstein auf einer Party in Manhattan. Sie begannen eine kurze Liebesbeziehung, Maxwell zog nach New York, arbeitete für ein Immobilienunternehmen, lebte relativ bescheiden. Alsbald begann sie, an dem Reichtum Epsteins teilzuhaben, erst als dessen feste Freundin, dann als Verwalterin. Für Epstein warb Maxwell dann junge Frauen an, managte dessen Häuser in Palm Beach, auf den Virgin Islands, in Europa, liess sein Privatflugzeug warten. Den Diamantring, den er ihr geschenkt hatte, nannte sie «Verlobungsring». «I know that she would have died to marry him. She would have done anything for him» (Ich weiss, dass sie ihr Leben gegeben hätte, um ihn zu heiraten, sie hätte alles gemacht für ihn), sagte eine der bis dato anonym bleibenden Anklägerinnen der amerikanischen Vanity Fair.

Am 5. November 1991 war die Leiche von Robert Maxwell, Ghislaine Maxwells Vater, an der Küste von Teneriffa gefunden worden. Der 350 Pfund schwere Körper habe «nackt und steif» im Wasser getrieben, sagte die spanische Polizei. Maxwell soll in der Nacht über die Reling seiner Jacht «Lady Ghislaine», benannt nach der Lieblingstochter, gefallen sein, die Polizei vermutete einen Infarkt oder Suizid, Ghislaine Maxwell sowie Teile der Presse sprachen von Mord. Maxwell ist auf dem Ölberg in Jerusalem begraben. Nach seinem Tod kam die bittere Wahrheit ans Licht: «Captain Bob», wie Freunde ihn nannten, hatte zirka 460 Millionen Pfund aus den Pensionsfonds seiner Unternehmen auf Privatkonten umgeleitet. Die Familie war bankrott, zog aus der Villa in Oxford aus und in eine Mietwohnung. Zusammen mit ihren Besitztümern verloren die Maxwells den guten Namen.