Neulich spielten in der Champions League der Damen FC Barcelona gegen Real Madrid. SRF titelte auf seiner Website: «Der Frauen-Fussball zieht in Spanien Massen an». Bei dem Viertelfinal-Rückspiel sei eine Rekordkulisse von 85 000 Zuschauern zu erwarten. Rekordkulisse? Das klingt grossartig! Tatsache ist ja, dass der Frauenfussball heute mehr Leute zu begeistern vermag als, sagen wir, noch vor zehn, zwanzig Jahren. «Dieser Sommer wird ein Paradigmenwechsel für den europäischen Frauenfussball», wird die Uefa-Frauenfussball-Chefin zitiert. Unglaublich! Und weiter, mit etwas enttäuschtem Unterton: In der Schweiz könne man «von so einem Interesse nur träumen». In der Women’s Super League würden jeweils zwischen 200 und 300 Fans ins Stadion pilgern.

Offenbar ist das Interesse der Europäer am Frauenfussball sehr viel rasanter und dramatischer gestiegen, als ich bisher angenommen hatte, wenn gar von einem Paradigmenwechsel die Rede ist (nur halt nicht bei den Schweizern). Nahe hunderttausend Fans an den Spielen, wer hätte das gedacht? Ich gebe es zu: Ich nicht. Tatsächlich besuchten dann über 91 000 Zuschauer den Match in Barcelona – Weltrekord, wie die Deutsche Welle (DW) berichtete. Ich gönne es den Ladys von Herzen. Weiter schreibt DW: «Aber der erste Blick täuscht und ist vielleicht sogar irreführend. Diese grossen Spiele sorgen zwar für einen enormen Anstieg der Zuschauerzahlen. Doch die regelmässigen wöchentlichen Besucherzahlen in den grössten europäischen Ligen [. . .] weisen viel niedrigere Zahlen aus. An ‹normalen› Wochenenden finden jeweils lediglich ein paar hundert Fans den Weg auf die Sportplätze, um Frauenfussball zu sehen.»

Oha. Die 90 000 in Barcelona waren also lediglich ein statistischer Ausreisser, was die Champions League der Frauen, aber auch den spanischen Frauenfussball betrifft. Ansonsten hält sich das Interesse augenscheinlich überall hartnäckig auf dem gleich tiefen Niveau. Aber DW weiht uns noch weiter ein: Ein Grund für den Zuschauerrekord sei, dass «der FC Barcelona seinen 147 000 Klubmitgliedern kostenlose Eintrittskarten zur Verfügung gestellt hat – zuzüglich einer geringen Verwaltungsgebühr». Das habe die Besucherzahlen deutlich erhöht. Ein kleines, aber wichtiges Detail, das das von SRF transportierte Traumbild etwas bröckeln lässt. Die Gratis-Tickets dürften die zentrale Erklärung für den Rekord sein, so jedenfalls meine Vermutung. Ich will wirklich nicht die Begeisterung umgrätschen, aber angesichts der regelmässigen Besucherzahlen scheint mir die Euphorie über eine Zeitenwende verfrüht. Die ganz grosse Mehrheit der Fussballerinnen spielt nicht in der Champions League und erlebt eine völlig andere Realität.

In dem SRF-News-Bericht fehlen also mit dem Ausreisser und dem Fan-Torpedo der Marketing-Maschinerie des prestigeträchtigen FC Barcelona in Form von Gratis-Tickets zwei entscheidende Informationen für die Meinungsbildung. Ohne sie entsteht ein völlig anderer Eindruck; das Bild wird verzerrt. Ich will niemandem ein absichtliches Foul unterstellen, aber müsste man hier nicht alle Aspekte beleuchten und Aussagen einordnen?

Man kann sich jetzt die ehrliche Frage stellen, warum der Frauenfussball weniger Zuschauer anlockt. Die einen sagen, es hängt von der Medienpräsenz ab; man müsse die Sportart eben mehr ins Bewusstsein bringen, mit vielen TV-Trailern und zur besten Sendezeit. Ich würde meinen, dass dafür schon ein genügend hohes Basisinteresse vorhanden sein muss und man das auch mit hoher TV-Präsenz nicht erzwingen kann. Auch dürften Fussballbegeisterte mit dem Angebot an Männerfussball schon zufrieden sein. Ich glaube, es liegt eher daran, dass Männer aufgrund ihrer Anatomie schneller, stärker, athletischer sind, Männerfussball spektakulärer ist: höhere Sprünge, viel härtere und stärkere Schüsse, mehr Geschwindigkeit auf dem Rasen.

Das heisst überhaupt nicht, dass die Frauen die schlechteren Athletinnen wären. Aber wir tendieren nun mal dazu, uns die besten Sportler anzuschauen. Nicht die Nummer 500 der Welt, sondern die Top Ten. Nicht die Viertligisten, die Besten der Besten. (Im Übrigen gibt’s auch Sportarten, bei denen die weiblichen Stärken im Vordergrund stehen, wie Kunstturnen oder Eiskunstlauf, die bei den Zuschauern auf hohes Interesse stossen.) Gender-Unterschiede haben in vielen Fällen nichts mit Diskriminierung zu tun und sind kein gesellschaftliches Problem, wie gerne angedeutet wird. Manche Dinge lösen halt einfach mehr Begeisterung aus. Punkt.

Was mich noch interessieren würde: Warum ist eigentlich in all den unterschwelligen «Frauenfussball muss sichtbarer werden»-Artikeln nie die Rede davon, dass sich auch Frauen nur wenig für Frauenfussball interessieren? Würden sie sich genauso für ihre fussballspielenden Geschlechtsgenossinnen begeistern wie die Männer ihrerseits, gäbe es mehr Vermarktungspotenzial, ergo mehr Prestige und Geld für die Spielerinnen. Wer also wirklich helfen will, sollte sich eine Dauerkarte kaufen und die Spiele der Damen besuchen.

 

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