Die meistdiskutierte Kontroverse vergangene Woche drehte sich, wie so oft heutzutage, um eine «falsche» Meinung. Rocklegende Neil Young stellte dem Musik-Streamingdienst Spotify ein Ultimatum, laut dem Wall Street Journal (WSJ) forderte er das Unternehmen in einem offenen Brief auf, seine Musik zu entfernen: «Sie können Rogan oder Young haben. Nicht beide», schrieb Young. Spotify verbreite durch den Podcast «The Joe Rogan Experience» falsche Informationen über die Corona-Impfung, das wolle er nicht unterstützen. Konkret ging es um ein Gespräch, das Joe Rogan mit dem Infektiologen Robert Malone führte. Das Ultimatum erwähnten die meisten Mainstream-Medien interessanterweise nicht. Sie stellten den Sachverhalt so dar, als ginge es dem Musiker einfach darum, ein Zeichen zu setzen. Es ist ein kleines, aber feines Detail und für die Meinungsbildung in der Sache zentral. Laut WSJ hat Spotify dann nicht Rogans Podcast verbannt, sondern, wie gewünscht, die Musik von Young abgezogen.

Elf Millionen Menschen hören dem Comedian und Moderator Rogan pro Episode zu, wenn er mit Persönlichkeiten aus allen politischen und gesellschaftlichen Lagern, auch mit solchen, die in den klassischen Medien längst keine Plattform mehr erhalten, über alles Mögliche spricht, von Ufos über Elektroautos bis Transgender-Sport, auch über die Covid-19-Impfung. Die Popularität des 54-Jährigen, der Corona nie geleugnet, sondern die Impfung für Jugendliche in Frage gestellt hat, basiert unter anderem auf der reizvollen Melange, kontroverse Themen mit mitunter kontroversen Zeitgenossen (aber nicht nur) zu diskutieren. Allein diese Tatsache macht ihn heute freilich für viele verdächtig; besorgte Zeitgenossen fordern von Spotify die Absetzung seines Podcasts, auch wird er als «Rechtspopulist» (Tages-Anzeiger) bezeichnet – dass er bei den letzten Wahlen öffentlich den Linken Bernie Sanders unterstützt hatte, who cares?

Ich kann nicht beurteilen, ob besagter Infektiologe falsche Informationen zur Impfung geäussert hatte. Vielleicht besitzt er eine vom offiziellen Standpunkt abweichende Ansicht und liegt damit grundfalsch – das zu kritisieren, ist selbstverständlich richtig. Seit Beginn der Pandemie schätzten einige, darunter auch «offizielle» Experten, Sachlagen falsch ein; bei Corona sind sich selbst renommierte Wissenschaftler nicht immer einig. Wenn nur mehr öffentlich mitreden dürfte, wer bei allen Punkten stets zu 100 Prozent richtigliegt, schrumpfte der Diskussionskreis auf ein sehr kleines Grüppchen. Ausserdem werden wir bei manchen Corona-Fragen erst rückblickend in ein paar Jahren wissen, was richtig und was falsch war.

Natürlich entsteht irgendwann eine Marschroute, auf die sich die allermeisten Wissenschaftler einigen, und gewiss ist es problematisch, wenn zur Pandemie millionenfach abgerufene Videos kursieren, in denen völliger Unsinn verbreitet wird. Aber zwischen «völliger Unsinn» und «als Wissenschaftler einen anderen Standpunkt vertreten» liegt noch Spielraum, scheint mir, auch wenn es für das «Canceln!» rufende Empörungsmilieu schwer vorstellbar ist. Vor allem aber gehört es zu einer freiheitlichen Gesellschaft, auch Meinungen, die nicht in der eigenen Wohlfühlzone liegen oder die sogar falsch sind, das Recht auf Äusserung zuzugestehen. Auch sie können Diskussionen aus verschiedenen Blickwinkeln anstossen. Indem sie in aller Öffentlichkeit hinterfragt und mit besseren Argumenten widerlegt werden, entlarven sie sich ja von selbst als unwahr. Wann entstand jemals etwas Gutes daraus, wenn sich nur noch eine Seite öffentlich äussern durfte? «Leute misstrauen Institutionen jetzt schon, den Medien und sich selbst. Zu wissen, dass abweichende Ansichten unterdrückt werden, macht das Misstrauen grösser», fasste es Lulu Cheng Meservey, Vizepräsidentin Kommunikation bei der Autoren-Plattform Substack, auf Twitter zusammen.

Die Frage bleibt auch offen, wie eine Verbannung von Rogans Podcast zum Schutze der Menschheit vor Viren beitragen würde – ausser dass es die unliebsame Gegenseite ins Märtyrerkostüm schlüpfen und noch näher zusammenrücken liesse. Wir sprechen hier von einem verflixten Podcast, nicht von einer Wissenschaftssendung, die die Welt verändert. Ja, vielleicht liegt man mal falsch – und entscheidet sich falsch im Leben. Falsch zu liegen, ist mir persönlich aber immer noch lieber, als dass Unternehmen wie Spotify, Google oder Twitter für mich denken und entscheiden, welche Ansichten ich sehen und hören möchte und darf. Spinnt man es weiter, läuft es nämlich auf eine Kontrolle durch diese Giga-Konzerne hinaus, die nach Diktatorenart entscheiden würden, welche Theorie und Ansicht die «richtige» sei, mit dem Risiko, legitime Vorbehalte, auch politische Opposition abzuwürgen. Das kann nicht in unserem Interesse sein. Unwahre Behauptungen soll man kundtun dürfen, eine freie und mündige Gesellschaft muss das aushalten.

Eigentlich kann man die Sache als Triumph für alle Beteiligten auslegen: Musiker verlässt Plattform, von der er nicht Teil sein möchte, Plattform beugt sich – Stand 31. 1. 2022 – öffentlichem Druck nicht, Podcast erfreut weiter Millionen Menschen. Win-win-win.

 

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