Matthias Matussek

Wir leben in Zeiten des Umbruchs. Unserer Sprache werden die Knochen gebrochen aus Gründen der sogenannten Geschlechtergleichheit, Transhumanisten träumen von Optimierung durch künstliche Intelligenz, und laut Elon Musk wird es binnen Jahresfrist zu neurologischen Chip-Implantaten kommen. Der Lieblingsphilosoph der grossen Tech-Firmen, Yuval Harari, zielt auf den «Homo Deus», den gottgleichen Menschen. Mittlerweile heisst es, künstliche Intelligenz könne über das Programm Chat GTP sinnvolle Texte zu jedem Thema verfassen.

Höchste Zeit, uns vor Augen zu halten, von welchem Menschenbild wir uns verabschieden wollen. Wir haben ein Modell vor Augen: den Geistesaristokraten und Lebenskünstler Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832), unseren Klassiker, dessen Vita ein Ideal verkörpert, dem Generationen nachgeeifert haben, und es gibt wohl keinen geeigneteren Gesprächspartner zu Goethe als den Philosophen und Schriftsteller Rüdiger Safranski, der sich in drei Büchern mit dem vielbewunderten Dichterfürsten beschäftigt hat.

Weltwoche: Herr Safranski, Ihre Goethe-Biografie nennt sich im Untertitel «Kunstwerk des Lebens». Sie zitieren vorweg aus einem Brief an Lavater: «Diese Begierde, die Pyramide meines Daseins, deren Basis mir angegeben und gegründet ist, so hoch als möglich in die Luft zu spitzen, überwiegt alles andere und lässt kaum augenblickliches Vergessen zu.» Goethe hat also schon sehr früh offenbar das Bewusstsein gehabt, dass es ein Werk gibt und ein Leben gibt und beides zu gestalten ist. Er hat sich sozusagen als Exempel empfunden, als Beispiel der Menschenbildnerei.

Rüdiger Safranski: Ja, vielleicht ist das auch der Grund, weswegen Goethe immer noch eine solche Präsenz hat. Wenn wir seinen Namen hören, sehen wir nicht nur den Dichter vor uns. Wir wissen, er hat auch Naturwissenschaften betrieben, Politik gemacht. Er war ein grosser Liebhaber, ein grosser Reisender, er hat Steine gesammelt und eine ganze Welt um sich herum geschaffen, einen Gesellschaftskörper.

Weltwoche: Ein Mensch in Vollendung.

Safranski: Eine Persönlichkeit, die auf ausserordentlich schöpferische Weise mit dem Leben umgegangen ist. Er konnte, wie er sagte, nicht genug von der Welt bekommen. Aber er wusste auch, und das ist ganz wichtig: Ich will nur so viel in mich aufnehmen, wie ich – und das ist sein Ausdruck dafür – «mir anverwandeln kann», also mir produktiv aneignen kann und etwas daraus machen kann. Also diese Verbindung von Welthaltigkeit, von Geräumigkeit und zugleich einem Bewusstsein, dass man auch einen gewissen Immunschutz braucht, auch einen kulturellen Immunschutz. Und dieses Bewusstsein geht uns heute in der Digitalisierung verloren.

Weltwoche: Goethe hat die Natur erst einmal betrachtet und das, was sie zu bieten hat. Wir dagegen haben sie verdinglicht, und das gilt auch für unser Bild vom Menschen.

Safranski: Für Goethe kam eigentlich alles darauf an, sich selber als ein Naturwesen aufzufassen, wobei aber für ihn auch die Natur selber in einer fundamentalen Polarität besteht. Materie–Geist, Natur–Geist, wobei Geist für ihn eine selbstverständliche Komponente der Natur ist. Einer seiner sehr schönen Gedanken ist ja, dass der Mensch das Medium ist, in dem die Natur sich selbst betrachten kann, also der bewusste Teil der Natur ist. Und jetzt zu dem Punkt, auf den Sie zielen: Die Zivilisation mit ihrer Technik schliesst uns immer dichter ab von unserer Natur drum herum. Die Künstlichkeit nimmt zu, und man kann ja ein Leben in unserer Zivilisation nur noch mit ganz begrenzten, hochdosierten und selber künstlichen Naturbegegnungen führen.

Weltwoche: Wir leben also bereits transhumanistisch, also entfremdet von der Natur, der eigenen und der äusseren.

Safranski: Ja, man lebt im Gehäuse. Der Philosoph Heidegger hat das mal genannt: im Gestell. Wir hängen alle fest im Gestell. Und wenn man jetzt sagt, das biologische Geschlecht sei nicht mehr die Basis, sondern ein Sprechakt, da merkt man, bis zu welcher Dekadenz der Naturentfernung wir es mittlerweile in unserer Zivilisation getrieben haben.

Weltwoche: Darunter viele Grüne.

Safranski: Daran lässt sich ermessen, wie himmelweit diejenigen von der Natur entfernt sind, dass ihnen das Obszöne dieser Denkweise gar nicht mehr zum Bewusstsein kommt.

Weltwoche: Man hört darin auch eine Art Verballhornung der romantischen Formel von Eichendorffs «Und die Welt hebt an zu singen, triffst du nur das Zauberwort». Also: Triffst du nur das Zauberwort, beginnt das Geschlecht zu tanzen.

Safranski: Das ist natürlich der Höhepunkt des Machbarkeitswahns und der Naturentfernung, ja der Verfeindung mit der Natur. Nun hat Goethe in seiner unbändigen Neugier vor allem gegen Ende seines Lebens auch diese Tendenzen schon wahrgenommen. Im «Faust II» gibt es die Homunculus-Szene, wo Mephisto und Faust im Reagenzglas den Menschen zu züchten versuchen.

Weltwoche: Elon Musk will demnächst den Menschen mit Chips optimieren.

Safranski: Im «Faust» wird das Glas mit dem Homunculus darin weggeworfen, es zerspringt auf den Meeresklippen, und der Homunculus selbst löst sich im Wasser auf, und dann heisst es so schön: «Da regst du dich nach ewigen Normen, / Durch tausend abertausend Formen, / Und bis zum Menschen hast du Zeit.» Das Machwerk muss also zurück in die Natur, und dort muss der Keim im evolutionären Geschehen gewissermassen von der Pike auf dienen. Also, das Menschenmachen, das lassen wir jetzt erst mal, da lassen wir die Natur arbeiten, die lässt sich Zeit, manchmal unendlich viel Zeit, bis etwas entsteht. Im Schnellverfahren ist da nichts zu machen. Goethe hat sich gegen solche Torheiten gar nicht eingemauert. Er nahm die jeweils neuste Verrücktheit auf und spielte damit, auch um es zu verspotten.

Weltwoche: Goethe mochte keine ruckhaften Veränderungen, er setzte auf das Werden und Wachsen, auf langfristige Prozesse, die verfolgt werden mussten. Die Menschenbildner von heute denken kurzfristiger, panikartiger. Es muss sofort geschehen, sonst sind wir verloren, und deshalb müssen wir Zwang anwenden.

Safranski: Vielleicht kann man es so sagen, wie ich es in meinem Schiller-Buch ausführte: Schiller ging es um die Freiheit. Er war der Sartre des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts. Man muss etwas machen aus dem, zu dem man gemacht wurde. Er dachte vom Entwurf her, und das bezog sich sogar auf den eigenen Körper. Er war ja immer sehr krank. Die Ärzte sagten, er hätte eigentlich schon zehn Jahre früher sterben müssen, als sie ihn aufschnitten. Aber Schiller sagte: Es ist der Geist, der sich den Körper baut.

Weltwoche: Das geht schon fast in Richtung Transhumanismus, oder? Das Leben verlängern durch einen Willensakt.

Safranski: Das ist der Unterschied zu Goethe. Der war ein Meister des Lassens, nicht so sehr des angestrengten Machens. Er hat nur gedichtet, wenn er dazu in Stimmung war. Am «Faust» arbeitete er ein Leben lang. Immer mal wieder ein paar Stunden, dann treibt er was anderes voran, katalogisiert seine Steine, ist Minister. Er lässt die Dinge wachsen. Das ist ein ganz anderer Stil. Der eine ist Macher, der andere Lasser, der eine will Freiheit, der andere Natur. Deswegen ist das eine so unglaubliche Freundschaft. Sie spüren durchaus ihre Gegensätze, dann aber auch, wie sie sich wunderbar ergänzen.

Weltwoche: Die beiden ringen um die deutsche Sprache, sie veredeln sie, bringen sie zur Blüte. Wir hingegen erleben das Auftauchen von Ersatzsprachen, von ideologisch beauftragten Sprachverkrümmungen. Der Gendersprech mit seinen Binnen-I und Knacklauten.

Safranski: Wir tun gut daran, auf die Sprache zu hören, weil sie dasjenige ist, in dem gesammelte menschliche Intelligenz repräsentiert ist als Struktur, als Ordnung, als Semantik, also als die Vielfältigkeit von Bedeutungen und weiter. Das heisst, unsere erste Haltung gegenüber der Sprache sollte eine pragmatische Ehrfurcht sein. Wir sollten von der Sprache lernen, in sie hinein hören. Was jetzt passiert, kommt mir vor wie der Lärm von verzogenen Kindern, die klüger sein wollen als die Sprache, und das mit moralischem Gestus. Es ist ein banausischer Moralismus.

Weltwoche: Was würden Sie den Schülern von heute aus Goethes Werk zur Lektüre empfehlen?

Safranski: Immer wieder den «Werther». Weil da jeder merkt, was wirklich eine Sprache des Herzens ist und nicht eine Sprache der moralischen Gesinnung. Und zu welcher Lebendigkeit die Sprache in der Lage ist. Wenn man «Werther» liest, kann man nicht nur selber in die Geliebte verliebt sein, sondern man kann sich verlieben in die Sprache.

Weltwoche: Lassen Sie uns abschliessend über das schönste und berührendste Gedicht Goethes reden, das berühmte «Nachtlied»: «Über allen Gipfeln / ist Ruh’, / in allen Wipfeln / spürest Du / kaum einen Hauch; / die Vögelein schweigen im Walde. / Warte nur! Balde / ruhest du auch.» Er notierte es auf die Bretter der Hütte auf dem Kickelhahn, zu der er 1780 aufbrach aus dem Weimarer Trubel und den Geschäften dort, weil er Ruhe brauchte.

Safranski: Es ist eine ergreifende Geschichte. Er geht ja kurz vor seinem Tod noch mal hinauf und erkennt auf den verwitternden Brettern die mit Bleistift dort hingeworfenen Worte, und die Tränen rollen.

Weltwoche: Damals, als er das Gedicht schrieb, war er knapp über dreissig, also noch relativ jung.

Safranski: Vielleicht war es auch ein bisschen diese melancholische Weltverachtung der Jugend. Aber man merkt an dieser kurzen Zeile – «Warte nur! Balde / ruhest du auch» –, dass ein solches ernstes Vorkommnis wie unsere Sterblichkeit in einer wunderbaren Gestalt vor uns erscheint. Gewissermassen triumphiert die Poesie über den Tod. Diese Kraft hat die Poesie, und wenn man für Sprache einen Sinn hat, wenn man bemerkt, was sie alles kann, dann ist man ihr so dankbar, dass man jede Form ihrer Vergewaltigung zurückweist.