Ein Hamburger Tourismusportal preist die «Blaue Moschee» in den höchsten Tönen. Das schiitische Gotteshaus an der Aussenalster, erbaut in den sechziger Jahren, sei mit seinen prächtigen Minaretten und der himmelblauen Kuppel «ein kleines Stück Orient im Herzen Hamburgs».

Die «traumhafte Moschee» ist jedoch nicht nur ein denkmalgeschütztes Juwel, sondern auch Teil des globalen iranischen Machtnetzes in Europa, das seit der islamischen Revolution von 1979 als Plattform für den «Export» des schiitischen Islam dient — mit Duldung der deutschen Behörden.

 

Israel muss «entfernt» werden

Bereits 1993 bezeichnete das Landesamt für Verfassungsschutz das Islamische Zentrum Hamburg (IZH) als «strategischen Aussenposten des iranischen Regimes» mit dem Auftrag, die islamische Revolution in den Westen zu exportieren. Doch die Behörden griffen jahrelang nicht ein. Erst im November eröffnete das Bundesministerium des Innern und für Heimat (BMI) ein «vereinsrechtliches Ermittlungsverfahren» gegen das IZH: Es stehe im Verdacht, «sich gegen die verfassungsmässige Ordnung und gegen den Gedanken der Völkerverständigung zu richten».

Als der Jemen im Bürgerkrieg versank, stockte Teheran die Militärhilfe für die Huthi-Rebellen drastisch auf.Das ist sehr zurückhaltend formuliert. Denn die Islamische Republik macht aus ihren martialischen Absichten kein Geheimnis. Sie bezeichnet die Vereinigten Staaten als ihren primären, ewigen Feind, als den «grossen Satan». Die amerikanische Flagge wird seit der islamischen Revolution von 1979 von rasenden Menschenmengen mit Füssen getreten. Auch gegenüber Israel hat die Islamische Republik finstere Absichten. Auf dem Teheraner Palästina-Platz steht eine Uhr, auf deren Anzeigetafel über die Zahl der Tage bis zum Ende Israels informiert wird. Im Jahr 2040 werde es so weit sein, hatte Ajatollah Ali Chamenei 2015 prognostiziert. Drei Jahre später bekräftigte er seine Vorhersage. Israel müsse «entfernt und ausgerottet werden: Es ist möglich und wird geschehen.»

Trotzdem werden iranische Ideologiefilialen in Europa sanft angefasst. Nicht nur in Deutschland, sondern auch in London: Das Islamic Centre of England pflegt enge Verbindungen zur iranischen Regierung. Oder etwa in Frankreich: Dort gehören die rund 200 000 Schiiten zehn Vereinigungen und Kulturzentren an, die im Auftrag des Iran religiöse Aktivitäten auf der Grundlage des Schiismus durchführen.

In den letzten Jahren habe der Iran immer wieder seine Fähigkeit zur Zerstörung unter Beweis gestellt, sagt Ben Soodavar vom Department of War Studies am King’s College London. Bis vor kurzem setzte das Regime ausschliesslich auf Stellvertreter, die von Teheran ausgerüstet und finanziert werden. Doch in der Nacht zum 14. April ging der Iran erstmals zu direkten und gezielten Angriffen auf Israel über und zeigte damit eine Erhöhung seiner Risikobereitschaft. Es sei darum gegangen, «ein neues Gleichgewicht zu Israel zu schaffen», lässt sich ein ranghoher iranischer General zitieren.

Systematisch und aggressiv nutze Teheran vor allem im Mittleren Osten jedes Machtvakuum zur Ausdehnung seiner Interessensphäre aus, sagt Iran-Experte Raz Zimmt vom Institute for National Security Studies der Universität Tel Aviv, indem Teheran Stellvertreter einsetze, die von den Mullahs finanziert und ausgerüstet werden. So retteten die Mullahs während des syrischen Bürgerkriegs Assads Regime vor dem Untergang — und weiteten ihren Einfluss auf Syrien aus, indem sie vor Ort auf schiitische Milizen setzten. Im Libanon gehört die Hisbollah zu den wichtigsten Stellvertretern der Mullahs im Orient, die sie für den Kampf gegen Israel einsetzen. Sie verfügt über ein Arsenal von 120 000 bis 200 000 ballistischen Raketen, die weite Teile Israels erreichen können, auch Tel Aviv. Seit dem 7. Oktober hat die Hisbollah mehr als 3100 Raketen, Flugkörper und Drohnen auf Israel abgefeuert. Mehrere zehntausend Bewohner mussten entlang der Grenze, die zur Gefahrenzone erklärt wurde, evakuiert werden.

Der Iran setzt zusätzlich zur Hisbollah auch die Hamas und den Palästinensischen Islamischen Dschihad im Gazastreifen als Verbündete ein, die am 7. Oktober 3000 Israeli angriffen. Für Teheran sind die Islamisten eine lohnende Investition: Nicht nur weil sie Israel den Krieg erklärten, sondern auch weil sie seit den 1990er Jahren den israelisch-palästinensischen Friedensprozess mit Terroranschlägen verhindert haben.

Im Jemen hat der Iran ebenfalls seine Stellvertreter. Als das Land im Bürgerkrieg versank, stockte Teheran die Militärhilfe für die Huthi-Rebellen drastisch auf. Seit dem 7. Oktober haben die Huthi wiederholt Raketen gegen Israel abgefeuert. Mit ihren Attacken gefährden sie auch die Schifffahrt auf dem Roten Meer und damit die Lieferketten Europas. Teheran wolle den Westen in einen langwierigen Nahostkonflikt hineinziehen, um regionale Zwietracht zu säen und seine Hegemonialpläne voranzutreiben, sagt Zimmt.

Weltweit dehnt die Islamische Republik ihre Einflusssphäre aus. In Lateinamerika unterhält sie eine «Achse des Widerstands gegen die USA». Es gebe «eindeutige Anzeichen» dafür, dass die Terrornetzwerke, die der Iran in den 1980er und 1990er Jahren in mehreren südamerikanischen Ländern aufgebaut hat, weiterhin bestünden, sagte in einem Zeitungsinterview vor seiner Ermordung 2015 der argentinische Staatsanwalt Alberto Nisman, der den Bombenanschlag von 1994 auf das jüdische Gemeinschaftszentrum Amia (Asociación Mutual Israelita Argentina) und die israelische Botschaft in Buenos Aires untersuchte. Erst kürzlich, mehr als drei Jahrzehnte nach den tödlichen Anschlägen, hat ein argentinisches Gericht dem Iran die Schuld gegeben und ihn zum «terroristischen Staat» erklärt, weil er einen Stellvertreter beauftragt habe, den Anschlag auf das jüdische Zentrum auszuführen, bei dem es 85 Tote und 300 Verletzte gab.

Aktiv ist die Islamische Republik auch in Afrika. Sie verfolgt ökonomische, ideologisch-religiöse und militärische Ziele, indem sie in Vakua eindringt und bei Chaos-Situationen aktiv wird. So hat der Iran seit 2020 eine Putschkaskade in sechs ehemaligen französischen Kolonien in der Sahelzone und Westafrika — Burkina Faso, Tschad, Gabun, Guinea, Mali und Niger – genutzt, um in Afrika verstärkt Fuss zu fassen. Teheran hofft dort zudem auf neue Märkte für seine Rüstungsindustrie.

In Lateinamerika unterhält die Islamische Republik eine «Achse des Widerstands gegen die USA».Nahost, Europa, Afrika, Lateinamerika: Die Islamische Republik dehnt ihren destabilisierenden Einfluss nicht nur geografisch aus. Seit Jahren arbeiten iranische Ingenieure an der Atombombe. Derzeit sind sie in der Lage, Uran bis auf 60 Prozent anzureichern.

Das konnten auch umfangreiche Sanktionen nicht verhindern. Teheran fand in China und in Russland neue Handelspartner. «Das sollte uns daran erinnern, dass der Iran kein Staat ist, der seine regionalen Ambitionen einfach aufgibt», sagt Ben Soodavar vom King’s College London.

 

Einsatzfähige A-Bombe in zwei Jahren

Sollte es Ali Chamenei anordnen, könnten die Atomstrategen innert zweier Wochen bei der Urananreicherung die 90-Prozent-Marke erreichen, meint Iran-Forscher Zimmt. Der Einsatz der A-Bombe setze aber einen Kopf voraus, der auf eine Langstreckenrakete montiert werden kann. Bis in zwei Jahren, so Zimmt, könnten die Mullahs über eine einsatzfähige Nuklearbombe verfügen. Noch sei der Entscheid allerdings nicht gefallen. Um weder die USA noch Israel zu provozieren, scheue Teheran derzeit das breakout-Risiko, also den Moment anzusteuern, an dem der Iran die Schwelle zum Bau einer Atombombe überschreitet. Je stärker sich der Iran aber bedroht fühle, desto eher werde er versuchen, diesen Punkt zu erreichen, um damit das Abschreckungspotenzial zu vergrössern. Dann wird Teheran in der Lage sein, seinen Vorstellungen über die regionale und globale Ordnung Nachdruck zu verleihen.