Klaus-Rüdiger Mai: Die Kommunistin. Sahra Wagenknecht: Eine Frau zwischen Interessen und Mythen. Europa Verlag. 240 S., Fr. 34.90

Die DDR war der Sommernachtstraum vom Sozialismus, wie ihn sich der deutsche Spiesser vorstellt. Ein graues Einerlei voller Vorschriften. Hier war die Vitalität in ihren Unwägbarkeiten gebändigt, die Leidenschaften auf ein unvermeidliches Mindestmass heruntergeregelt, das Vergnügen wurde zur Sättigungsbeilage der Pflicht. Und was mit Abweichlern zu geschehen hat, hatten die Deutschen längst erprobt.

Kurzum: «Im Vergleich zur BRD war die DDR, was immer man im Einzelnen an ihr aussetzen mag, in jeder Phase ihrer Entwicklung das friedlichere, sozialere, menschlichere Deutschland», resümierte Sahra Wagenknecht in einem Spiegel-Interview 1994, fünf Jahre nach Zusammenbruch des SED-Staates.

Ein Besuch in der Gedenkstätte des Foltergefängnisses der Stasi in Berlin-Hohenschönhausen würde wohl ausreichen, um einen gegenteiligen Eindruck zu gewinnen.

Gleichwohl formulierte die damals 26-jährige Frontfrau der Kommunistischen Plattform in der PDS, der Nachfolgepartei der SED und Vorläuferin der Linkspartei, ein Lebensgefühl, das auch noch im 34. Jahr der deutschen Einheit unterschwellig oszilliert. Auf seltsame Weise hat es die DDR im Gedächtnis vieler Ostdeutscher geschafft, als ein Unrechtsstaat in Erinnerung zu bleiben, in dem es sich trotz aller Widrigkeiten recht gut leben liess. Jedenfalls, solange man nicht allzu sehr totgeschossen auf dem Grenzstreifen lag.

Die junge Sahra verschlang Bücher wie andere Menschen Süssigkeiten, entdeckte Hegel und Goethe für sich.

Insofern verfügt Klaus-Rüdiger Mai, 61, dessen Monografie über Sahra Wagenknecht den etwas unscheinbaren Titel «Die Kommunistin» trägt, über einen unschätzbaren Wettbewerbsvorteil gegenüber bisherigen Biografen und Porträtisten der Links-Ikone: Er stammt wie Wagenknecht, 54, aus der DDR.

Der Dramaturg, Schriftsteller und politische Publizist Mai hat die einstige sowjetisch besetzte Zone nicht nur erlebt, sondern sichtlich durchlitten. Seine Schilderung der jungen Wagenknecht als aufblühende Intellektuelle in der bereits dahinsiechenden DDR liest sich denn auch ein bisschen wie eine persönliche Auseinandersetzung des Biografen mit dem verzweifelten Unterfangen der Intelligenzia, in der Geistesferne des real existierenden Sozialismus zu überleben.

Sahra Wagenknecht kam 1969 zur Welt, als uneheliche Tochter einer Ostberliner Studentin und eines Studenten aus Westberlin, der aus dem Iran stammte und Schah-Gegner war. Sie war noch Kleinkind, als ihr Vater von einer Reise in seine Heimat nicht mehr zurückkam. Der Verlust des Vaters war für sie prägend. Wer nichts weiss über den Verbleib eines Elternteils, trägt sein Leben lang eine Fragestellung mit sich herum. Dieses Mysterium, behauptet Mai, wurde für Wagenknecht zum «Material für die Gestalt, die sich Sahra Wagenknecht zu geben wünscht». Die Aura der Sphinx, mit der sich Wagenknecht in ihrer politischen Laufbahn umgibt, ist eine Eigenkonstruktion – «die Erfindung der Sahra Wagenknecht».

Vor dem glanzlosen Alltag im Mauerstaat flüchtete sich die junge Sahra in Bibliotheken. Sie verschlang Bücher wie andere Menschen Süssigkeiten, entdeckte Hegel und Goethe für sich, lernte den «Faust» auswendig und gewann den linientreuen Dichter Peter Hacks, der sich für einen sozialistischen Klassiker und Wiedergänger Goethes hielt, als ihre geistige Vaterfigur. In seinem Kielwasser ästhetisierte sie sich die DDR als das bessere Deutschland zurecht. Als die Mauer fiel, trat sie in die SED ein – als eine beinharte und sogar für späte DDR-Verhältnisse aus der Zeit gefallene Stalinistin.

 

Untiefen des Postmodernismus

Klaus-Rüdiger Mai trägt mit kenntnisreicher Ausführlichkeit die geistigen Grundlagen von Wagenknechts Weltbild zusammen. Wir erfahren viel über Marx und Hegel; auch den Untiefen des Postmodernismus ist ein anschaulicher Exkurs gewidmet. Mais These lautet, dass Wagenknecht, bei all ihren Pirouetten und Häutungen, eine getreuliche Kommunistin geblieben ist. Ob dies stimmt, ist schwer zu beurteilen, weil nicht einmal Kommunisten zu sagen vermögen, was der utopische Begriff Kommunismus genau bedeuten soll. Verlässlich Auskunft geben können vermutlich nur die Opfer, sofern sie kommunistische Experimente überlebt haben.

Allemal ist diese Biografie lesenswert, weil Mai pointiert und geistreich schreibt und mit dem Ausbreiten von Wagenknechts Herkunft auch viel über unsere Gegenwart erhellt. Denn dass Sahra Wagenknecht sich derzeit anschickt, mit einer selbstkreierten Partei die politische Landschaft in Deutschland durcheinanderzuwirbeln, hat auch mit ihrer biografischen Routiniertheit zu tun, sich selbst erfinden zu können.

Die 3 Top-Kommentare zu "Eine Frau erfindet sich selbst"
  • Käsesemmel

    Auch eine Kommunistin ist in jedem Parlament eine Bereicherung. So wie übrigens auch konservative und rechte Parteien.

  • Benno43

    und die Andere „wir schaffen das“, eine SED-Ikone!

  • bmiller

    Wie kommen Sie denn darauf? Ich sehe keinen Hass in diesem Text. Wobei ich glaube, Dass Mai Recht hat , dass Wagenknecht eine Kommunistin ist und bleibt. Oder halt eine Sozialistin.