Friedrich Dürrenmatt: Die Physiker. Diogenes TB. 96 S., Fr. 13.90

Die Uraufführung der «Komödie in zwei Akten» fand 1962 im Schauspielhaus Zürich statt. Der Publikumserfolg war überragend. In der Spielzeit 1962 bis 1963 wurden «Die Physiker» mit 1596 Aufführungen zum meistgespielten Stück auf den deutschsprachigen Bühnen. Die Presse war begeistert. Man sprach von «Virtuosität» und einem «erstaunlichen Werk» (NZZ). Zum Teil scharfe Kritik kam vom deutschen Feuilleton (etwa von Joachim Kaiser und Friedrich Luft). In London und am Broadway in New York setzte sich das Stück ebenfalls durch.

Gründe für den Erfolg: die Aktualität des Stoffs im Kalten Krieg der späten 1950er und der frühen 1960er Jahre zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion. Die Bedrohung durch einen Atomkrieg, verschärft durch den Bau der Berliner Mauer 1961, und die infolgedessen immer dringlicher diskutierte Frage nach der Verantwortung der Naturwissenschaft. Bedeutsam für den Erfolg in Zürich war auch die exquisite Besetzung: Hans Christian Blech interpretierte die Rolle des Möbius, Gustav Knuth die Newtons, Theo Lingen die Einsteins, und die unvergleichliche Therese Giehse spielte die einzig Verrückte im Stück, Dr. Mathilde von Zahnd, die Klinikleiterin.

Hier soll das vielschichtige Drama um die drei Physiker, die als Patienten in einer privaten psychiatrischen Klinik leben, nicht erneut analysiert werden. Newton und Einstein haben sich ins «Irrenhaus» einliefern lassen, um an Möbius’ bahnbrechende physikalische Erkenntnis zu gelangen, die «Weltformel».

«Die Physiker» haben in unseren Tagen neue, bestürzende Aktualität erhalten.

Das bekannteste, für immer gültige und in seinen möglichen Folgen auch erschreckende Zitat wird von Möbius gesprochen. Nachhallend setzt es den Schlusspunkt. Die drei Männer, völlig desillusioniert und der Ausweglosigkeit bewusst, sehen ihrer Gefangenschaft entgegen. Da spricht Möbius die eigentlichen Schlussworte: «Was einmal gedacht wurde, kann nicht mehr zurückgenommen werden.»

 

Zeugnis griechischer Denkkraft

Nun ist mir beim Übersetzen der «Frauen von Trachis», einer Tragödie des Sophokles, die im Dezember 2024 im Schiffbau in Zürich zur Aufführung kommen soll, die fast wörtliche Entsprechung des Möbius-Zitates begegnet: «Denn was zutage trat, wer könnt es ungeschehen machen?» Der Zusammenhang: Hyllos, Herakles’ Sohn, spricht zu seiner Mutter Deianeira über ihre unbeabsichtigte Untat. Sie harrt in Trachis mit Hyllos der Heimkehr ihres Gatten, der seinen Abenteuern in fernen Landen nachgeht. Nun kommt die Kunde, seine Rückkehr stehe bald bevor; aber es komme auch eine junge schöne Frau ins Haus, von der ihr ein Bote berichtet, diese werde als Geliebte künftig mit Deianeira im gleichen Haushalt wohnen.

Die Liebe ihres Gatten zurückzugewinnen, ist Deianeiras einziger Wunsch. Sie verwendet dafür einen Liebeszauber, das mit Blut durchtränkte Gewand des Kentauren Nessos. Dieses aber hat der Pfeil des Herakles, der Nessos tödlich traf, mit dem Gift der Hydra durchsetzt. Hyllos berichtet, wie der Vater von entsetzlichen Schmerzen zerfressen wurde, als er das Unheilsgewand trug. Er nennt seine Mutter Mörderin, sie, schuldlos, ist schockiert: «Weh mir! Welch Wort, mein Kind, hast du hervorgebracht!» Darauf Hyllos: «Eins, das unausweichlich sich erfüllt. Denn was zutage trat, wer könnt es ungeschehen machen?» (V.742 f.)

Der gleiche Gedanke wie bei Sophokles findet sich beim Lyriker Semonides: «Denn das Geschehene wird nicht mehr ungeschehen sein.» Und auch bei Pindar in den «Olympischen Oden» (II 15–17): «Von dem, was getan ist, / sei es mit Recht oder wider das Recht, kann wohl auch Chronos, / der Vater aller Dinge, den Ausgang nicht ungeschehen machen.»

Dürrenmatt wird diese Zitate aus der griechischen Literatur kaum gekannt, sondern Möbius’ Satz originär erdacht und brillant formuliert haben. Unbestritten aber ist es ein überragendes Zeugnis griechischer Denkkraft, diese beklemmende Erkenntnis gewonnen zu haben. «Die Physiker» haben in unseren Tagen durch die gigantische Aufrüstung und das leichtfertige Gerede vom Einsatz von Atomwaffen neue, bestürzende Aktualität erhalten.