Berlin

Charlottenburg, im Herzen des alten Westberlin. Der breite Gehsteig an der Ecke Schlüter-/Mommsenstrasse ist von langen Reihen mit weissgedeckten -Tischen belegt. Ein herrlicher Anblick an einem lauen Spätsommermorgen. Nur überboten von einem Mann in einem taubenblauen massgeschneiderten Field-Shirt mit passender Hose, auf dem Kopf einen Panamahut, das Gesicht abgedeckt von einer sündhaft teuren Sonnenbrille. Es ist ein Look, der unter lateinamerikanischen Diktatoren beliebt war oder unter sowjetischen Staatschefs im Sommerurlaub.

Lächelnd setzt sich der taubenblau uniformierte Mensch an meinen Tisch. Ja, es ist Adnan! Zum Anfassen nahe. Und es überkommen mich sofort Zweifel: Sind das Hemd, der Hut und die Brille vielleicht doch eher der Look eines türkischen Dandys, vermischt mit der Extravaganz des Erfolgsitalieners?

Biografische Ungereimtheiten spielten im alten Westberlin nie eine Rolle. Die Mauer schloss die Stadt ein. Hier konnte man sich neu erfinden. Charlottenburg mit dem Kurfürstendamm war das Zentrum dieser Welt, der Potsdamer Platz hingegen noch eine Brache. In Kreuzberg brannten Autos, im «Dschungel» tobte das Leben, und Kaffeetrinken im «Kranzler Eck» galt noch als gesellschaftliches Ereignis. Wer hier lebte, musste nicht zur Bundeswehr. Der Sonderstatus machte die Stadt zum Paradies für Freaks, Punks, Aussteiger und Künstlertypen. Und dieser Mann im Panamahut, der jetzt zwei Meter von mir entfernt sitzt, ist zweifellos ein Kind jener legendären Zeit.

Auch ich verbrachte in den achtziger Jahren die aufregendste Zeit meines Lebens in der Mauerstadt. Ich empfand den Sonderstatus Berlins wie einen Aufruf: Sei individuell und undogmatisch. Motto: Jeder ist seines Glückes Schmied. Und Adnan, der damalige türkische Tellerwäscher, scheint genau das Resultat jener Geisteshaltung zu sein, die Deutschland heute vielleicht dringender braucht als jemals zuvor.

 

David Bowie kauft einen Kaffee

Von seinem Gesicht sind weder Vergangenheit noch Gegenwart abzulesen. Alles ist verdeckt von dieser schwarzen Sonnenbrille. Die Mundwinkel lächeln zwar konstant, was aber nichts bedeutet. Adnan lächelt immer. So hat er schon David Bowie angelächelt, als dieser bei ihm einen Kaffee kaufte, im Sommer 1984 war’s, nachdem Adnan eben eine -Espressobar am Ku’damm eröffnet hatte. Später bekamen auch Romy Haag und -Richard von Weizsäcker dieses Lächeln geschenkt. Da gehörten Adnan längst schon ein paar angesagte Restaurants.

Helmut Kohl und Angela Merkel wurden seine Gäste, Joachim Löw und Uschi Glas, Mario Adorf und Karl-Theodor zu Guttenberg, Sabine Christiansen und Udo Walz. Irgendwann tauchten auch Brad Pitt und Tom Cruise auf, und die Medien überschlugen sich vor Begeisterung. Obwohl: Er habe nie die Journalisten angerufen, wenn die Stars auftauchten, beteuert Adnan. Stars seien schliesslich auch nur Menschen und wollten in Ruhe gelassen werden. Was offenbar nicht für ihn selbst gilt. Passanten nähern sich, wollen ihn von nahem begutachten, vielleicht sogar berühren, wie einen alten Freund: Ja, das ist Adnan! Und er scheint sich mit ihnen zu -freuen über das Wunder seiner Berliner Existenz.

 

Stadt der Minderheiten

Alles beginnt 1983. Der junge Mann heisst Adnan Oral und stammt aus Anatolien. Er ist Anfang zwanzig und auf der Flucht, wie sein Vater, ein linksradikaler Atheist, den er erst mit fünfzehn kennenlernt, weil dem Vater ständig die Staatspolizei auf den Fersen ist. Nach einer Zwischenstation in Rom, wo er Teller wäscht, kommt Adnan nach Westberlin, auf der Suche nach einem besseren Leben. Und wäscht gleich wieder Teller. Immerhin tut er das an einer der ersten Adressen der Stadt, im «Kempin-ski» beim Kurfürstendamm, diesem herrlichen Boulevard, der am westlichen Ende in die privilegierten Quartiere führt, nach Grunewald, Dahlem und Zehlendorf, besiedelt von Menschen, die das arme, aber sexy Berlin von Kreuzberg meiden. Hier im Westen essen die Menschen immer noch gerne Leberwurst und Hackepeter-Brötchen, dazu trinken sie langweiligen Filterkaffee. Von Espresso und Croissants haben sie zwar schon gehört, doch die kulinarische Exotik findet -woanders statt.

Adnan schaut auf diese Stadt und entscheidet sich gegen das Chaos und für die Ordnung, gegen Kreuzberg und für Charlottenburg-Wilmersdorf. Er will es im gehobenen Teil Westberlins versuchen, gleich neben dem «Kranzler Eck». Dort eröffnet der «freche Türke» (Bild-Zeitung) die erste italienische Espressobar am -Ku’damm, wo ihn ebendieser David Robert Jones, genannt Bowie, besucht. Wie Adnan das schafft, darüber schweigt er noch immer. Die Konkurrenz nimmt ihn jedenfalls nicht ernst. Soll der Türke doch auf die Schnauze fliegen! Das Lokal heisst «Frullati e Panini» und gehört zu den Ersten, die in Berlin Tramezzini anbieten. Und es wird berühmt. Wegen seines Chefs, Adnan, des flamboyanten Südländers.

Sein Vorteil: Er ist kein praktizierender Muslim, sondern Atheist. Er kann sich in Berlin neu erfinden, denn da ist kein Gott in seinem Kopf, der Zweifel schürt. Er kann den coolen Italiener inszenieren, und so sieht er für die Westberliner auch aus. Ein Geniesser! Kultiviert und exotisch! Einer mit grossem Herz, der seine Stammgäste mit einer Umarmung empfängt und erst wieder loslässt, wenn sie sein italienisches Eau de Cologne bis tief ins Innere eingeatmet haben. Bis sie angefixt sind.

Nebenbei entspricht Adnan, der Türke, der damaligen Stimmungslage von Westberlin, die man als ein «Glitzerding» beschreiben kann, das in den 1980er Jahren seine Eigenheit entwickelt. Es ist die Stadt der Minderheiten, wie mein Schriftstellerkollege Peter Schneider damals erklärt. Die Teilstadt vereint eine Vielfalt von Lebensstilen, von Punks bis zu Stammlesern der Springer-Presse. Viele empfinden das Leben im Schatten der Mauer als eine sonnige Sache. Und Adnan ist das wundervolle Resultat davon.

Nach dem Mauerfall verlieren der Kurfürstendamm und Charlottenburg an Glanz und Bedeutung. Der sonnigste Mensch von Westberlin hat jetzt ein paar Restaurants, die nicht mehr recht funktionieren. Erst das «Adnan» wird wieder ein voller Erfolg. Hier vervollkommnet der Held dieser Geschichte seine Kunst der ewigen Selbststilisierung: Er wird ein Chef zum Anfassen. Kaum jemand hat mit Adnan länger als zehn Minuten geredet, und meist erzählt er dabei nur flüchtig-herzlichen Kram. Und doch glauben nachher alle, ihn zu kennen. Und kommen wieder. Vor allem die Mächtigen aus Politik, Wirtschaft und Medien.

«Prominente haben in ihrem Alltag ganz viel mit Erwartungshaltungen zu kämpfen», sagt Adnan. «Wir erwarten nichts von ihnen, empfangen sie mit viel Herz. Ich bin ein Dienstleister und öffne meine Arme für alle.» Ja, es gab auch schon Gerüchte um Adnan und seine geöffneten Arme. Im September 2017 schloss er sein Lokal zwischenzeitlich. «Nach 32 Jahren Selbstständigkeit möchte ich mir eine Auszeit nehmen», erklärte er. Ein paar Monate später meldete die Bild-Zeitung, er habe sich um die Auflagen des Finanzamts womöglich weniger gut gekümmert als um die Bedürfnisse seiner Gäste. Nein, er sei nie im Gefängnis gewesen, er habe nie Steuerprobleme gehabt – alles üble Gerüchte, sagt Adnan und lächelt wie immer. Im Übrigen sei das Märchen vom Tellerwäscher zum Millionär eben wirklich genau das: ein Märchen. «Aber im Herzen bin ich Millionär. Das ist doch am wichtigsten.»

 

Jeder Gast ein Superstar

Später, als sich die Sonne über Charlottenburg gesenkt hat, erlebe ich den besten Adnan. Sein Restaurant greift zwar nicht nach den -(Michelin-)Sternen, doch die Gäste werden wie Superstars behandelt. Der Hit ist noch immer das butterzart gegrillte Kalbskotelett mit viel Salbei. Wenn ich mich nicht täusche, sitzt dort hinten der ehemalige Bahnchef Hartmut Mehdorn. Und da drüben «Tagesthemen»-Sprecher Ingo Zamperoni vor einem Teller Garnelen. Die Frau, die eben reinkommt, muss Schauspielerin Dennenesch Zoudé sein. Geht sie auf den Tisch zu, wo dieses Paar sitzt, das mich so verdächtig an Claudia Roth und Özcan Mutlu von den Grünen erinnert? Der ältere Herr nebenan sieht Bild-Kolumnist Franz Josef Wagner zum Verwechseln ähnlich. Und die Frau dort hinten, ist das nicht Djamila Rowe, die angebliche Geliebte des Ex-Botschafters der Schweiz, Thomas Borer, die mal einen Medienskandal ins Rollen brachte?

Das «Adnan» brennt! Promi-Faktor: mittelhoch. Der Chef hat seine Augen auf jedem Tisch, schaut zum Rechten, selbst wenn er dazu Sonnenbrille trägt. Er lächelt und redet und scherzt. Man kann ihn sich nirgend anders vorstellen. Nur in seinen Träumen kehre er manchmal in eine ganz andere Wirklichkeit zurück, hatte er mir am Vormittag erzählt. Da komme die Mutter vor, die in Kappadokien lebt, nie in Deutschland war und nie ihren Adnan gesehen hat, wie er in Chralottenburg den extravaganten Südländer performt. Und sie spricht dann im Traum zu ihm, er solle doch mal wieder ganz normal werden. Und auf Türkisch antworten. Tut Adnan aber nicht.