Da habe ich aber Glück gehabt. Man stelle sich vor, was passiert wäre, hätte ich zu viele Gummibären verputzt.

Wir sind damit bei einer meiner liebsten Schlagzeilen aus der letzten Zeit. Sie stammt aus 20 Minuten. Die Schlagzeile lautet: «Experten warnen vor Gummibärli».

Importierte Gummibären enthalten mitunter das Stimulans HHC, das sich auch in elektronischen Zigaretten finden lassen kann. Eine Überdosis an derartigen Bären, so das Alarmsignal, kann zu Schwindel oder Übelkeit führen.

Tolle Schlagzeile: «Experten warnen vor Gummibärli».

Wir sind damit bei einem interessanten Massenphänomen, das sich in den Medien rasant verbreitet. Es ist der kreative Warnungsjournalismus. Der kreative Warnungsjournalismus stützt sich auf kreative Fachkräfte, sogenannte Experten. Ich liefere gern zehn Beispiele, die mir zuletzt besonders gefallen haben:

«Experten warnen, dass man wilde Enten nicht füttern soll» (Zürichsee-Zeitung).

«Experten warnen vor unbedachtem Sprung in Flüsse» (NZZ).

«Experte warnt vor Einbusse an Lebensqualität» (Sonntagszeitung).

«Experte warnt vor Staatsverweigerern» (Handelszeitung).

«Experten warnen vor chronischem Schlafmangel» (Schweiz am Wochenende).

«Experten warnen vor tödlicher Gefahr beim Betreten von Wäldern» (Radio Top).

«Experten warnen vor verspäteten Diagnosen nach Zeckenbissen» (Nau.ch).

«Experten warnen vor einer Eintrübung des Umfelds» (Finanz und Wirtschaft).

«Experten warnen vor häufigem Gebrauch von Desinfektionsmitteln (Tages-Anzeiger).

«Experten warnen vor Mitnahme kleiner Katzen aus dem Wald» (Die Zeit).

Interessant daran ist nicht, dass zu jedem Lebensumstand, von wilden Enten bis zu kleinen Katzen, eine Schar von Experten durch die Medien zieht. Der Expertismus ist seit je der engste Verwandte des Alarmismus.

Zur Inszenierung des täglichen Schreckens braucht es zwingend die Experten.Eine Kernkompetenz des Journalismus besteht seit Gutenberg darin, die Menschheit mit täglichen Bedrohungen und Katastrophen in Aufregung zu versetzen. Klassiker in diesem Sortiment reichen von Pestiziden im Salat bis zu Borkenkäfern im Gehölz. Die bedeutendsten Gefahrenmomente waren jeweils die regelmässigen Untergänge der Menschheit durch irgendwelche Bakterien und Viren wie Vogelgrippe, Ebola, Sars, Schweinegrippe und Corona, die hinterher dann allesamt als hochgeblasene Intermezzi verpufften.

Schwieriger als diese Grosstheater sind jeweils die Inszenierungen des täglichen Schreckens. Hier nun braucht es zwingend die Experten, um den Warnungsjournalismus effektvoll umzusetzen. Eine normale Tageszeitung publiziert pro Tag zwischen drei und sechs Warnungen vor irgendwelchen Gefahren. Jede Redaktion führt dazu eine Liste von sogenannten Experten, die bei Bedarf mit ihren Warnungen zur Verfügung stehen.

Falls man keine Experten findet, dann erfindet man sie. Wenn in einem Artikel die anonymisierte Floskel «Experten warnen» steht, diese Experten aber nicht namentlich genannt werden, dann ist die Sachlage naheliegend. Man kann als Leser davon ausgehen, dass sich der Journalist die sogenannten Experten aus den Fingern gesogen hat.

Manchmal ist es jedoch tatsächlich schwierig, einen Experten zu finden, der das gewünschte Gruselszenario liefert. Zuletzt war es für Redaktionen sehr mühsam, die ideale Schlagzeile der Gegenwart abzusichern. Sie läuft auf eine militärische Konfrontation von Russland und Westeuropa hinaus. Die ideale Schlagzeile lautet: «Experten warnen vor drittem Weltkrieg».

«Konstellation ist Weltkriegs-trächtig» wusste der Experte im Stern. «Dritter Weltkrieg innert 18 Monaten» weissagte der Experte in der Daily Mail. «Experte warnt vor Putin-Angriff» vermeldeten übereinstimmend das ZDF und die Welt. In den Schweizer Medien ist man noch nicht ganz so weit. «Dritter Weltkrieg wegen Putin? Experten uneins» titelte etwa das Onlineportal Watson.

Es ist nachvollziehbar, dass es mit den Warnungen zum dritten Weltkrieg noch etwas harzt. Bei Gummibären ist das Risiko eher gering, bei Weltkriegen etwas grösser.

Die 3 Top-Kommentare zu "Gummibären und Weltkriege"
  • bernhardt

    Das "Waldsterben" war doch ein tolles Beispiel. Und heute die "Klimakrise". Sie fehlen in der Aufzählung des Autors!

  • peter.schweizer

    Höchste Zeit, dass Experten auch vor Experten warnen!

  • deesse

    Jeder, der sich intensiv mit irgendeinem Thema befasst, gilt heute als Experte, was aber nie stichhaltig mit Fakten begründet wird. Die Medien rechnen offenbar mit einer weit verbreiteten Dummheit ihrer Konsumenten.