Es war ein unvergesslicher Abend des Gedenkens, der letzte Woche stattfand. Des Erinnerns an die Opfer des Terrorismus und der Sorge um das Schicksal der Geiseln in der Gefangenschaft. Auf den Tag genau vor zwölf Jahren, am 19. März 2012, waren in einer jüdischen Schule in Toulouse erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg Juden ermordet worden, weil sie Juden sind: Jonathan Sandler und seine beiden Söhne Arié und Gabriel. Ihr Vater und Grossvater Samuel war der erste in Frankreich geborene Sandler, und der Kampf gegen das Vergessen war der letzte Sinn seines Lebens geblieben. An der vom französischen Parlament im November organisierten Demonstration nach dem Pogrom konnte er nicht teilnehmen. «Ich werde der letzte Sandler sein, der in Frankreich stirbt», sagte er nach dem Pogrom vom 7. Oktober im Gespräch mit der Weltwoche.

 

Anfänge in der Gartenhütte

Unvergesslich war der Abend auch deswegen, weil einer der prägendsten Intellektuellen und Polit-Agitatoren Frankreichs, Bernard-Henri Lévy, mit seiner Anwesenheit aufwartete. «Es gibt keinen Ort auf der ganzen Welt, an dem die Juden in Sicherheit sind», stellt Lévy für einmal ohne jegliches Pathos fest.

Früher als alle anderen hat er vor dem Kulturkampf des Salafismus in Frankreich gewarnt.Draussen hat die Polizei die Rue du Faubourg Saint-Honoré abgesperrt. Eine gute Stunde dauern das Warten und die Sicherheitskontrollen. Auf der Leinwand in der Salle Pleyel, dem Konzertsaal von Paris, zeichnen die Fotos der Toten und der lebenden Geiseln die Blutspur nach: von Toulouse über die Terrassen der Pariser Bistros und das Bataclan bis zur Rave-Party vom 7. Oktober. Am 8. Oktober war Bernard-Henri Lévy am Ort des Grauens. Den Hinterbliebenen und Überlebenden versprach er, ein Buch zu schreiben.

Der Abend des Gedenkens ist auch seine Buchpremiere. «Solitude d’Israël» hat Lévy seinen profunden Essay über die «Einsamkeit Israels» betitelt. Dessen Staatspräsident Jitzchak Herzog schickte eine Grussbotschaft an die Anwesenden und «meinen Freund». Im Vorprogramm diskutieren französische Fernsehjournalisten und Schriftsteller. Die Rede von Emmanuel Macrons erstem Unterrichtsminister Jean-Michel Blanquer, der sich mit der Islam-Linken an den Universitäten angelegt hatte und durch den woken Historiker Pap Ndiaye abgelöst wurde, ist ein Plädoyer für die Demokratie im Nahen Osten. Im Voraus hatte Blanquers Frau das Buch in einer Sonntagszeitung gepriesen.

Als charismatisch und temperamentvoll erleben die Teilnehmer den ungeliebten Sozialisten Manuel Valls. Er war zur Zeit der Attentate Premierminister und ist verzweifelt um ein Comeback bemüht. Früher und engagierter als alle anderen Politiker hat er vor dem Kulturkampf des Salafismus in Frankreich gewarnt, die Anwesenden bereiten ihm Standing Ovations. Einen «grand monsieur» nennt Valls den Philosophen Bernard-Henri Lévy, der über die Landesgrenzen unter dem Akronym «BHL» bekannt ist. Er erinnert an dessen Buch «Die Barbarei mit menschlichem Antlitz». Es hatte den mächtigsten zeitgenössischen Intellektuellen Frankreichs berühmt gemacht. Doch es hat eine Vorgeschichte.

Bernard-Henri Lévys erste intellektuelle Produktionen waren Nachrufe. Er schrieb sie im Alter von sieben Jahren in der Gartenhütte seines Elternhauses. Als Student – des marxistischen Gurus Louis Althusser – und glühender Maoist hörte er im Radio einen Aufruf von André Malraux. Der Schriftsteller und Gefährte von Charles de Gaulle appellierte an die Jugend, wie einst im Spanischen Bürgerkrieg internationale Brigaden zu bilden: In Bangladesch war ein Genozid von Islamisten an Muslimen (und Hindus) mit drei Millionen Toten im Gang. Mehrere Monate verbrachte BHL vor Ort und berichtete für die in der Résistance gegründete Zeitung Combat, deren berühmtester Mitarbeiter Albert Camus war. Zu Hause schrieb er sein erstes Buch – noch interessierte sich die Öffentlichkeit nicht für die Ausmerzung von religiösen Minderheiten und die sexuelle Gewalt an Frauen.

 

Weisse Hemden als Markenzeichen

«Ich bin das uneheliche Kind eines teuflischen Paars, des Stalinismus und des Faschismus», lautet der erste Satz in «Barbarei mit menschlichem Antlitz». Es steht zusammen mit André Glucksmanns «Köchin und Menschenfresser» für die Wende einer ganzen Generation junger Intellektueller, die sich vom Marxismus und von seinen ideologischen Varianten zum Antitotalitarismus bekehrten. Ihr Auftritt 1977 in der Literatursendung «Apostrophes» war die Geburtsstunde dieser «Nouvelle Philosophie». Der Antitotalitarismus und die Menschenrechte wurden zu den Imperativen der französischen Politik. Später weitete BHL die Aufarbeitung der Vergangenheit vom Stalinismus auf den französischen Faschismus aus. Das Kürzel BHL und sein weit offen getragenes weisses Hemd waren fortan seine Markenzeichen.

Seit Bangladesch hat BHL so ziemlich jeden Kriegsschauplatz besucht. Er schrieb Dutzende von Reportagen und Essays, Theaterstücke, Biografien. Meist wurden sie zu Bestsellern. Eine Liste der Intellektuellen bei der Europawahl 1994 «für Sarajevo» und gegen die «ethnischen Säuberungen» der bosnischen Muslime durch die Serben wurde vorzeitig zurückgezogen – es war eine Werbekampagne für BHL.s Film. Derweil verpassten sie den gleichzeitigen Genozid – unter französischer Mitverantwortung – in Ruanda. Stets suchte BHL das Licht der Scheinwerfer und die Nähe zur Macht. Er ist weltweit der einzige Intellektuelle, der praktisch im Alleingang einen Krieg anstiften konnte: Er überzeugte Nicolas Sarkozy und schliesslich Hillary Clinton von der Notwendigkeit des militärischen Eingreifens in Libyen, um Muammar al-Gaddafi zu beseitigen.

BHL ist weiterhin von dessen moralischer und politischer Richtigkeit überzeugt. Unter seinem Einfluss wollte François Hollande auch noch in Syrien einschreiten – doch im letzten Augenblick sagte Obama ab. Emmanuel Macron hatte sich nach seiner Wahl von diesem Dogma distanziert und war zu Gesprächen mit Baschar al-Assad bereit. Auch Wladimir Putin wollte er «nicht demütigen» und mit ihm verhandeln. Bodentruppen, deren Einsatz er jetzt erstmals erwogen hat, fordert BHL schon lange. Die Libération berichtete im vergangenen September, dass die ukrainischen Truppen zwei Positionen, die sie zurückerobern konnten, nach Macron und BHL benannt hätten.

In der Ukraine hielt BHL bereits während des Maidans eine flammende Rede an die Aufständischen. Von seinen abenteuerlichen Expeditionen berichtet er in seiner wöchentlichen Kolumne im Nachrichtenmagazin Le Point: «Ich bin zurück in Kiew.» Zwei Filme hat er gedreht. Sie zeigen einen in die Jahre gekommenen Mann im gebügelten Anzug auf der Suche nach dem Krieg. Er schreitet über die verlassenen Schlachtfelder und interviewt Soldaten. «Ich bin müde», sagt BHL im Film «Slava Ukraini». «Ich werde bald sterben», sagte er im Kino zur Schriftstellerin Christine Angot, der er eine private Pressevorstellung organisiert hatte. Premiere war am ersten Jahrestag des Kriegsbeginns, ein paar hundert Besucher haben den Film gesehen, bevor er abgesetzt wurde.

Das absolute Grauen fand der Philosoph in Israel vor. Das Buch, mit dem er sein Versprechen einlöst, ist eine Meditation. Sie mündet in ein Gebet. Auch der Grossrabbiner von Frankreich, Haïm Korsia, hat es im Voraus besprochen: «Das Böse ist nicht besiegt», die Verheissung vom «Ende der Geschichte» hat sich nicht erfüllt. Korsia zitiert Rachi, den Rabbiner von Troyes, der vor tausend Jahren schrieb: Die Länder der Welt werden den Juden das Land ihrer Herkunft verweigern. Für Korsia «beantwortet BHL die Frage nach dem Sinn der Existenz von Israel».

Bodentruppen, deren Einsatz Macron jetzt erstmals erwogen hat, fordert BHL schon lange.Es geht nicht nur um Metaphysik. BHL beleuchtet die historischen Beziehungen zwischen dem Iran, dem Islamismus und den Nazis. Iraner sind Arier, die Umbenennung Persiens erfolgte in den dreissiger Jahren. Es gab einen «arabischen Nazismus», der geleugnet wird. Und es gibt eine Wahlverwandtschaft der Muslimbrüder, die «Mein Kampf» verbreiteten, mit Hitler. Der Mufti von Jerusalem zog 1941 nach Berlin und beteiligte sich an der Endlösung der «jüdischen Gefahr». BHL entlarvt den «Mythos von einem unschuldigen Palästina», dem der Preis für «das Verbrechen aller Verbrechen» abverlangt werde, als Lüge. Als mit der Staatsgründung die Aufteilung zum Thema wurde, machten die Juden einen Drittel der Bevölkerung aus. Sie waren nicht gekommen, um einen Kolonialstaat zu begründen, sondern weil sie in Europa ausgemerzt wurden. Vorgesehen hatte die Resolution der Vereinten Nationen zwei Staaten – die beide von den arabischen Ländern abgelehnt wurden.

 

Keine Phrasen, keine Posen

Israels Einsamkeit: Nach dem 11. September solidarisierte sich die Welt mit Amerika und später noch einmal mit Charlie Hebdo. Von Israel wendet sie sich ab. Umgehend hat die Negation des Horrors begonnen. Nicht die Angreifer werden von der Weltöffentlichkeit verurteilt, sondern die Juden, die ihr Land verteidigen, nachdem sie zu Hause Opfer der unsagbarsten Barbarei seit der Schoah wurden. Ihre Ausmerzung ist das Programm der Hamas, festgeschrieben in ihrer Charta. Diesem Ziel unterwirft und opfert die Terroristenarmee der Muslimbrüder im Solde der Nazis im Iran die eigene Bevölkerung. Auch sich selbst habe er dieses Buch geschuldet, bekennt der Philosoph. Es kam am Tag nach der Premiere in den Verkauf und steht auf den Bestsellerlisten bereits ganz oben.

Der letzte Sandler von Paris kann es nicht mehr lesen, er starb Mitte Januar. Am Jahrestag des Attentats ist er auf der Leinwand und in allen Köpfen präsent. Manuel Valls würdigt Samuel Sandler auch verbal. Bernard-Henri Lévy erleben wir in der besten Rolle seines Lebens, das Hemd fast bis zum Kragen zugeknöpft. Er spricht – eine Dreiviertelstunde lang – mit bewegter Stimme. Keine Phrasen, keine Posen, keine Provokationen. Der Philosoph spricht – so hat sich, Irrtum vorbehalten, das Kind von Stalinismus und Faschismus nie definiert: als «jüdischer Schriftsteller», der in Gaza auf das «absolute Böse» traf.

Einst war er ausgezogen, um einen Genozid von Islamisten an Muslimen zu denunzieren. Seither bekämpft er als Intellektueller die Tyrannen und Totalitarismen, um die Wiederholung ihrer Verbrechen zu verhindern. Was in Bangladesch geschah, droht auch der Hamas, nicht nur den Juden und Israel. Die Einladung der Veranstalter trug den Vermerk: «‹Nie wieder› ist heute!»

 

Bernard-Henri Lévy: Solitude d’Israël. Grasset. 170 S., Fr. 32.90