Es ist ein Fest, und alle sind sich einig. Der Tages-Anzeiger mäkelt empört, die NZZ schreibt von einer Bankrotterklärung. Sogar das Schweizer Staats-Fernsehen darf sich jetzt als tapferer Gralshüter des staatsskeptischen Journalismus fühlen. Die Causa Ringier/Marc Walder gibt dem Schweizer Medienmainstream die Möglichkeit, sich auf Kosten eines Konkurrenten hochzustemmen, aufzudröhnen, sich besser, moralisch überlegen zu fühlen.

Dummerweise hatte Walder in einem Video-Talk öffentlich ausgesprochen, was nach zwei Jahren Covid-Politik ohnehin längst allen klar geworden war: Dass sich nämlich das Medienhaus Ringier während der Corona-Pandemie nicht gerade durch übertriebene Kritik an den staatlichen Behörden hervorgetan hat, sondern die Behörden journalistisch «unterstützte», um angeblich «keinen Keil» ins Volk zu treiben.

Berset als freier Mitarbeiter

Hat das irgendjemand erstaunt? Man brauchte den Blick in den letzten Wochen und Monaten doch nur aufzuschlagen, um zu merken, wie der Wind weht. Ringier berichtete konsequent regierungstreu bis zum Abwinken, staatsergeben, gelegentlich auf den Knien vor seiner Majestät Alain Berset dem Allerersten, der seine journalistischen Höflinge mit Informationen, schönen Bildern und sogar seiner freien Mitarbeit in Publikationen des Verlags belohnte.

Aber Gnade Gott all jenen, die es anders sehen. Bersets Kritiker sahen sich von den Ringier-Medien aufs Mitleidloseste kritisiert, regelrecht verfolgt als Covidioten, Schwurbler, Verschwörungsnazis und Rechtsextreme. SVP-Bundesrat Ueli Maurer wurde zum Landesverräter erklärt, als er sich aus Protest gegen Corona-Übertreibungen ein Trikot der «Freiheits-Trychler» überstreifte. Da war dann von Walders samtstimmigen Bekundungen journalistischer Verantwortung und Rücksichtnahme nicht mehr viel zu spüren. Die Ringier-Leute keilten und holzten, was das Zeug hielt.

Die Frage lautet nicht, ob die intime Kuschelnähe zwischen dem linken Berset-Teil der Regierung und Ringier zu weit geht. Natürlich geht sie viel zu weit. Übrigens seit Jahren. Die Frage lautet vielmehr, warum sich die Ringier-Konkurrenz erst jetzt dermassen darüber aufregt. Hat sie es tatsächlich erst jetzt gemerkt? Ist ihr erst jetzt aufgrund der tollpatschig naiven Selbstoffenbarungen des sonst so vorsichtig-geschmeidigen Ringier-Chefs Marc Walder ein Lichtlein aufgegangen?

Manifest der Selbstgerechtigkeit

Wohl kaum. Die Empörungswolke, diese Wutwelle selbstschmeichlerischer Entrüstung, die jetzt über das internationalste Verlagshaus der Schweiz, dieses von der zugewanderten Hugenottenfamilie Ringier beeindruckend aufgebaute Erfolgsunternehmen, und seinen neidisch beäugten Wunderkind-CEO hereinbricht, hat vermutlich mehr damit zu tun, dass die anderen Verlage von der ungemütlichen Tatsache ablenken wollen, dass sie selber nur unwesentlich weniger regierungsergeben über Corona berichtet haben.

Tamedia, Schweizer Fernsehen, die Aargauer CH-Medien und der Ringier-Verlag: Medienwissenschaftler mögen dereinst mit dem Elektronenmikroskop die Nuancen erforschen, durch die sich diese Unternehmen punkto Staatstreue in ihrer Corona-Berichterstattung unterschieden haben. Von blossem Auge ist da gar nichts zu erkennen. Das alarmschrille Ringier-Bashing ist auch ein Manifest der Selbstgerechtigkeit.

Dem Nebelspalter Markus Somms gebührt das Verdienst, dass er die allseits scherbelnde Corona-Heuchelei mit seiner Enthüllung zur Kenntlichkeit entstellte. Aber mit Verlaub: Kippte nicht auch der zuvor kritische Nebelspalter nach der letzten Covid-Abstimmung blitzartig ins Lager der Gewinner und Bundesratsfreunde, als er mit einer akrobatischen Nach-Abstimmungswende die bundesratsskeptischen Gegner der Vorlage plötzlich als Sektierer und Radikale bekrittelte?

Vielleicht sollten wir Marc Walder einfach dankbar dafür sein, dass er mit seiner unfreiwilligen Ehrlichkeit in jenem Video-Talk eine grosse Blase der Verlogenheit zum Platzen brachte. Wahr ist doch, dass nicht nur Ringier, sondern, ohne es zuzugeben, auch die meisten anderen Verlage viel zu staatsfromm und unkritisch über die Corona-Politik der Regierungen berichtet haben.

Zurück zu regierungskritischer Distanz

Psychologen sprechen hier von einer «Projektion»: Wir beschuldigen andere Menschen gerne dafür, nicht die Qualitäten zu haben, von denen wir denken, dass wir sie haben. Je intensiver wir andere kritisieren, desto grösser allerdings ist die Wahrscheinlichkeit, dass gerade uns jene Qualitäten fehlen, deren Mangel wir den Beschuldigten vorwerfen.

Ist Läuterung in Sicht? In einem seltenen Kommentar meldet sich in seinem Blick Verleger Michael Ringier zu Wort. Seinen Lesern verspricht er staatsmännisch, «den schwierigen Entscheidungen der politisch Verantwortlichen mit Respekt und Augenmass zu begegnen. Und ihnen zu widersprechen und sie zu kritisieren, wenn es einen Grund dafür gibt». So schön.

Wir geben die Hoffnung nicht auf.

Mögen die dank Marc Walder aufgescheuchten und entlarvten Mainstreammedien zu ihrem Auftrag zurückfinden und wieder jene regierungskritische Distanz entdecken, die in Corona-Zeiten einer ausserordentlichen Machtballung beim Staat und bei den Regierungen unverzichtbar ist.

Möge sich das Haus Ringier aber auch dann seiner noblen Grundsätze erinnern, wenn es nicht um seine Heiligkeit Alain Berset geht, sondern um Andersdenkende und Berset-Kritiker ausserhalb des von diesem Verlag so gepflegten linken Justemilieu.

«Augenmass» hat viele Seiten.