«Sire, geben Sie Gedankenfreiheit!» Der Satz stammt vom Dichter und Denker Friedrich Schiller, der nicht nur den Schweizern ihren Wilhelm Tell in Form gebracht hat, sondern auch den Deutschen mit «Don Carlos» ein Drama ins Stammbuch geschrieben hat, in dem dieser glühende Apell in einmaliger Weise den Anspruch auf Freiheit formuliert. Doch was machen die Nachfahren Schillers daraus? Sie zwängen ihre Gedanken in ein Korsett. Schlimmer noch: Sie halten jeden, der aus diesen Gedanken-Schranken bricht, für unanständig, unappetitlich, undemokratisch. Sie merken gar nicht, wie sie ihren Schiller, auf den sie doch ach so stolz sind, misshandeln.

Passiert ist Folgendes: Die angemessen konservative Welt am Sonntag, die vom Hause Axel Springer herausgegeben wird, hat einen Gastbeitrag des derzeit erfolgreichsten Unternehmers der Welt abgedruckt: Elon Musk. Der schreibt darin, dass der «wirtschaftliche und kulturelle Zusammenbruch» Deutschlands kurz bevorstehe und die AfD «der letzte Funke Hoffnung für dieses Land» sei. Nur sie könne die deutsche Wirtschaft wiederbeleben und durch eine «kontrollierte Einwanderungspolitik» einen Identitätsverlust verhindern.

Der Beitrag erschien nicht einfach so, sondern die Redaktion brach als Erstes die journalistische Regel, Kommentare nicht in der gleichen Ausgabe zu widerrufen. Stattdessen setzte sie eine Gegenmeinung ihres designierten Chefredakteurs daneben. Die einzige Erklärung dafür ist, dass sie sich am Ende eben doch nicht getraut hat. Als Nächstes reichte die für die Kommentarseiten zuständige Redakteurin lautstark ihre Kündigung ein, und der Herr Vorsitzende des Journalistenverbands beklagte sich über das Kaltstellen redaktionsinterner Kritiker.

Was das bedeutet? Die Welt am Sonntag hat versucht, ein Sandkörnchen ins Mainstream-Getriebe zu werfen. Gut so. Doch dieser Mainstream schlägt zurück mit der ganzen hohlen Kraft, zu der er noch fähig ist. Mit der Gedankenfreiheit hat er es eben nicht so.