Einer der höchsten Richter der Schweiz hat ein vernichtendes Urteil über den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) gefällt. Er habe das Vertrauen in dieses Gericht «komplett verloren» sagte Thomas Stadelmann, Richter am Bundesgericht, in einem Interview mit der Zeitung Schweiz am Wochenende.

Als Grund nannte er das vom EGMR verhängte Klimaurteil gegen die Schweiz. Der Gerichtshof hatte im April einer Klage von meist älteren Schweizerinnen stattgegeben. Sie hatten geltend gemacht, dass die unzureichenden Klimaschutzmassnahmen der Schweiz sie persönlich benachteiligen würden. Dieses Urteil sei «absurd», so Stadelmann. Er sieht darin ein Beispiel für richterlichen Aktivismus und wirft dem Gerichtshof vor, seine Kompetenzen überschritten zu haben. «Seine Aufgabe besteht darin, die Europäische Menschenrechtskonvention zu interpretieren und nicht das Pariser Klimaabkommen anzuwenden», sagte er.

Stadelmann kritisierte die häufig aus seiner Sicht unverständlichen und überzogenen Begründungen der Urteile des EGMR. «Richterinnen und Richter sollten Gesetze auslegen, nicht selbst Gesetze schaffen», meinte er. Der Strassburger Gerichtshof agiere zunehmend unkontrolliert und ohne notwendiges Korrektiv.