Zürich taut auf. Die Menschen sitzen wieder draussen, vor Cafés, auf Bänken und auf den Treppenstufen. Sie wirken, als wären sie von Fellini persönlich für «La dolce vita» platziert worden: einen Drink in der Hand, das Gesicht zur Sonne, hier ein Lachen, dort ein verträumter Blick.
Gesprächsfetzen liegen in der Luft. Die Sätze sind gut eingespielt. «Endlich wieder Sonne.» – «Die Stadt sieht gleich ganz anders aus.» – «Ich brauche dringend eine neue Sonnenbrille.» Man spricht sie aus wie den Refrain des Neubeginns – und alle nicken andächtig.
Die ersten Spritz-Variationen – irgendwas mit Rhabarber, Rosmarin oder Hibiskus – markieren das inoffizielle Ende der Vorsaison. Ab jetzt ist Leichtigkeit kein frommer Wunsch mehr, sondern wieder salonfähig. Die Röcke werden kürzer, die Männerblicke länger – als hätte man kollektiv beschlossen, der Biologie ein paar Wochen lang das Steuer zu überlassen.
Und ja, es ist jedes Jahr das Gleiche. Ein Déjà-vu der Lebensfreude. Die Texte in den Feuilletons schreiben sich fast von selbst, genau wie dieser hier.
Doch niemand beklagt sich darüber – im Gegenteil: Der Frühling ist die schönste Form der Wiederholung, die wir kennen. Keine Überraschung vielleicht, aber ein Aufflackern der Gefühle, das uns daran erinnert, dass nicht alles verloren ist, solange man an einem Apriltag in der Sonne sitzen kann und sieht, wie selbst aus überzeugten Pessimisten wieder Menschen mit Hoffnung werden.