Homer: Odyssee. Aus dem Griechischen übersetzt von Kurt Steinmann. Penguin TB. 448 S., Fr. 24.90

Petronius: Satyricon. Ein antiker Schelmenroman. Aus dem Lateinischen übersetzt von Kurt Steinmann. Manesse, 2004

 

Die Treue der Penelope ist sprichwörtlich: Zwanzig Jahre wartet sie auf die Rückkehr ihres Gemahls und weist die zahlreichen Freier, die sie bedrängen, als vorbildlich treue Ehefrau so lange zurück, bis Odysseus schliesslich heimkommt und sie ihn in ihre Arme schliessen kann. Sie hatte sich all die Jahre hindurch geschworen, lieber im Tod bei Odysseus zu sein, als dass sie einem anderen Mann folge.

Allerdings gibt es schon antike Quellen, die bestreiten, dass Penelope Odysseus treu geblieben sei. Sie klagen sie an, es mit Amphinomos oder mit allen Freiern abwechselnd getrieben zu haben, und sagen, dass die Frucht dieser Verbindung der monströse Gott Pan gewesen sei. Dazu ist zu sagen, dass die Welt es bekanntlich liebt, das Hehre in den Dreck zu ziehen und hohe Ideale nach dem Massstab der eigenen Unzulänglichkeit zu diskreditieren.

 

Indisch-buddhistischer Ursprung

Indes hätte Odysseus dieses Fremdgehen durchaus verdient. Bei der Zauberin Kirke, die 22 seiner Kameraden in Schweine verwandelte, verlebte der «Treue» nämlich ein ganzes Jahr in wonneseliger Lust. Und bei Kalypso auf der Insel Ogygia genoss er das Wohlsein ganze sieben Jahre, obwohl er ihrer Umarmungen mit der Zeit überdrüssig wurde. Und das auf Anstand bedachte Königstöchterchen Nausikaa weckte in ihm sanfte, uneingestandene Empfindungen; er verspricht beim Abschied, sich ihrer täglich zu erinnern.

Nach der Treue der Frau nun der Bericht über die Flatterhaftigkeit des Weibes, eine Geschichte, die von Boccaccio stammen könnte, aber viel älter ist und wahrscheinlich in ihrem Grundmotiv indisch-buddhistischen Ursprungs ist. Wir halten uns hier an die lateinische Fassung in der Übersetzung von Kurt Steinmann.

Im Roman «Satyricon» des Petronius (gest. 66 n. Chr.) zieht der Dichter Eumolpus wortreich über die Wankelmütigkeit des weiblichen Geschlechts her: Die Frauen verliebten sich leicht und ohne Bedenken, vergässen rasch sogar ihre Kinder, und kein Weibsbild sei so sittsam, dass es sich nicht aus Liebe bis zum Wahnsinn aus der Bahn werfen liesse. «Die bitterste Satire, die jemals gegen den weiblichen Leichtsinn gemacht worden ist», nennt Lessing die Geschichte der «Matrona von Ephesus». Sie ist ungemein köstlich, frivol und entlarvend.

Eine würdige Dame, die einen tadellosen Ruf besass, hatte ihren Mann verloren. In massloser Trauer beklagt sie den Verblichenen und folgt ihm in die unterirdische Gruft. Sie beweint die Leiche ohne Unterlass und will sich zu Tode hungern. Eine treuergebene Magd klagt mit ihr. In der ganzen Stadt wird die Frau als Muster treuer Liebe bewundert.

«Was nützt es dir, wenn du verhungerst, wenn du dich bei lebendigem Leib begräbst?»«Unterdessen liess der Statthalter der Provinz einige Banditen ans Kreuz schlagen in der Nähe jener Todeskammer, wo die Dame den frischen Leichnam beweinte. Als nun in der folgenden Nacht der Soldat, der die Kreuze bewachte, damit niemand eine Leiche zur Bestattung herunterhole, zwischen den Grabmälern ein auffällig helles Licht blinken sah und das Wehklagen hörte, überkam ihn, lasterhaft neugierig, wie eben Menschen sind, das heftige Verlangen, in Erfahrung zu bringen, wer da wohl sei und was er eigentlich treibe.

Also stieg er in die Gruft hinab, und als er eine wunderschöne Frau erblickte, blieb er zuerst, als hätten ihn Ungeheuer und höllische Trugbilder verstört, wie angewurzelt stehen. Wie er darauf die daliegende Leiche bemerkte und die Tränen und das von Fingernägeln zerkratzte Gesicht gewahrte, zog er daraus den naheliegenden Schluss, dass hier ein Weib sich in Sehnsucht nach seinem dahingeschiedenen Mann verzehre.

 

Nutzlose Klagerufe

Da brachte er seine karge Ration mit ins Grabgewölbe und begann der untröstlichen Witwe zuzureden, sie solle doch nicht in zwecklosem Schmerz verharren und nicht mit nutzlosen Klagerufen sich das Herz zerreissen; allen blühe dasselbe Ende und dieselbe Ruhestätte – und führte auch noch all die übrigen Trostsprüche ins Feld, die tiefverwundete Seelen wieder gesunden lassen.

Aber die Tröstung des Unbekannten erschütterte sie nur, so dass sie sich noch ungestümer auf die Brust schlug, sich die Haare ausraufte und sie über die Leiche vor ihren Füssen hinstreute. Doch der Soldat gab sich nicht geschlagen, sondern sprach ihr erneut Mut zu und versuchte dem armen Weib Nahrung zu reichen, bis die Magd, vom Duft des Weines verführt, erst selber auf die freundliche Einladung widerstandslos ihre Hand ausstreckte, dann, erquickt von Speis und Trank, zum endgültigen Schlag gegen die Verstocktheit ihrer Herrin ausholte und sagte:

‹Was nützt es dir, wenn du verhungerst, wenn du dich bei lebendigem Leib begräbst […] Willst du nicht wieder ins Leben zurückkehren? Nicht diese irrige Vorstellung des weiblichen Geschlechts von dir abschütteln, als dürfe man nicht so lange wie möglich die Wonnen des Lebens auskosten? Gerade die vor dir liegende Leiche müsste dich mahnen, zum Leben ja zu sagen!›

Niemand hört es ungern, wenn man ihn drängt, Nahrung zu sich zu nehmen und am Leben zu bleiben. So liess die Frau, vom mehrtägigen Fasten ausgetrocknet, wie sie war, ihre Verstocktheit aufbrechen und stopfte sich nicht weniger mit Esswaren voll als die Magd, die schon zuvor die Waffen gestreckt hatte. Nun wisst ihr ja, was einen Menschen, wenn er sich satt gegessen hat, meist anzufechten pflegt. Mit denselben Lockworten, mit denen er erwirkt hatte, dass die Dame zu ihrer Lebenslust zurückfand, rückte der Soldat auch ihrer Sittsamkeit zu Leibe.

Der keuschen Frau kam der junge Mann weder ungestalt noch mundfaul vor […] Was säume ich länger? Auch diesen Körperteil liess die Frau nicht länger darben, und seine Überredungskunst rief den Soldaten an beiden Fronten zum Sieger aus. Also lagen sie beieinander, nicht nur in jener Nacht, in der sie Hochzeit feierten, sondern auch am folgenden und am dritten Tag […] Nun ergötzte sich der Soldat ebenso an der Wohlgestalt der Frau wie an dem geheimen Treiben, kaufte zusammen, was er sich bei seinen bescheidenen Mitteln leisten konnte, und trug es gleich bei Einbruch der Dunkelheit in die Gruft.

Sie feiert den Triumph des Willens zum Leben über den Trieb zur Selbstauslöschung.Wie daher die Eltern eines der Gekreuzigten merkten, dass der Wachdienst lässig versehen wurde, holten sie nachts die am Marterholz hängende Leiche ihres Sohnes herunter und erwiesen ihm den letzten Liebesdienst. So wurde der Soldat übers Ohr gehauen, während er pflichtvergessen auf der faulen Haut lag. Wie er aber am nächsten Tag eines der Kreuze ohne Leiche vorfand, bekam er Angst vor dem Henker und schilderte der Frau, was vorgefallen war; er wolle den Richterspruch gar nicht erst abwarten, sondern selber seine Pflichtversäumnis mit dem Schwert ahnden. Sie möge ihm nur einen Platz zum Sterben gewähren und die verhängnisvolle Gruft als gemeinsame letzte Ruhestätte ausersehen.

 

Liebe ist stärker als der Tod

Die Frau jedoch, ebenso mitleidvoll wie sittsam, sagte: ‹Nein, mögen dies die Götter verhüten, dass ich zu gleicher Zeit die zwei Leichen der zwei mir liebsten Menschen sehen muss! Lieber will ich den Toten drangeben als den Lebendigen umbringen.› Entsprechend diesen Worten liess sie ihn den Leichnam ihres Gatten aus dem Sarg heben und an jenes Kreuz schlagen, das leer stand. Der Soldat zog Nutzen aus dem fabelhaften Einfall dieser gewitztesten aller Frauen, und am nächsten Tag wunderten sich die Leute, wie wohl der Tote auf das Kreuz hinauf gelangt sei.»

La donna è mobile: so lautet das augenscheinliche Fazit der Geschichte um die Witwe von Ephesus. Die Geschichte feiert aber auch den Triumph des Willens zum Leben über den Trieb zur Selbstauslöschung und stimmt das Hohelied darauf an, dass das Leben immer den Vorrang hat vor Konventionen, dass die Liebe stärker ist als der Tod und dass der Tod zur Quelle des Lebens wird.

Ob Penelope oder Witwe von Ephesus: Die Frau bleibt ein Geheimnis.