Herr Favre, Sie sind im Waadtländer Dörfchen Saint-Barthélemy auf einem Bauernhof aufgewachsen. Wie sehr prägte Sie Ihre Herkunft?
Die Herkunft prägt jeden Menschen – und ich habe fantastische Erinnerungen an meine Kindheit. Ich bin in einfachen Verhältnissen gross geworden und bin sehr naturverbunden. Der Sport spielte schon damals eine zentrale Rolle. Ich erinnere mich, wie wir im Dorf Ski gelaufen sind und auf den gefrorenen Weihern und Flüssen Eishockey gespielt haben. Und natürlich war da der Fussball: Mit meinen Schulfreunden habe ich jede freie Minute auf der Strasse gekickt. Das war ein ganz anderes Leben, in einer ganz anderen Zeit – vor fast einem halben Jahrhundert.
Kann man die Arbeit auf einem Bauernhof mit derjenigen in einem Fussballklub vergleichen?
(Lacht) Das ist ein ganz schwieriger Vergleich. An beiden Orten muss man früh aufstehen und hart arbeiten. Ohne Leidenschaft und Hingabe geht nichts. Der Beruf ist an beiden Orten eine Berufung. Aber wo muss man heute nicht hart arbeiten? Der Konkurrenzkampf ist in jedem Job gross. Überall muss man sich weiterentwickeln und stetig verbessern wollen. Wer keinen Spass an der Weiterentwicklung und keine Freude an der Arbeit hat, bleibt stehen.
Die Zeit beschrieb Sie als «Fohlenflüsterer» – in Anlehnung an den Spitznamen Mönchengladbachs: die «Fohlenelf». Ehrt Sie das?
Es zeigt mir, dass ich mit dem Klub identifiziert werde – und wie schnell die Zeit vergeht. Ich habe meine Arbeit in Mönchengladbach im Februar 2011 angetreten, stehe also in meinem fünften Jahr. Als ich den Klub übernahm, lagen wir am Tabellenende, waren mit nur 16 Punkten nach 22 Spielen quasi klinisch tot. Die Rettung in der Rückrunde war ein Schlüsselerlebnis. Sie besass schon fast die Bedeutung eines Titelgewinns und löste eine wahre Euphorie aus. In der folgenden Saison übertrafen wir mit dem vierten Platz alle Erwartungen. Der Erfolg hatte die Konsequenz, dass wir auf dem Transfermarkt viele Spieler verloren und zu einem Neuaufbau gezwungen wurden. Dank der hervorragenden Nachwuchsabteilung und einer klugen Transferstrategie können wir uns in der Spitzengruppe halten. Jetzt geht es darum, die Mannschaft auf hohem Niveau zu stabilisieren und zu konsolidieren.
Der Schatten der Vergangenheit ist in Mönchengladbach lang. Fünf Meisterschaften in den siebziger Jahren, die Uefa-Pokalsiege 1975 und 1979, das sagenumwobene 7:1 gegen Inter Mailand 1971 im annullierten «Büchsenwurfspiel» und drei deutsche Pokalsiege, der letzte 1995. Sie spielen auch gegen die alten Erfolge. Stört Sie das?
So ist der Fussball – das gehört zum Wesen dieses Sports. Die Fans träumen gerne von der erfolgreichen Vergangenheit, ja verklären sie. Das war in Zürich nicht anders. Was haben die Fans nicht immer von den alten Helden Köbi Kuhn, Fritz Künzli oder Karl Grob geschwärmt! Daraus nahmen sie ihre Hoffnung auf bessere Zeiten. Als wir 2006 Schweizer Meister wurden, lag der letzte Gewinn des nationalen Championats 25 Jahre zurück. Bei allen Träumereien ist es aber entscheidend, dass der Trainer und die Spieler auf dem Boden der Realität bleiben.
Die temporeiche und offensive Spielweise von Borussia Mönchengladbach erinnert tatsächlich an die siebziger Jahre . . .
. . . ohne zu kämpfen, kann man in der Bundesliga nicht gewinnen. Uns fällt das Siegen nie leicht, dafür ist die Leistungsdichte zu gross. Bayern München steht über allem – mit ganz anderen finanziellen Möglichkeiten als wir. Aber auch Klubs wie Dortmund, Leverkusen, Wolfsburg oder Schalke kämpfen mit längeren Spiessen. Doch gerade die Hinrunde von Borussia Dortmund macht deutlich, wie schmal der Grat ist, auf dem man sich in dieser Liga bewegt.
Bayern München spielt mit einem Budget von zirka 530 Millionen Euro finanziell in einer eigenen Liga. In Mönchengladbach würde der Betrag für ungefähr vier Saisons reichen. Ist diese unterschiedliche Ausgangslage gelegentlich frustrierend?
Nein, eher motivierend. Wie gesagt: Geld ist nicht alles. Würden allein die finanziellen Möglichkeiten entscheiden, wäre Bayern München als Meister jedes Jahr gesetzt. Doch 2009 gewann Wolfsburg den Titel, 2011 und 2012 siegte Borussia Dortmund. Fussball ist eine Rechnung mit vielen Unbekannten.
Trotzdem werden die Grossen immer grösser und reicher – und die Top-Ligen in ganz Europa mehr und mehr zu Zweiklassengesellschaften. Wie kann dieser Trend gestoppt werden?
Diese Entwicklung ist auf die Champions League zurückzuführen, in der die grössten Geldsummen zu gewinnen sind. Letztlich sind es oft die gleichen Klubs, die diese Prämien unter sich ausmachen. Deshalb wäre es für uns ein ganz wichtiger Schritt, wenn wir uns für die Champions League qualifizieren könnten. Der Einzug in die Königsklasse würde uns sportlich und wirtschaftlich auf ein neues Niveau heben.
Wie kann ein Klub wie Borussia Mönchengladbach angesichts der wirtschaftlichen Übermacht der Bayern konkurrenzfähig bleiben?
Ausbildung und Talent-Scouting sind unsere einzigen Möglichkeiten, mit den wirtschaftlich potentesten Klubs mitzuhalten. Eigentlich möchte ich noch konsequenter auf eigene Junioren setzen, als wir das eh schon tun. Das muss unser Weg sein – und er wird es sein. Und dann geht es darum, die Mannschaft zusammenzuhalten. Aber natürlich ist das sehr schwierig. Denn mit jedem Erfolg wachsen die Begehrlichkeiten und Einflüsse von aussen. Aber auch in dieser Beziehung würde uns die Champions-League-Teilnahme in die Karten spielen. Wir hätten quasi einen neuen Trumpf in der Hand.
Gisela Weisweiler – die Witwe des unvergesslichen Hennes Weisweiler – hat in einem Zeitungsinterview unlängst gesagt: «In Lucien Favre erkenne ich meinen Mann wieder.» Was sagen Sie dazu?
Ich bedanke mich für dieses Kompliment. Ich kann mich gut an Herrn Weisweiler aus seiner Zeit bei den Grasshoppers erinnern. Ich spielte damals bei Servette. GC zelebrierte einen schönen, attraktiven Fussball. Weisweiler stand für das kreative und intelligente Spiel. Er schlug mich für die Wahl zum Fussballer des Jahres 1983 vor. Das behalte ich immer in bester Erinnerung. (Schmunzelt)
Gibt es für Sie Vorbilder im Trainergeschäft?
Weisweiler ist definitiv ein Vorbild. Mit seiner Art, Fussball spielen zu lassen, war er der Zeit voraus. In Mönchengladbach ist er Teil der Klubgeschichte und des öffentlichen Kulturguts. An ihm kommt niemand vorbei.
Sie blieben in den ersten achtzehn Spielen dieser Saison ungeschlagen und knackten damit einen Uralt-Rekord aus der Weisweiler-Ära (1970/71). Was bedeutet Ihnen das?
Es bestätigt mir, dass wir auf gutem Weg sind, dass wir schon eine erstaunliche Konstanz erreicht haben, in einer Liga notabene, in der der Konkurrenzkampf sehr gross ist. Wenn Klubs wie der Hamburger SV oder der VfB Stuttgart – beides ehemalige Meister – in den Abstiegskampf involviert sind, sagt das alles über die Leistungsdichte.
Wie wichtig ist es für Sie, schönen Fussball zu zeigen?
Selbstverständlich zählt am Schluss in erster Linie der Erfolg. Der Weg dorthin ist wie das Zusammensetzen eines komplizierten Puzzles. Die defensive Basis muss solid sein, die Laufwege der Spieler müssen abgestimmt sein. Um schönen Fussball zu zeigen, braucht es Solidarität und mannschaftliche Geschlossenheit bei individueller Klasse auf jeder Position. Der Schlüssel dazu liegt in einem kontinuierlichen Aufbau und einem nachhaltigen Entwicklungsprozess. Nur wenn die Mannschaft eine gewisse Zeit zusammenbleibt, ist dieser schöne Fussball möglich. In Zürich war das der Fall.
Was bedeuten Ihnen Zuneigung und Akzeptanz der Fans?
Sie sind sehr wichtig, weil sie Wertschätzung und Respekt ausdrücken. Letztlich ist die öffentliche Begeisterung auch ein Nährboden des Erfolgs. In Zürich konnten wir die Publikumszahlen kontinuierlich steigern, bis in den fünfstelligen Bereich. In Mönchengladbach befinden wir uns in einer ganz anderen Ausgangslage – mit einem fantastischen Stadion und einem Durchschnitt von über 50 000 Zuschauern. Unglaublich! Mönchengladbach hat sich in den letzten Jahren wieder zu einer sehr guten Adresse entwickelt – mit einer Ausstrahlung über die Landesgrenzen hinaus. Man spricht wieder mit Respekt von der Borussia als internationaler Marke. Das macht mich stolz.
Als Fussballer waren Sie ein Künstler, der vor allem von seinen technischen Fähigkeiten lebte. Als Trainer gelten Sie als akribischer Schaffer, der am Morgen als Erster auf dem Trainingsplatz ist – und am Abend als Letzter geht. Ist dies kein Widerspruch?
Was Sie sagen, ist nicht die ganze Wahrheit. Ich trug als Fussballer zwar die Nummer 10 und war technisch gut. Aber gleichzeitig bin ich viel gelaufen und habe konsequent an meiner Physis gearbeitet. Ohne Konditions- und Krafttraining hätte ich kaum dieses Niveau erreicht. Im Zentrum stand und steht für mich aber immer der Ball. Wenn mir ein Ball über den Weg rollt, kann ich nicht anders, als ihn zu kicken.
Minutiös sind Sie auch Ihre Trainerkarriere angegangen. Sie begannen in Echallens in der ersten Liga. Dann ging es Schritt für Schritt aufwärts – Yverdon (Aufstieg in die Nationalliga A), Servette (Cup-Sieg), FC Zürich (zweimal Meister/Cup-Sieger), Hertha, Borussia Mönchengladbach. Lässt sich eine Trainerkarriere planen?
Jein. Ich wusste am Anfang nicht, ob ich wirklich Trainer werden wollte, und habe mich kontinuierlich an die Aufgabe herangetastet. In Echallens begann ich 1991 als Assistent der C-Junioren, um den Verein von Grund auf kennenzulernen. In der damaligen Mannschaft stand übrigens ein Jüngling namens Ludovic Magnin. Dann übernahm ich zunächst die A-Junioren und schliesslich die erste Mannschaft, mit der ich in die Nationalliga B aufstieg. Über den Posten als Sportchef für den Nachwuchs von Xamax Neuenburg führte mein Weg nach Yverdon. Mit dem Aufstieg in die Nationalliga A eröffneten sich mir neue Möglichkeiten. Der Beruf des Trainers ist ein stetiger Lernprozess.
Es heisst, ein Trainer sei erst dann ein richtiger Trainer, wenn er einmal entlassen wurde. Sie wurden bei Hertha entlassen. Wie einschneidend war diese Erfahrung?
Es war definitiv keine schöne Erfahrung. Aber als Trainer muss man immer mit allem rechnen und die Koffer stets griffbereit haben. Wenn du zwanzig Jahre als Trainer arbeitest, wirst du bestimmt zweimal entlassen.
Wie denken Sie generell über die Position der Trainer? Sind Trainer letztlich immer das schwächste Glied in der Kette?
Ich denke positiv und schaue immer nach vorn. Ich probiere mich täglich zu verbessern und neue Wege einzuschlagen – neue Übungen zu entwickeln, neue Methoden zu testen. Von zentraler Bedeutung im Traineralltag ist die Kommunikation – die Kommunikation mit den Spielern und den Assistenten, diejenige mit dem Sportchef, dem Präsidenten, dem Verband, den Schiedsrichtern oder mit dem Medienchef. Der moderne Trainer muss auch ein Kommunikationsprofi sein.
Was würden Sie heute tun, wenn Sie nicht Trainer auf Top-Niveau geworden wären?
Ich wäre wohl trotzdem im Fussball engagiert – vermutlich im Ausbildungsbereich. Wenn ich dereinst in die Schweiz zurückkehre, strebe ich eine Rolle im Management, Vorstand oder eben Ausbildungsbereich eines Klubs an.
Zur Schweizer Liga: Basel spielt in der Champions League seit Jahren eine wichtige Rolle. Der FC Zürich trotzte Mönchengladbach ein Unentschieden ab und gewann sogar gegen Villarreal. Welche Rolle würden die besten Schweizer Teams in der Bundesliga spielen?
Ich nehme immer den FC Zürich in den Jahren 2006 und 2007 als Vergleichswert, als wir zweimal Meister wurden. Die damalige Mannschaft hätte in der Bundesliga keine schlechte Figur abgegeben. Oder der FC Basel: Wer Manchester United und Liverpool aus der Champions League wirft oder in der Europa League ins Halbfinale vorstösst, könnte auch in Deutschland mithalten. Wir leisten in der Schweiz im Nachwuchs und in der Trainerausbildung hervorragende Arbeit, entsprechend ist die Leistungsdichte deutlich gewachsen. Es ist kein Zufall, dass auch Klubs wie St. Gallen, Thun oder die Young Boys in den letzten Jahren auf europäischem Rasen ihre Spuren hinterlassen haben. Ich würde das Niveau der Super League mit den Top-Ligen in Holland, Dänemark oder Schweden vergleichen.
Seit Sie in Mönchengladbach Trainer sind, ist die Borussia gerade für junge Schweizer Profis eine interessante Adresse geworden. Sind Marco Schönbächler und Fabian Schär schon auf dem Weg in den Borussia-Park?
Schönbächler ist ein hervorragender Spieler für die Aussenbahnen oder als hängende Spitze. Aber auf dieser Position sind wir in Mönchengladbach derzeit ausgezeichnet besetzt. Solange das so bleibt, werden wir nicht aktiv. Wir müssen unser Budget einhalten. Auch Schär ist aktuell kein Thema. Grundsätzlich gibt es in der Schweiz viele interessante junge Fussballer. Ich denke an Breel Embolo vom FC Basel – ein herausragendes Talent. Wenn sich aber finanziell potentere Klubs so heftig um ihn bemühen, können wir nicht mithalten.
Sie sind seit 2011 in Gladbach tätig – und damit neben Jürgen Klopp der dienstälteste Bundesligatrainer. Ihr Vertrag läuft bis 2017. Denken Sie mit 57 Jahren über diesen Termin hinaus?
Nein. Der Vertrag mit Borussia gibt mir eine gewisse Sicherheit. Eine wirklich langfristige Planung ist als Trainer aber nie möglich. Momentan plane ich für die kommende Saison und hoffe, dass wir die Mannschaft zusammenhalten können.
Aber wenn der Posten des Schweizer Nationaltrainers das nächste Mal frei wird, gehört Lucien Favre bestimmt zu den Kandidaten . . .
Es ist fast schon logisch, dass mein Name dann zum Thema wird – schliesslich hatte ich in der Schweiz Erfolg und konnte mich nun auch in der Bundesliga durchsetzen. Ich bin bei Borussia Mönchengladbach aber wunschlos glücklich und konzentriere mich zu hundert Prozent auf unsere nächsten Herausforderungen.