Natürlich bin ich glücklich, wie ja ganz viele hier. Alles da, Dach über dem Kopf, Auto, gefüllter Kühlschrank, Spirituosen im Barschrank, ein bisschen Kunst an den Wänden, Kreditkarte, ein paar Freunde, Familie, anständige Uhr am Handgelenk, Skiferien, Häuschen im Süden, keine Karies, keine Hämorrhoiden, der übliche Schuldenberg und so weiter.

Also, zumindest bin ich glücklich, wenn ich nicht unglücklich bin, und oft dümple ich in dieser nebligen Grauzone, in der nicht wirkliches Unglück, aber auch nicht tatsächliches Glück ist. Selbstverständlich frage ich mich, was mir fehlt zum Glück. Nicht fragen muss ich mich, woher das Unglück stammt. Das scheint mir klar. Das Unglück ergibt sich aus der Suche nach dem Glück, also der Selbstverwirklichung.

Zum ersten Mal in Kontakt mit der Sehnsucht nach der Selbstverwirklichung kam ich in der Schule, wahrscheinlich als Dreizehnjähriger, als die Pubertät begann, das fraglose Glück der Kindheit zu zersetzen. Da stand der Lehrer und erläuterte das Prinzip der Maslowschen Bedürfnispyramide, bei der menschliche Bedürfnisse in eine hierarchische Struktur gegliedert werden. Ganz unten das Essen, Trinken, die Gesundheit, dann die Sicherheit, anschliessend die sozialen Bedürfnisse, also Liebe und Freundschaft, danach Anerkennung, Respekt und Status, und dann die Selbstverwirklichung, die nichts anderes ist als das Entdecken und Hegen und Pflegen des eigenen Ichs und seinen drängelnden Ansprüchen.

Seit 47 Jahren versuche ich inzwischen, mich selbst zu verwirklichen, in der Hoffnung, dann ein klein wenig dauerhaft glücklich zu sein. Manchmal dachte ich, ich sei nahe dran, zumindest an den Rändern der Glückseligkeit, dann wieder ging ich eher davon aus, dass Zustände des Daseinsleids allgegenwärtiger sind und dass das generelle Menschsein sich eben mal hier und mal da abspielt.

Die Schwierigkeit mit der Selbstverwirklichung schien mir stets, dass man, um sich selbst zu verwirklichen, zuerst wissen müsste, wer man im Grunde ist, was das Ich so will, dieses Ich, das sich oft anfühlt wie ein unerreichbarer Kontinent. Ich begab mich mit Hoffnung, Hartnäckigkeit, Fleiss, Demut und Zähigkeit auf die Reise nach jener inneren Insel, die auf keiner Karte verzeichnet ist.

Nach 47 Jahren segeln auf den inneren Strömungen meines ureigenen Ozeans, die vorbeiflossen an Besitzanhäufung, der Fata Morgana der Spiritualität, dem Joggen bis zum Umfallen, dem Rotwein auch bis zum Umfallen, Sex in allen erdenklichen Variationen, dem Tippen von Büchern, die nie fertig wurden, dem Aufsuchen von abgelegenen und künstlichen Paradiesen, dem Abtauchen im gärenden Lebenssumpf von Metropolen, von Eiswandern auf dem Baikalsee, nach all dem muss ich konstatieren: Man hinkt der Vollendung seiner selbst stets hinterher, man wird immer nur etwas, das einem ähnelt. Ich bin mir nicht mal sicher, ob die Erkenntnis von Lao Tse, dass der Weg das Ziel sei, überhaupt zutrifft. Selten nur umgab mich das harmonische Fliessen des Universums oder jene antike eudaimonia, die Zufriedenheit und Ausgeglichenheit mit sich bringen soll.

 

Dieser ganze Hype um Selbstverwirklichung verwirrt nur. Man muss sich ja nur mal umschauen. Der moderne Mensch scheint komplett aus dem Lot, tätowiert sich ungehemmt, als ob er ein Polynesier wäre, verändert sein Gesicht, lässt sich die Pobacken aufblasen und das Bauchfett absaugen, trägt mit 55 Jahren noch Röhrenjeans und plant, mit siebzig den Mount Everest zu besteigen. Bei der Suche des Menschen nach Selbstverwirklichung mag am Wegesrand da und dort ein Blümchen gewesen sein, nie aber der Garten Eden. Was den Menschen hätte in Einklang bringen sollen mit allem, endete in all den kleinen Tragödien einer Identitätskrise, die er mit vielen kleinen Unsinnigkeiten wie etwa Porsche-Oldtimern oder Bikram-Yoga nicht wettmachte, sondern nur auf ein noch vertrackteres Niveau hochschaukelte.

Da steh ich nun, ich armer Tor, und bin so klug als wie zuvor. Das heisst, dass ich nach 47 Jahren aufhören werde, meiner Selbstverwirklichung hinterherzuhecheln. Ich bin jetzt einfach, was ich bin, und es interessiert mich nicht mehr, was ich alles hätte werden können. Wenigstens heute.