Seit fünfzehn Jahren protokolliert er im Berner Bundeshaus die Arbeit parlamentarischer Kommissionen. Und seit zehn Jahren hat er an seinem neuen Roman geschrieben. «Trilogie der nächsten Ziele», so Jürgen Theobaldy in der Berner Zeitung, sei schon deshalb ein politisches Buch, weil, wer heute Gegenwart darstellen wolle, nicht darum herumkomme, politisch zu sein. Und seine Erfahrungen als Protokollant des Parlaments seien zwar in sein Schreiben eingegangen, doch «umgeformt zu einer eigenen, fiktiven Welt». Und die sei, greift Theobaldy nicht eben niedrig, «so wie auch Kafkas Schloss nirgendwo zu besichtigen». In drei Teilen erzählt Theobaldy seine Geschichte, vielmehr: lässt er drei Erzähler in ganz eigenem Personalstil ihre Geschichten erzählen.

In der ersten, «Staub», berichtet ein balkanischer Asylbewerber von der Verheerung des Landes, in dem er nun lebt – und man ahnt, es sei die Schweiz –, und von der Zerstörung seiner Hauptstadt durch Staub, der in alle Ritzen und in die Lungen dringt und über dessen Ursachen die wildesten Gerüchte umhergehen – eines: der Staub rühre von einem «atomaren Schlagabtausch, der, weil irrtümlich ausgelöst, rasch beendet worden sei und nun vor den übrigen Völkern geheimgehalten werde».

Dreimal lesen, um zu verstehen

In der zweiten Geschichte, «Blüten», geht es tatsächlich um Falschgeld, das am Ende der ersten Geschichte in einem Koffer, so viel wird nun wenigstens klar, von deren balkanischem Erzähler als Bote übernommen und offensichtlich beiseite geschafft wurde. Diese Geschichte wiederum schildert ein renommierter Anwalt, der zwischen wohlangesehenen bürgerlichen Politikern und Gangstern rochiert; sie ist in einer Art Gangsterjargon geschrieben.

Die letzte Geschichte, «Die Auswärtigen», wird mitgeteilt von einem Herrn Tschuppert, welcher in den Kellern der Behörde (des Parlaments?) jene Protokolle durchsieht (kontrolliert?), die offensichtlich von den auswärtigen Hilfskräften so manipulativ geführt werden, dass damit eine Politik in Gang gesetzt, zukünftige Politik präjudiziert wird. Tatsächlich aber hat Herr Tschuppert Probleme mit seiner Frau Verena, für die er, so lässt der letzte Satz des Buchs vermuten, «die laufende Geschichte» erzählen will.

In dieser letzten Erzählung wird dann auch das Rätsel aufgelöst, worum es sich beim Staub der ersten Geschichte handelte: Es ist der Staub, in den sämtliche Stahl- und Spannbetonbauten zerbröselten. Wenigstens in einem Satz wird dann auch, als eine «Spukgestalt aus den Tagen des Staubs», jener balkanische Asylbewerber noch einmal erwähnt, der in Teil eins mit dem Falschgeldkoffer aufgebrochen und in Teil zwei damit verschwunden ist.

Aber in diesem Buch verschwinden noch ganz andere Dinge – einmal angetönte Motive, merkwürdig changierende Figuren (etwa eine geheimnisvolle Schöne: Elissa, die auf einem Video beim Sex mit verschiedenen Männern zu besichtigen ist, möglicherweise identisch mit der Geliebten des Anwalts in Teil zwei, die er Lissi nennt) – und leider immer wieder auch der erzählerische Zusammenhang: als solle der freilich durchaus mit Absicht des Autors ebenso staubfein wie der Beton zerrieben werden von Sätzen, die dermassen elaboriert sind, dass man sie oft dreimal lesen muss, um sie, möglicherweise, zu verstehen. Zum Beispiel diesen von Tschuppert formulierten, tatsächlich wohl vom Autor als Poetologie seines Buchs verstandenen Satz: «Daher sucht jede Erzählung, die ich selber bin, weniger weil sie von mir handelt, sondern indem ich sie mir selber erzähle, nach jemandem, der sie einlöst, der sie, ohne ihr Gewalt anzutun, zu seiner und so zu einer weiteren Geschichte macht, und sie braucht ihren Anteil an Zufällen, durch den sie erst erzählt werden will.»

Kafkas Schloss entzog sich zwar dem Zugang des Landvermessers K., aber Kafkas Sprache ist so realistisch und zugleich so suggestiv, dass der Leser, paradox formuliert, eine klare Vorstellung von der in Kafkas Grossmetapher geronnenen Unzugänglichkeit unserer Welt imaginieren kann.

Jürgen Theobaldys Grossmetapher für unsere immer mehr zerfallende, durch Korruption und politische Inkompetenz implodierende, zerstäubende Welt wird hingegen erzählt in einer Sprache, die sich selbst amorphisiert. Denn Theobaldy erzählt seine Metapher nicht mehr zu einem poetischen Gebilde zusammen, sondern lässt die beschriebene Welt in viele kleine Partikel zerfallen: in Sätze, die, von Einfällen und Zufällen getrieben, ein imaginierbares Kontinuum eher bewusst stören als es herstellen wollen; auch weil fast jeder von ihnen selbst die Welt aus den Angeln heben möchte.

Jürgen Theobaldy: Trilogie der nächsten Ziele. Roman. Verlag zu Klampen. 239 S., Fr. 33.10