Es sollte ein entspanntes Bootswochenende vor der Insel Santa Catalina werden, knapp achtzig Kilometer südwestlich von Los Angeles. TV-Star Robert Wagner und Kapitän Dennis Davern waren bereits an Bord, als Wagners Ehefrau Natalie Wood und ihr damaliger Filmpartner Christopher Walken am Freitag dazukamen. Zwei Tage später fand die Hafenpolizei von Santa Catalina Island Natalie Woods Leiche in einer kleinen Bucht. Die Tote trug ein Flanellnachthemd, Kniesocken und eine rote Daunenjacke. Ihr Körper war voller Prellungen und Blutergüssen. Das leere Beiboot trieb, über einen Kilometer entfernt von Bucht und Jacht, auf dem Meer. Am 1. Dezember 1981 berichtete die Los Angeles Times, laut Gerichtsmediziner sei der Tod der Schauspielerin ein Unfall gewesen. Die damals 43-jährige Natalie Wood sei ausgerutscht und ertrunken, als sie in der Nacht von Samstag auf Sonntag ins Gummiboot steigen und an Land fahren wollte, nachdem zwischen Wagner und Walken an Bord ein Streit ausgebrochen sei.
Hollywood reagierte mit Ungläubigkeit und Fassungslosigkeit, Natalie Wood gehörte zur vergötterten Liga der Superstars, die es so heute nicht mehr gibt. Das Publikum liebte sie, seit sie mit neun Jahren in dem Weihnachtsklassiker «Das Wunder von Manhattan» («Miracle on 34th Street») als Scheidungskind mit Träumen zu Tränen rührte. Dank der Glanzrolle als rebellierender Teenager neben James Dean in Nicholas Rays «. . . denn sie wissen nicht, was sie tun» («Rebel Without a Cause») schaffte sie mühelos den Sprung als einstiger Kinderstar ins Erwach-senenkino. Sie war gerade achtzehn, als sie dafür ihre erste Oscar-Nominierung erhielt. 1961 wurde sie für Elia Kazans «Fieber im Blut» («Splendor in the Grass) erneut nominiert. Im gleichen Jahr kam ihr grösster Filmerfolg in die Kinos: das Musical «West Side Story».
Es schadete nicht, dass sie und Robert Wagner, den sie mit neunzehn geheiratet hatte, zu den schönsten und glamourösesten Paaren Hollywoods gehörten. Dem acht Jahre älteren Wagner war trotz vieler Filmrollen erst mit TV-Serien der Durchbruch gelungen. Das tat der Beliebtheit des «Golden Boy» keinen Abbruch, seinem Selbstbewusstsein offenbar schon. Über das Scheitern seiner ersten Ehe mit Wood sagte er später: «Ihre Karriere und meine eigene Unsicherheit machten mich unzulänglich.» Als Scheidungsgrund hatte Natalie Wood 1962 seelische Grausamkeit genannt. Zehn Jahre später standen sie zum zweiten Mal vor dem Traualtar und bekamen wenig später ein Kind. Woods Filmkarriere stagnierte. Der Sci-Fi-Film «Brainstorm» mit dem fünf Jahre jüngeren Christopher Walken, der kurz zuvor für «The Deer Hunter» einen Oscar gewonnen hatte, sollte sie wieder ins Geschäft bringen. Es gab Gerüchte einer Affäre zwischen den beiden. Bootskapitän Dennis Davern sagt, nach Ankunft von Wood und Walken sei die Spannung an Bord von Minute zu Minute unerträglicher geworden.
Am Freitagabend jenes Wochenendes gingen die vier zum Nachtessen an Land. Alle hätten, sagt Davern, sehr viel getrunken. Nach der Rückkehr auf die Jacht sei sich das Ehepaar heftig in die Haare geraten, worauf Natalie Wood den Kapitän gebeten habe, sie mit dem Gummiboot wieder an Land zu fahren, wo beide im Hotel übernachteten. Sie kehrten am nächsten Morgen aufs Boot zurück.
Nach einem scheinbar ruhigen Tag an Bord am Abend dieselbe Szene: Nachtessen an Land, Wood und Walken unterhielten sich prächtig und ignorierten Woods zunehmend verärgerten Ehemann. Diesmal so viel Alkohol, dass der Restaurantmanager die Hafenaufsicht benachrichtigte, man möge bitte dafür sorgen, dass die prominente Kundschaft sicher an Bord gelange.
Auf der Jacht eskalierte die angespannte Lage: Wagner schrie Walken laut Davern an, er wolle Natalie ficken. Walken ging in seine Kabine. Danach brüllten sich Wood und Wagner in ihrer Kabine und später im Heck des Bootes an, wie Zeugen berichten, die in der Nähe ankerten. Davern verzog sich auf die Brücke. Dann Stille. Zehn Minuten später findet Davern Wagner weinend im Aufenthaltsraum des Bootes. Wagner sagt: «Natalie ist weg.» Davern kann sie nicht finden. Das Gummiboot ist ebenfalls weg. Wagner sagt: «Vielleicht wollte sie was trinken gehen.» Er winkt ab, als Davern den Suchscheinwerfer anwerfen will. Erst um halb vier Uhr morgens alarmiert Wagner die Küstenwache. Knappe drei Stunden später wird die Leiche von Natalie Wood aus dem Wasser geborgen.
Bereits 2011 wurde ihr Fall wiederaufgerollt und die Todesursache von «Unfall» auf «unbestimmte Ursachen» umgeschrieben. Zu viele offene Fragen, zu viele Versionen bei den Zeugenaussagen. In ihrer ersten Aussage unmittelbar nach Woods Tod gaben Wagner, Walken und Davern einhellig zu Protokoll, Wood habe sich zum Schlafen zurückgezogen und sei dann wieder aufgestanden, um mit dem Gummiboot an Land zu fahren. Dabei müsse sie ausgerutscht und ins Wasser gefallen sein. Von Streit keine Rede.
Natalie Wood konnte kaum schwimmen und sagte in einem Interview lange vor ihrem Tod: «Ich hatte und habe Riesenangst vor Wasser, dunklem Wasser, Meerwasser.» Sie habe, sagt ihre Schwester Lana, das Gummiboot noch nie allein gefahren. Und die Vorstellung, dass sie spät in einer stürmischen Regennacht im Nachthemd in eine Bar habe fahren wollen, sei einfach lächerlich: «Natalie hat im Nachthemd nicht einmal ihre Post aufgemacht.» Die beiden Ermittler des Los Angeles County Sheriff’s Department, die seit 2011 an dem Fall sitzen, ermittelten schweigend sieben Jahre lang. Jetzt sagen sie: «Die Zeit rennt uns davon. Es ist unser Job, die Wahrheit zu finden. Warum sah sie aus, als sei sie geschlagen worden? Wagners Aussagen gehen einfach nicht auf. Er war der Letzte, der Natalie Wood sah. Er weiss mehr.» Aber Robert Wagner, inzwischen 88, muss und will nicht mehr aussagen. Es sei denn – einzige Hoffnung der Ermittler –, es melden sich neue Zeugen, die seine Aussagen widerlegen.