Lang ist’s her, seit ich als Knirps erstmals vor dem «Badrutt’s Palace» stand. Tief beeindruckt schloss ich Bekanntschaft mit der Welt der Schönen, Reichen und Berühmten. Natürlich bewunderte ich die mit schweren Pelzen behängten «Palace»-Gäste aus gebührender Distanz. Auch dem Heer der mit goldenen Bändern und Borten geschmückten Ober-, Unter-, Hilfs- und Nebenportiers, die ich allesamt für Generäle hielt, kam ich nicht zu nahe. Doch die Bilder prägten sich unauslöschlich ein. Und ich schwor mir, die Schwelle zu diesem glamourösen Hotelreich, dieser Operationsbasis der gesellschaftlichen Götter und Halbgötter, einmal zu überwinden. Irgendwann und irgendwie.

Ende der Sechziger war es so weit. Todesmutig schob ich die Drehtür auf – und schon war ich mittendrin im Allerheiligsten. Natürlich wusste ich längst, wer zu den «Palace»-Gästen zählte oder gezählt hatte. Alfred Hitchcock und Charlie Chaplin etwa. Oder Marlene Dietrich, Audrey Hepburn, der Schah von Persien, Erich Maria Remarque, Ari Onassis, Stavros Niarchos, Maria Callas, Greta Garbo, die Karajans, die Rothschilds, König Hussein von Jordanien, General Montgomery und Winston Churchill.

Und natürlich Gunter Sachs, zwischenzeitlich mit Brigitte Bardot. Sie sei von all den vielen schönen Frauen die schönste, liebenswürdigste und grosszügigste gewesen, erinnert sich «Palace»-Barman Edy Castelletti, der später ins «Giardino» nach Ascona wechselte. Sachs, der letzte grosse Playboy, prägte das «Palace» wie keiner vor und nach ihm. Einem glücklichen Zufall war es zu verdanken, dass ich ihn in Hochform erlebte: Unter tatkräftiger Mithilfe seiner Clique schlug er in den frühen Morgenstunden im hoteleigenen «King’s Club», der legendärsten Disco der Alpen, das Inventar kurz und klein. Champagnerflaschen krachten an die Wände, zwischendurch flogen Fäuste.

Solche Spässe leisteten sich Sachs und seine Freunde des öftern, erzählte Jahre später der damalige Hotelier Andrea Badrutt. Die Schäden beglich Sachs nach ein paar Stunden Schlaf jeweils umgehend in Badrutts Büro in den Katakomben des Hotels. Bisweilen pflegte Badrutt die Aufzählung der Zerstörungen auch ein bisschen zu verlängern, indem er etwas dazuerfand. Zu Diskussionen führte das nie. «Sachs war ein Playboy mit Stil», sagte Badrutt.

Lottosechser aus Montreux

«Die schönsten Frauen mit den aufreizendsten Décolletés betören hier die mächtigsten Männer.»

Es waren die verrücktesten Jahre in der Geschichte des «Palace». Doch an Turbulenzen hat es eigentlich nie gemangelt, seit Caspar Badrutt vor 125 Jahren die ersten Gäste empfing. Jahrzehntelang geriet kein Hotel so häufig in die internationalen Klatschspalten wie diese einzigartige Mischung aus Engadiner Folklore und Märchenschloss. Kaum woanders wurden Leidenschaften und Liebschaften, Hass und Frust, List und Lust so zügellos ausgelebt wie im St. Moritzer Hotelpalast mit seinen Zinnen und Türmen. Die unvergleichliche Halle mit ihrem wahnwitzigen Stilmix war der Laufsteg der Welt. «Die schönsten Frauen mit den aufreizendsten Décolletés und den wertvollsten Juwelen betören hier die grössten und mächtigsten Männer», sagte Andrea Badrutt.

Der charismatische Hotelier war eine grosse Figur. Er kannte alle Gäste mit Namen und empfing und verabschiedete sie persönlich. Wobei es auch Überraschungen gab. Badrutt pflegte die Zimmerpreise nämlich ausgesprochen flexibel festzusetzen, bisweilen ganz nach eigener Tagesform. Wehe, wenn einer es sich aus irgendwelchen Gründen mit ihm verscherzt hatte. Dann konnte sich der Preis für eine Suite beim Auschecken plötzlich verdoppeln.

Noch in den Achtzigern wimmelte es im «Palace» von Stars, doch dann blieben sie, auch aus biologischen Gründen, plötzlich weg. Gunter Sachs hatte sich mit Andrea Badrutt nicht auf einen neuen Mietvertrag für die Wohnung im Turm einigen können, verlegte seine Aktivitäten nach Gstaad und war ohnehin ruhiger geworden. Es fehlte an Geld für überfällige Investitionen, das «Palace» geriet in gefährliche Schieflage. Als Andrea Badrutt 1998 starb und die Rosewood-Kette das Management übernahm, lief alles aus dem Ruder. Dann zog Hansjürg Badrutt, Andrea Badrutts greiser Halbbruder, die Notbremse. Er löste den Vertrag mit Rosewood auf und holte als Direktor Hans Wiedemann aus dem «Le Montreux Palace».

Es war ein Lottosechser. Wiedemann schaffte den Turnaround und gab dem «Palace» das zurück, was ihm zu Weltruf verholfen hatte – die Seele. Der kinderlose, 2016 verstorbene Hansjürg Badrutt konnte sein Glück kaum fassen, und vor vierzehn Jahren landete er einen Coup: Er vermachte Hans Wiedemann seine Zweidrittelmehrheit an den «Palace»-Aktien zum Nulltarif. Es war ein Geschenk im Wert von 300 Millionen Franken. Und ein genialer Schachzug, der die Zukunft des «Palace» als Hotel sichert.

Gegen 200 Millionen Franken konnten seither investiert werden. Die 28 Suiten, die derzeit für weitere 60 Millionen auf der gegenüberliegenden Strassenseite entstehen und mit dem Haupthaus unterirdisch verbunden werden, sind an Luxus nicht zu übertreffen. Eröffnet wird der neue Trakt im Dezember 2024. Wiedemann hat nicht nur den Glamour zurück ins «Palace» gebracht, sondern auch den Erfolg. Und die illustren Gäste. Die Post geht wieder ab im Palast. Nicht so turbulent wie zu Gunter Sachs’ Zeiten, aber doch ganz schön.

Geisterstunde mit Hitchcock

Es ist wieder in, im «Palace» zu sein. Es kribbelt wieder im Bauch, wenn man durch dieses faszinierende Hotelmonument flaniert, durch das noch immer ein seltsamer Hauch von Verruchtheit weht. Es macht wieder Freude, durch die Halle zu schlendern, wo Erich Maria Remarque die letzten Kapitel des Weltbestsellers «Arc de Triomphe» schrieb. Und an der Bar zu hängen, in der Hitchcock zur Geisterstunde mitunter stockbesoffen vom Hocker fiel. Oder in einer Suite zu logieren, die eigentlich pro Nacht um die 30 000 Franken kostet und zur Hochsaison immer ausgebucht ist. Oder einfach in den Geschichten der Vergangenheit zu versinken.

Denn nirgends gab es so viele grosse Auftritte und erschütternde Dramen wie im «Palace» – abgesehen vom «Oriental» in Bangkok und vom «Peninsula» in Hongkong. Diese drei spielen, zusammen mit vielleicht zwei Dutzend andern, in einer eigenen Liga. Und sie sind erfolgreicher denn je. Weil sich Gäste, auch junge, von einer grossen Geschichte magisch angezogen fühlen. Bei meinem jüngsten Besuch im «Badrutt’s Palace» warf ich einen Blick auf meinen alten Beobachtungsposten. Dort spähten zwei Knirpse um die Ecke. Verzückt. Mit grossen, glänzenden Augen. Sechs Jahrzehnte nach mir.