Manchmal schreibt die Quarantäne auch schöne Geschichten. Wie die von Liv Granelli. Schon früh hatte sie sich für Mode interessiert. Wie viele kleine Mädchen mochte sie es, sich zu schminken, sich zu verkleiden und hübsche Kleider anzuziehen. To glam up, wie es im Englischen noch treffender heisst. Vor anderthalb Jahren, mit fünfzehn, ging sie aber einen Schritt weiter. Sie schickte ein paar Bilder, die ihre Mutter von ihr im Garten gemacht hatte, der bekannten Zürcher Model-Agentur Option.

Diese Idee sei während des ersten Covid-Lockdowns im Frühling 2020 entstanden, sagt Granelli. Ihr fehlte der soziale Kontakt, sie musste etwas tun, wollte endlich wieder raus. Ursula Knecht, die Inhaberin der Agentur, lud die Gymnasiastin daraufhin zum Casting ein. Dann ging alles ziemlich schnell. Nach ein paar Shootings präsentierte sich die Zürcherin zum ersten Mal in ihrem Leben an der Modeschau «Mode Suisse» auf einem Laufsteg. Und im Oktober nahm sie am Elite-Model-Look-Wettbewerb teil. Sie war begeistert, es sei wie ein Traum gewesen, sagt sie.

Ausgleich zur «kognitiven Schularbeit»

Wir treffen die Siebzehnjährige auf ihren Wunsch hin in Tyler Brûlés «Café Monocle» im Zürcher Seefeld. Sie trägt, wie es viele junge Frauen derzeit tun, eher unscheinbare Oversized-Kleider, ihrem makellosen Gesicht entspringt ein sympathisches Lächeln, und spätestens als sie zur Begrüssung kurz aufsteht, wird klar, wieso sie Agentur-Chefin Knecht überzeugte. Granelli ist 1,81 Meter gross, zierlich, hat aber trotzdem eine selbstbestimmte, starke Präsenz. Es ist ihr erstes Interview, das sie einer Zeitung gibt. «Modeln macht mir wahnsinnig viel Spass. Es ist aber einfach auch wichtig, dass ich daneben die Schule abschliessen kann», sagt Granelli. Sie wird in zwei Jahren am Zürcher Frei-Gymi die neusprachliche Matur machen.

Ihre frühe Kindheit verbrachte sie in Zürich, seit ein paar Jahren wohnt sie mit ihren Eltern und ihrem jüngeren Bruder etwas ausserhalb der Stadt. Sie war schon als Vierzehnjährige praktisch so gross wie heute und wurde immer wieder auf eine mögliche Karriere als Model angesprochen. Da auch sie sich für dieses Metier interessierte, war es also bloss eine Frage der Zeit, bis sie diesen Weg einschlug. Inspirieren liess sie sich auch von Modezeitschriften wie Vogue und Harper’s Bazaar oder von Model-Vorbildern wie der Niederländerin Sanne Vloet, deren Leben sie in den sozialen Medien verfolgt.

Was aber ist das Packende am Model-Beruf? Ist es der Drang, im Mittelpunkt zu stehen, fotografiert und von allen Seiten bewundert zu werden? Liv Granelli sagt, entscheidend sei etwas anderes: «Es gibt mir einfach einen Kick, mich auf ein Shooting oder eine Modeschau vorzubereiten, in verschiedene Kleider und Rollen zu schlüpfen und dann auf den Punkt genau bereit für die Show zu sein.» Sie macht einen interessanten Vergleich und erklärt, bei welcher Gelegenheit sie ein ähnlich prickelndes Gefühl empfindet: «Es ist, wie wenn ich mich am Abend fürs Ausgehen zurechtmache.» Reizvoll sei auch noch etwas anderes: «Ich bin gefordert, präzise zu arbeiten und meine Persönlichkeit kreativ verpackt an die Öffentlichkeit weiterzugeben», sagt sie. Dazu kommt, dass sie beim Modeln mit vielen interessanten Menschen Bekanntschaft mache, was «ein schöner Ausgleich zur täglichen kognitiven Schularbeit» sei.

Vater Arzt, Mutter Event-Köchin

Granelli bezeichnet ihr Gemüt als eher ernsthaft denn als unbekümmert. Deshalb klingt es auch nicht arglos-kindlich, wenn sie ihre Faszination fürs Modeln ausdrückt. Sie scheint sich zum Beispiel durchaus bewusst zu sein, mit wem sie sich bei ihrer Arbeit als Model einlassen darf und mit wem nicht. Abgesehen davon müsse sie vor allem aufpassen, dass sie die Balance, was ihren Körper betrifft, nicht verliere und nicht zu dünn werde, sagt sie. Sie habe aber ein gutfunktionierendes Umfeld, das sie voll unterstütze. Der Vater, ein Schwede, ist Chiropraktor, die Mutter, eine Solothurnerin, selbständig als Event-Köchin.

In ihrer Freizeit spielt Granelli Tennis, liest – im Moment schwärmt sie von Markus Zusaks «Bücherdiebin» –, geht mit ihren zwei Hunden spazieren, kocht leidenschaftlich gerne und spielt Klavier. Manchmal schreibt sie auch eigene Songs: melancholische Balladen. Sonst sei ihr Musikgeschmack vielfältig und reiche von Michael Bublé, der zurzeit mit seinen Weihnachtssongs zuoberst auf ihrer Playlist stehe, bis Rachmaninow. Ein Fach, das sie in der Schule besonders mag, ist Geschichte. Marie-Antoinette, die Französische Revolution: Es sind die Themen, die mit ihrer Lieblingsstadt Paris zu tun haben. Dort würde sie gerne auch ihren Traum vom Modeln weiterleben. Noch hat die Schule aber Priorität.

 

Ursula Knecht gründete 1987 in Zürich die Option Model Agency. Sie entdeckte bereits Models wie Nadine Strittmatter oder Ronja Furrer. Über Liv Granelli sagt sie: «Liv hat die besten Voraussetzungen: ein interessantes, modernes, fotogenes Gesicht und Model-Masse. Um es international zu schaffen, ist dies unabdingbar. Zudem ist Liv sehr ambitioniert, sie weiss also, was sie will.»