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Was mögen sie sich wohl gedacht haben, die Vögel, an jenem sonnigen Sommertag, beim Anblick der filmreifen Szene, die sich unter ihnen abspielte, hier, irgendwo zwischen dem Greve- und dem Pesa-Tal, also mitten im Weinbaugebiet Chianti Classico. Liegt doch da tief unter ihnen einer mitten im saftigen Grün, alle Viere von sich gestreckt, satt und mit einer stattlichen -Sangiovese-Fahne friedlich vor sich hindösend.

 

Himmel über Florenz

Bei dem Herrn, der da im Gras lag, -handelte es sich um Richard Kägi. Kägi war damals in seiner Rolle als Foodscout für das Warenhaus Globus in der Toskana unterwegs gewesen, als ihm bei einem Lunch in der «Osteria di Passignano» eine Position auf der Weinkarte ins Auge fiel: Tignanello, 2010, 190 Euro. Ein hervorragender Jahrgang, ein sehr guter Preis. Als Kägi zu seinem Erstaunen vom Kellner darüber aufgeklärt wurde, dass es sich hierbei, attenzione!, um eine Magnumflasche handelte, zögerte er bloss zwei, vielleicht drei Sekunden. Dann bestellte er die 1,5-Liter-Flasche und dazu 1,2 Kilo Bis-tecca alla fiorentina. Das Fleisch schaffte er nicht ganz, doch den Tignanello, den kostete Kägi bis zum letzten Tropfen aus.

Rund sieben Jahre später ist es exakt derselbe Wein, der am Tag nach der grossen Feier teilweise noch immer im Körper, nicht in Kägis, sondern in jenem des Schreibenden kursiert. Schauplatz ist erneut die Toskana, der Palazzo Antinori, um genau zu sein. Hier wurde Ende Mai angestossen auf fünfzig Jahre Tignanello, ein halbes Jahrhundert Supertoskaner. Gastgeber Marchese Piero Antinori, Erfinder des Weins, lud in den Innenhof seines nicht gerade bescheidenen Wohnsitzes – und Geburtsorts! – mitten in der Stadt. Mit seiner Frau Francesca und einer ihrer drei Töchter wohnt er, wie Generationen seiner Familie vor ihm, im oberen Geschoss des Renaissance-Baus aus dem 15. Jahrhundert. Im Erdgeschoss empfängt die berühmte «Cantinetta Antinori» seit 1957 Gäste. Sie ist das Vorbild für die gleichnamigen Ableger, die es inzwischen an der Avenue Princesse Grace in Monte Carlo gibt, am Stephansplatz in Wien, im Hotel «The Veil» in Kasachstans Hauptstadt Astana, an der Moskauer Denezhny Pereulok, im Knightsbridge-Viertel in London und natürlich am Zürcher Paradeplatz.

Das Schweizer Restaurant, ein «Gemeinschaftswerk der Familien Antinori und Bindella», wie es auf der Website heisst, besteht seit 1994 und hat seither täglich von Mittag bis spätabends geöffnet. Auf Nachfrage gibt Bindella bekannt, dass in der «Cantinetta -Antinori» im letzten Jahr 1300 Flaschen Tignanello verkauft wurden und somit rund drei Promille von dessen Gesamtproduktion. Preislich liegt die Flasche dort derzeit zwischen 198 Franken für den 2019er und 895 Franken für den 2012er.

Doch zurück nach Florenz, zurück in den Antinori-Palast, dessen Bau dem Architekten Giuliano da Maiano zugeschrieben wird. Die Luft an diesem Tag Ende Mai ist warm, der Himmel über Florenz vergiesst Freudentränen. Die Tische und Tafeln für die Festgesellschaft wurden deswegen in letzter Minute vom quadratischen Innenhof in den Kreuzgang umplatziert. Neben der Familie Antinori haben sich viele enge Freunde und langjährige Geschäftspartner, darunter auch die Bindellas, eingefunden. Medienschaffende sind zugegen, lokale Prominenz, der italienische Zauberer Mago Zen, aber auch Dario Nardella, Bürgermeister von Florenz, genauso wie dessen potenzieller Nachfolger, der ehemalige Uffizien-Direktor Eike Schmidt.

Nachdem alle Platz genommen haben, erhebt sich ein Mann mit kurzem blondem Haar und geht auf die improvisierte Bühne zu, auf der ein Holzstuhl steht, auf dem eine akustische Gitarre liegt. Es ist Sting. Er sei ein Freund des Hauses, hört man, und schaue hie und da vorbei, auch um sich technischen Rat zu holen. Der britische Musiker, muss man nämlich wissen, ist selbst ein engagierter Weinbauer. Auf seinem Weingut Il Palagio produziert er Bioweine wie den «When We Dance», eine rote Cuvée aus Sangiovese, Canaiolo und Colorino.

Sting, inzwischen 72, beginnt, mit sonorer Stimme ins Mikrofon zu sprechen: «Ein guter Wein ist wie ein guter Song. Er muss eine Geschichte erzählen. Er muss ein schlüssiges Narrativ haben mit einem Anfang, einem Mittelteil und einem Ende. Zuallererst jedoch muss der Wein unsere Sinne ansprechen und uns faszinieren – mit seiner Farbe, seinem Klang, wenn wir den Korken entfernen, seiner Musik, wenn er aus der Flasche ins Glas gegossen wird, seinem Geruch, seiner einzigartigen Signatur. Dann, während wir ihn kosten, nimmt unser Verstand auch seine Struktur wahr, seine Architektur, seine Komplexität.

Doch nicht nur der Intellekt ist gefordert, da der Wein auch mit unseren Gefühlen in Austausch treten muss, indem er als Prüfstein für unsere emotionalen Erinnerungen dient – für Emotionen wie Freude, Melancholie, Leidenschaft, Aufregung, Humor und Nachdenklichkeit. Und, ganz wichtig, ein guter Wein benötigt, wie ein gutes Lied, ein befriedigendes Ende. Ein Finale. Das Bewusstsein dafür, eine Reise angetreten und beendet zu haben. Die erworbene Weisheit des Reisenden. Eine Reise, geteilt mit Freunden. Geteilte Geschichten. Eine Gemeinschaft, die uns das Gefühl gibt, weniger allein zu sein auf der Welt, weniger isoliert.»

«This, my friends, is my message in a bottle, and this is my song», schliesst Sting, greift in die Saiten und stimmt seinen Police-Hit an. Die Ironie dabei, an der Botschaft des Songs, ist, dass jemand, der sich in Gesellschaft eines Tignanello befindet, höchst selten unfreiwillig allein ist. Und wenn, dann muss er oder sie auf der Suche nach Gesellschaft bestimmt kein SOS-Signal versenden. Denn wo ein Tignanello auf dem Tisch steht, finden Menschen zusammen. Nicht nur an dessen 50. Geburtstag.

 

Moderner, besser

Für alle, die sich die ganze Zeit über schon fragen, wie es ein Wein wie der Tignanello fertigbringt, dass Sting im Innenhof eines Palasts aus der Renaissance-Zeit gemeinsam mit Gianna Nannini «You’ve Got a Friend» intoniert, um den weiteren Verlauf des feucht-fröhlichen Abends vorwegzunehmen, folgt hier die kurze Antwort: Der Tignanello ist, wie bereits gesagt, ein Supertoskaner. Und zwar «das Original», wie es der Ostschweizer Master of Wine Philipp Schwander ausdrückt. «Der Tignanello war ein Meilenstein in der Entwicklung des italienischen Weins», so Schwander.

Für die längere Antwort muss man etwas ausholen. Um den Nimbus des Tignanello nachvollziehen zu können, muss man zum Beispiel erst verstehen, in was für eine Weinwelt dieser 1974 regelrecht hereingeplatzt ist. Die sechziger Jahre waren für die Weinproduktion Italiens eine dunkle Periode, es dominierten dünne, säurebetonte Massenweine, die nicht viel mehr als eine Alternative zu anderen Getränken darstellten. «Italien verfügte damals über keine ausgeprägte Weinkultur, wie man sie etwa in Frankreich findet», sagt Philipp Schwander. 

Die avantgardistische Vision von Piero Antinori und dem von seinem Vater Niccolò eingestellten Önologen Giacomo Tachis war es nun, auf dem Weingut Santa Christina einen italienischen Wein zu keltern, der es mit den grossen Namen aufnehmen konnte. Das bedeutete, die DOC-Produktionsvorgaben für den Chianti Classico links liegenzulassen. Antinori und Tachis, ein Schüler des Weingurus Émile Peynaud aus dem Bordeaux, produzierten auf Peynauds Rat einen ersten Jahrgang aus der Ernte von 1971 – ohne die vorgeschriebenen Weissweintrauben zu verwenden. Zudem bauten sie den Wein, den sie in der Folge als simplen «vino da tavola» verkaufen mussten, wie Erzeugnisse niederer Qualität genannt wurden, in Barriques aus, in französischen Eichenfässern.

Nochmals einen Schritt weiter gingen sie beim zweiten Jahrgang, als man sich entschloss, für den Tignanello auch Cabernet Sauvignon zu verwenden. «Indem Tachis das Bordelaiser winemaking in der Toskana einführte, machte er den italienischen Wein moderner und besser», fasst Philipp Schwander zusammen.

Und so verfeinerten Marchese Piero Antinori und dessen Wein-Druide Tachis sukzessive die Rezeptur, auf deren Basis bis heute ausdrucksstarke Weine mit viel Kraft und beachtlichem Lagerpotenzial gekeltert werden, ein toskanischer Zaubertrank, der nicht nur die Römer aus den Socken haut. Inzwischen hält man sich beim Tignanello eng an den Schlüssel 85–10–5, was die prozentuale Verteilung der Sorten Sangiovese, Cabernet Sauvignon und Cabernet Franc betrifft.

 

Renegat und Cashcow

Der Tignanello, lässt sich zusammenfassen, war in seinen Anfängen ein Fremdkörper, der quer in der lokalen Weinlandschaft stand, ein Renegat, der neue Wege beschritt, dabei auch aneckte, immer mehr Menschen aber immer besser schmeckte. Gleichzeitig war er ein Paradebeispiel für die Kraft von kongenialem Marketing. Nachdem nämlich auch andere Weinbauern in der Region erfolgreich mit Cabernet zu experimentieren begannen, adelte in den frühen achtziger Jahren ein unbekannter amerikanischer Autor die herausragendsten dieser unkonventionellen Weine mit dem Spitznamen «Super Tuscans». Eine neue Sparte für Weine in der Art eines Tignanello, eines Sassicaia oder eines Solaia war geboren. Letzterer gedeiht als Tignanello-Nachbar ebenfalls auf einem Antinori-Hügel der Tenuta Tignanello – der 1997er erhielt vom Magazin Wine Spectator gar die Auszeichnung «Wein des Jahres 2000».

Philipp Schwander sieht im Tignanello heute einen modernen, sehr gut gemachten Markenwein, der sich sein Renommee ordentlich Geld kosten lässt. «Inzwischen lassen sich preiswertere Weine von ähnlicher Qualität finden», so der Inhaber der Weinhandlung Selection Schwander. Dass allerdings der Tignanello, der heute eine Cashcow für Antinori darstelle, auch ihn schon früh faszinierte, zeigt eine Episode, die sich vor vielen Jahren im Hause Schwander abspielte. Eines Morgens habe ihm sein Vater erzählt, dass er und seine Freunde am Vorabend im Weinkeller auf einen Italiener gestossen seien – mehrere Flaschen, interessanterweise alle aus einem anderen Jahr. Diese seien, obschon teilweise bereits etwas älter, gar nicht so schlecht gewesen. «Dabei hatte ich diese Tignanello-Jahrgänge von 1971 bis zirka Ende achtziger Jahre zu Hause mühselig gesammelt für eine Vertikalverkostung», so Schwander, der heute darüber schmunzeln kann.

So wie Kägi und Schwander halten viele Freunde exklusiver Weine eine Tignanello-Anekdote griffbereit. Meghan Markle betrieb eine Zeitlang einen Lifestyle-Blog, den sie «The Tig» nannte – als liebevolle Hommage an ihren Lieblingswein. Der Verfasser dieser Zeilen wiederum war einst zu einer privaten Geburtstagsfeier in einer Bar in Basel eingeladen, bei der es um Mitternacht zu einem regelrechten Aufschrei kam, als der Tignanello ausging und sich die Festgemeinde unwillig zeigte, auf eine Alternative umzuschwenken.

 

Schwierige Preispolitik

Und woran denkt Rudi Bindella, der heute in vierter Generation die Gesamtverantwortung des Zürcher Gastro-Unternehmens trägt, wenn er den Namen Tignanello hört? Er werde dabei an seine Jugend erinnert, sagt er, an Besuche in der Toskana und an Weinverkostungen im «Swissôtel» in -Zürich Oerlikon, wo er mit Piero Antinoris Tochter Alessia hinter der Theke stand. Es erfülle ihn mit Stolz, sagt er, dessen Vater Rudi Bindella sen. seit 1955 Antinoris Weine in der Schweiz verkauft, dass man bereits seit drei Generationen miteinander verbunden sei. «Ohne die Familie Antinori hätte der italienische Wein nicht sein heutiges Prestige», so Bindella. Dabei habe der Tignanello seine persönliche Leidenschaft für den Wein noch stärker entfacht. Besonders beeindruckend sei jedoch, dass alle Weine im Portfolio überzeugen würden – «vom preiswerten Alltagswein bis hin zu Ikonen wie eben dem Tignanello oder dem Cont’Ugo».

«Der Tignanello ist ein Brand», sagt Stefano Petta, der amtierende, vom «Gault Millau Schweiz» ernannte «Sommelier des Jahres». Der 37-jährige gebürtige Italiener leitet das Restaurant «Widder» in Zürich und übernimmt in den nächsten Tagen das Amt des Director of Wine der Gastronomie-Gruppe The Living Circle, zu der neben dem «-Widder» auch Betriebe wie das «Castello del Sole» in Ascona oder, seit neustem, das «Château de Raymontpierre» im Jura gehören. 2023 habe man 240 Flaschen kredenzt.

Petta könne auf wunderbare private Tignanello-Erlebnisse mit Wolfgang Kuchler von der «Taverne zum Schäfli» in Wigoltingen mit Jahrgängen aus den Neunzigern zurückblicken. Am Wein schätze er dessen Frische, die Länge sowie die «angenehme Säurestruktur», bedingt durch die Rebsorte und das Klima. Diese vermisse er bei südlicheren Weinen, etwa aus Bolgheri. Im Restaurant sei der Tignanello ein Selbstläufer, der keiner Sommelier-Empfehlung bedürfe. Die Preispolitik der Supertoskaner bezeichnet Petta als «schwierig». Als Essensbegleitung empfiehlt er für diesen ein Ossobuco, ein Ragout, eine Bolognese, «etwas, das Kraft hat». Kein Mistkratzerli aus dem Ofen.

 

Kontinuität an erster Stelle

Am Tignanello-Geburtstag in Florenz tischt das örtliche Drei-Sterne-Restaurant «Enoteca -Pinchiorri» grüne Lasagne auf, Risotto mit geröstetem Tomatensaft, Mozzarella-Crème, getoasteten Semmelbröseln und Kapern sowie Taubenbrust vom Grill. Dazu gibt es Tignanello aus den Jahren 2010, 2016 und 2021 – dem Jubiläumswein wird wenig überraschend ein hervorragendes Lagerpotenzial vorhergesagt.

Bei seiner Rede erzählt Marchese Piero Antinori nicht von Aromen, Preisen, von sich oder von der Geschichte seiner Familie, deren Wurzeln zurückreichen ins Jahr 1385, als Giovanni di Piero Antinori in die Florentiner Zunft der Winzer eintrat. Lieber spricht der Vater des Tignanello von der «Schönheit der Traube», der Landschaft mit ihren kalk- und schieferhaltigen Mergelböden. Dass diese Schönheit im Herzen des Chianti Classico ihren Weg in den Wein findet, folge für ihn einer gewissen Logik. Dort findet man sich tags darauf wieder. Im Keller dürfen weitere Tignanello-Vintages verköstigt werden.

Beim anschliessenden Mittagessen geht es sehr familiär zu und her. Das Geschirr ist wie am Vorabend mit dem Logo der Familie geprägt, das auf der unverkennbaren Tignanello-Etikette über der untergehenden Sonne prangt. An den Tischen sitzen Antinoris Töchter Allegra, Alessia und Albiera. Der Enkelsohn Niccolò, der seit einem Jahr als Produktionsassistent im Unternehmen tätig ist, erzählt von gemeinsamen Jagdausflügen und davon, dass Piero Antinori vor drei Jahren im Golf ein Handicap von 7 hatte. Was ist das Geheimnis des so vitalen 85-Jährigen? Viel Bewegung, eine erfüllende Tätigkeit, guter Wein – «mein Grossvater trinkt wohl seit zwanzig Jahren eine Flasche pro Tag». Piero Antinori, könnte man sagen, ist selbst ein lebender Supertoskaner.

Nach den Reden, dem Bistecca, den Abschiedsküssen sitzt der Marchese allein am Tisch, erschöpft, aber zufrieden. Er dürfe sich glücklich schätzen, eine Epoche miterlebt zu haben, in der sich der italienische Wein stärker verändert habe als in den Tausenden von Jahren davor. «Interessanterweise realisieren wir erst jetzt, wie wichtig der Tignanello war», so Piero Antinori.

Er erinnere sich gut an die Anfangszeit: «Der Tignanello war ein Widerspruch in sich selbst. Offiziell trug er die niedrigste aller Klassifikationen, doch qualitativ und preislich bewegte er sich über vielen DOC-Weinen.» Das sei durchaus kontrovers gewesen, doch die Konsumentinnen und Konsumenten hätten seine Qualität und Stilistik zu schätzen gewusst – genauso wie die Sommeliers, opinion leaders und Restaurateure wie Giorgio Pinchiorri.

«Er verstand, dass der Tignanello etwas anderes war, etwas, worauf man stolz sein durfte», so Antinori. Das Wichtigste sei es, sicherzustellen, dass es innerhalb der Firma eine Kontinuität gebe. «Das Vorgehen, die Philosophie müssen gleichbleiben. Die Wirtschaft Italiens steht auf den Schultern von kleinen bis mittelgrossen Familienunternehmen. Über einen längeren Zeithorizont zu planen, ist etwas, das wir in unseren Genen haben. Genau so, wie das auch Familien wie die Bindellas in der Schweiz tun, wo inzwischen die dritte Generation am Ruder ist.» Und was hat ihn der Tignanello gelehrt? «Er gab uns das Vertrauen, qualitativ hochstehenden Wein produzieren zu können, der es mit den besten Weinen der Welt aufnehmen kann.»

Der Tignanello aus dem Chianti hat, wie es aussieht, die notwendigen Voraussetzungen, um das zu erlangen, wonach derzeit so viele geradezu verzweifelt trachten: Unsterblichkeit.

 

Der Visionär hinter Tignanello

Marchese Piero Antinori, geboren 1938, repräsentiert die 26. Generation der Antinori-Dynastie, einer der ältesten und angesehensten Weinproduktionsfamilien der Welt. Unter seiner Leitung erlebte die Firma eine bedeutende Renaissance und wurde international bekannt, insbesondere durch die Kreation des legendären Weins Tignanello im Jahr 1971. Dieser sogenannte Supertoskaner revolutionierte die italienische Weinlandschaft durch die Verwendung von nichttraditionellen Rebsorten und französischen Eichenfässern. Piero Antinori führte die Antinori-Weingüter zu weltweiter Anerkennung, erweiterte das Portfolio durch den Erwerb von Weingütern in Kalifornien, Chile und Ungarn. Weitere Verdienste der Dynastie, die seit 1385 in der Weinherstellung tätig ist, umfassen die Produktion hoch angesehener Weine wie Solaia und Guado al Tasso, die Modernisierung der Weinkellereien unter Bewahrung traditioneller Techniken.

Heute setzt die neueste Generation der Antinori-Familie, vertreten durch Piero Antinoris Töchter Allegra, Alessia und Albiera, die Tradition fort und führt das Erbe mit innovativen Ideen und einem tiefen Respekt für die Familiengeschichte weiter. (WW)

Erstmals ist in den USA ein Präsidentensohn als Straftäter verurteilt worden. Ein Geschworenengericht im Bundesstaat Delaware hat Hunter Biden wegen Verstössen gegen das Waffengesetz in allen Anklagepunkten für schuldig befunden. Was die Medien jetzt als tragischen Fall eines drogenabhängigen Präsidentensohns darstellen, ist in Wirklichkeit die Spitze eines Skandals, der bis ins Innerste der Präsidentenfamilie, der Bundesjustiz und der Geheimdienste reicht.

Ein Kernstück des Falls ist der Hunter-Biden-Laptop. Jener Computer also, den Hunter Biden in seinem Drogendelirium bei einem Reparateur liegenliess. Und auf dem Belege für ein globales Finanznetzwerk der Biden-Familie zu finden sind.

Kurz vor der Präsidentschaftswahl 2020 hat die New York Post Auszüge aus dem Laptop publik gemacht. Doch in einer Art medialer Omertà schwiegen die Journalisten. Wie inzwischen detailliert dokumentiert wurde, hat das Biden-Team in einer konzertierten Aktion interveniert. Unter anderem in Person des heutigen Aussenministers Antony Blinken. Er hat Geheimdienstler kurz vor der Wahl aufgefordert, den Inhalt des Laptops zu diskreditieren. Was diese auch taten. Nur dank Elon Musk und den von ihm veröffentlichten Twitter-Files weiss die Öffentlichkeit, wie der Geheimdienst Druck auf soziale Medien ausübte. Das Verdikt von Delaware zeigt: Der Laptop ist echt. Er hat der Justiz Daten geliefert, die dazu beitrugen, Hunter Biden zu verurteilen.

Doch mit dem Verdikt kratzte die Justiz bloss an der Oberfläche des Biden-Netzwerks. Hunter, Joes Bruder James und ihr Team nutzten den Einfluss von Joe Biden, damals Vizepräsident, um Millionen in die eigenen Taschen zu scheffeln. Etliche Familienmitglieder haben profitiert.

Die Saga um den Präsidentensohn und dessen Deals ist längst nicht zu Ende. Im September muss sich Hunter erneut vor Gericht verantworten. Dann geht es um Steuerhinterziehung von 1,4 Millionen Dollar. Dieser Prozess birgt Sprengstoff für die Wiederwahl des amtierenden Präsidenten. Dann stehen Fragen im Zentrum wie: Woher kam das Geld, das Hunter einkassierte? Was hat er verkauft? Wer hat ihm die Türen geöffnet? Was wusste Papa Joe?

Ein sonniger Herbsttag. Ein Treffen mit dem Präsidenten des Lamborghini-Clubs der Schweiz steht an. Irgendwo im Aargau.

Wir begrüssen uns herzlich, doch sein Kopf ist nicht hier. Seine Welt ist erfüllt vom Klang brüllender Motoren und dem Duft heisser Reifen auf dem Asphalt.

Wir reden und tauschen Geschichten über Leidenschaft und Performance aus, über den Nervenkitzel der Beschleunigung, das Adrenalin in den Kurven und die unvergleichliche Eleganz italienischer Ingenieurskunst. Anstandshalber habe ich meinen Porsche 911 ausser Sichtweite hinter dem Reihenhaus parkiert.

«Und, was war das beeindruckendste Erlebnis mit Ihrem Lambo?»

Seine Augen leuchten auf, ich erwarte einen atemberaubenden Moment, wie er die grenzenlose Kraft seines Wagens auf der einsamen Bergstrasse rauskitzelt. Das Rauschen des Windes, das Aufheulen der zwölf Zylinder und die unbeschreibliche Freiheit, die ihn durchströmt, wenn er den Pass erobert.

Alles pure Fantasie.

Sein aufregendstes Erlebnis findet sonntagmorgens in seiner Garage statt. Während er in seinem Lamborghini sitzt, das Tor geöffnet, und den Drehzahlmesser im roten Bereich zittern lässt.

«Nichts übertrifft meine Aufregung und die Leidenschaft dieses Momentes, nicht einmal die Intimität mit meiner Frau im Bett!»

Was für ein Geständnis.

Wir reden über das Porträt, das ich von ihm machen möchte. Ich bitte ihn um seine Vorstellung und erwarte eine Idee, mit dem Lamborghini vor einem atemberaubenden Bergpanorama zu posieren, die Sonne im Hintergrund und die gleissende Karosserie im Vordergrund.

Die Verschmelzung der Schönheit der Natur mit der kraftvollen Eleganz seines Wagens. Lamborghini-Faszination pur! Doch es kommt anders.

Mit einem breiten Grinsen begebe ich mich mit dem Präsidenten in sein Schlafzimmer. In einer geöffneten Schublade entdecke ich eine Lamborghini-Unterhose mit dem legendären Stier Murciélago, der am 5. Oktober 1879 einen Stierkampf mit 24 Lanzenstössen überlebte und daraufhin begnadigt wurde.

Ich setze ihn in Pose, die Unterhose im Mittelpunkt des Bildes. Ein bisschen Rotlicht und ein Spotlicht. Ein perfekter Moment der Leidenschaft. Ein perfekter Herbsttag.

Regenbogenparade 24 – Pride and Party: ORF 1. 8. Juni

Die «Regenbogenparade», das «Highlight des Pride-Months in Österreich», erobert Wien. ORF 1 ist live dabei und überträgt den farbenfrohen Umzug drei Stunden lang mit einem Grossaufgebot. Man wolle damit «gleiche Rechte und mehr Toleranz» für die LGBTIQ-Bewegung erreichen, heisst es in der Sendungsbeschreibung. Jeder andere Veranstalter kann nur davon träumen, dass sein Anlass mit Heerscharen von Kameras des öffentlich-rechtlichen Rundfunks begleitet wird. Das sind nicht nur «gleiche Rechte». Das ist ein Sonderstatus der Extraklasse.

Die Wiener Ringstrasse sah aus, als hätte man einen Regenbogen eingefangen und auf dem Boden ausgelegt. Eine Dragqueen kommentierte das Geschehen, Influencer-Stars wurden eingeflogen. Zahlreiche Drohnenkameras waren im Einsatz, damit auch wirklich jeder die Grössenordnung der Parade erfassen konnte.

So bunt und unterhaltsam das Ganze war: Die Toleranz, für die der Grosseinsatz des ORF den Boden schaffen wollte, ist längst Realität. Queere und Non-Binäre konnten sich stundenlang vor dem ganzen Land selbst zelebrieren. Das ist angesichts ihrer Zahl kaum verhältnismässig, zumal der Sender die «Regenbogenparade» mittlerweile jedes Jahr abdeckt.

In Österreich gibt es eine andere, schnell wachsende gesellschaftliche Gruppe: Leute, die sich aufgrund der Rekordinflation das Leben nicht mehr leisten können. Würden sie mitten in Wien auf ihre Situation hinweisen, bliebe die stundenlange Live-Übertragung unter Drohnen wohl aus. Sie sind zu wenig bunt und schräg.

Friedrich Dürrenmatt: Die Physiker. Diogenes TB. 96 S., Fr. 13.90

Die Uraufführung der «Komödie in zwei Akten» fand 1962 im Schauspielhaus Zürich statt. Der Publikumserfolg war überragend. In der Spielzeit 1962 bis 1963 wurden «Die Physiker» mit 1596 Aufführungen zum meistgespielten Stück auf den deutschsprachigen Bühnen. Die Presse war begeistert. Man sprach von «Virtuosität» und einem «erstaunlichen Werk» (NZZ). Zum Teil scharfe Kritik kam vom deutschen Feuilleton (etwa von Joachim Kaiser und Friedrich Luft). In London und am Broadway in New York setzte sich das Stück ebenfalls durch.

Gründe für den Erfolg: die Aktualität des Stoffs im Kalten Krieg der späten 1950er und der frühen 1960er Jahre zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion. Die Bedrohung durch einen Atomkrieg, verschärft durch den Bau der Berliner Mauer 1961, und die infolgedessen immer dringlicher diskutierte Frage nach der Verantwortung der Naturwissenschaft. Bedeutsam für den Erfolg in Zürich war auch die exquisite Besetzung: Hans Christian Blech interpretierte die Rolle des Möbius, Gustav Knuth die Newtons, Theo Lingen die Einsteins, und die unvergleichliche Therese Giehse spielte die einzig Verrückte im Stück, Dr. Mathilde von Zahnd, die Klinikleiterin.

Hier soll das vielschichtige Drama um die drei Physiker, die als Patienten in einer privaten psychiatrischen Klinik leben, nicht erneut analysiert werden. Newton und Einstein haben sich ins «Irrenhaus» einliefern lassen, um an Möbius’ bahnbrechende physikalische Erkenntnis zu gelangen, die «Weltformel».

«Die Physiker» haben in unseren Tagen neue, bestürzende Aktualität erhalten.

Das bekannteste, für immer gültige und in seinen möglichen Folgen auch erschreckende Zitat wird von Möbius gesprochen. Nachhallend setzt es den Schlusspunkt. Die drei Männer, völlig desillusioniert und der Ausweglosigkeit bewusst, sehen ihrer Gefangenschaft entgegen. Da spricht Möbius die eigentlichen Schlussworte: «Was einmal gedacht wurde, kann nicht mehr zurückgenommen werden.»

 

Zeugnis griechischer Denkkraft

Nun ist mir beim Übersetzen der «Frauen von Trachis», einer Tragödie des Sophokles, die im Dezember 2024 im Schiffbau in Zürich zur Aufführung kommen soll, die fast wörtliche Entsprechung des Möbius-Zitates begegnet: «Denn was zutage trat, wer könnt es ungeschehen machen?» Der Zusammenhang: Hyllos, Herakles’ Sohn, spricht zu seiner Mutter Deianeira über ihre unbeabsichtigte Untat. Sie harrt in Trachis mit Hyllos der Heimkehr ihres Gatten, der seinen Abenteuern in fernen Landen nachgeht. Nun kommt die Kunde, seine Rückkehr stehe bald bevor; aber es komme auch eine junge schöne Frau ins Haus, von der ihr ein Bote berichtet, diese werde als Geliebte künftig mit Deianeira im gleichen Haushalt wohnen.

Die Liebe ihres Gatten zurückzugewinnen, ist Deianeiras einziger Wunsch. Sie verwendet dafür einen Liebeszauber, das mit Blut durchtränkte Gewand des Kentauren Nessos. Dieses aber hat der Pfeil des Herakles, der Nessos tödlich traf, mit dem Gift der Hydra durchsetzt. Hyllos berichtet, wie der Vater von entsetzlichen Schmerzen zerfressen wurde, als er das Unheilsgewand trug. Er nennt seine Mutter Mörderin, sie, schuldlos, ist schockiert: «Weh mir! Welch Wort, mein Kind, hast du hervorgebracht!» Darauf Hyllos: «Eins, das unausweichlich sich erfüllt. Denn was zutage trat, wer könnt es ungeschehen machen?» (V.742 f.)

Der gleiche Gedanke wie bei Sophokles findet sich beim Lyriker Semonides: «Denn das Geschehene wird nicht mehr ungeschehen sein.» Und auch bei Pindar in den «Olympischen Oden» (II 15–17): «Von dem, was getan ist, / sei es mit Recht oder wider das Recht, kann wohl auch Chronos, / der Vater aller Dinge, den Ausgang nicht ungeschehen machen.»

Dürrenmatt wird diese Zitate aus der griechischen Literatur kaum gekannt, sondern Möbius’ Satz originär erdacht und brillant formuliert haben. Unbestritten aber ist es ein überragendes Zeugnis griechischer Denkkraft, diese beklemmende Erkenntnis gewonnen zu haben. «Die Physiker» haben in unseren Tagen durch die gigantische Aufrüstung und das leichtfertige Gerede vom Einsatz von Atomwaffen neue, bestürzende Aktualität erhalten.

Mehr als Gold – Glanz und Weltbild im indigenen Kolumbien: Museum Rietberg, Zürich. Bis 21. Juli. Begleitbroschüre (72 S., Fr. 19.–), Katalog engl./frz. (344 S., Fr. 49.–)

Ungewöhnlich, überraschend, schön. Und berührender als manche Ausstellung, von der man doch auch berührt wurde. Es steckt so etwas Hoffnungsvolles, vor allem: Versöhnliches in ihr. Und für einmal bewahrheitet sich der ebenso banale wie abgedroschene Satz, dass die Ausstellung zum Nachdenken anregen soll. «Mehr als Gold – Glanz und Weltbild im indigenen Kolumbien» ist eine weltanschauliche, ja, philosophische Ausstellung, die anhand von mehreren Hundert Exponaten dazu einlädt, «unsere Welt und unsere Vorstellungen von Wert und Bedeutung zu überdenken und mit den Augen derer zu sehen, die sie schufen».

So sagt es Annette Bhagwati, Direktorin des Museums Rietberg, das «die Auseinandersetzung mit der Kunst und der Welt vor allem als Dialog versteht». Mit wem und was nehmen die Besucherinnen und Besucher das Gespräch auf? Mit einer Vielzahl einzigartiger Artefakte, deren Wert in ihrer symbolischen Bedeutung liegt: Kunstwerke, die nicht als Objekte, sondern als Subjekte zu sehen wären, als lebendige Wesen, als Verkörperungen von Gedanken.

 

Sieben Jahre Vorbereitungen

Denn das ist das Besondere dieser glanzvollen, einfühlsamen Schau, die sich der Kunst und Kultur des vorspanischen Kolumbiens widmet und sich mit Recht als bahnbrechend versteht: Sie versucht, die Exponate aus indigener Perspektive zu beleuchten, sie also gerade nicht aus der gewohnten westlich-akademischen Sicht, schon gar nicht mit den «goldhungrigen Augen» der einstigen Eroberer zu präsentieren. Wer sich auf diese Sicht einlässt, erlebt grosse Nähe; Unmittelbarkeit, die fordert.

Die Exponate werden aus indigener Sicht, nicht mit den «goldhungrigen Augen» einstiger Eroberer gezeigt.Rund sieben Jahre dauerten die Vorbereitungen zur Ausstellung, welche von drei Museen (Los Angeles County Museum of Art, Museo del Oro, Bogotá, Museum of Fine Arts, Houston) und Mitgliedern der Arhuaco (einer von vier noch heute in der Sierra Nevada de Santa Marta in Nordkolumbien lebenden indigenen Gemeinschaften) konzipiert und verwirklicht wurde. In Zürich als einziger Station in ganz Europa wird sie in erweiterter Form gezeigt – und ist in einem einzigen Besuch kaum zu bewältigen. Die Arhuaco, allen voran die Mamos, ihre spirituellen Anführer, begleiten mit ihrem Denken und Fühlen die Besucher beim Gang durch die auch atmosphärisch schöne, reich bebilderte Ausstellung. Für sie steht fest, «dass jedes Wesen eine Seele hat» und fühlt, «auch Bäume, Steine und Gefässe. Sie alle sind Teil der Schöpfung und haben daher keinen Anfang und kein Ende.»

Nicht anders die Kunstwerke. All die aus Ton gestalteten, menschlichen und tierischen oder beides vereinenden Figuren, die Urnen, Krüge, Opfergefässe, Fussschalen, die muschel- und vogelförmigen Okarinas, deren tausend Jahre alte Stimmen zu hören sind – sie werden als Gegenstände präsentiert, die die Welt der Ahnen mit dem Hier und Jetzt verbinden.

Historische Daten, Entstehungszeit? Sie sind in diesem Kontext unwichtig, die Ausstellung kommt ohne sie aus. Stattdessen, so erfahren wir gleich zu Beginn, konzentriere man sich «auf ihre Rolle als Teilnehmer im Universum» und «auf ihre Rolle als Akteure des Lebens». Wir lesen auch die hochaktuellen Worte von Jaison Pérez Villafaña, Anführer der Arhuaco: «Bevor wir denken, dass wir verschieden sind, sagen wir, dass wir dasselbe Haus haben: das Universum. Gemeinsam sind wir die Wurzel all dessen, was existiert.»

 

Platz für Staunen und Bewunderung

Verständlich, dass in dieser Sicht auf die Welt die Bewahrung des Gleichgewichts von allem, was die Schöpfung physisch und metaphysisch ausmacht, die Hauptaufgabe des Menschen ist. Verständlich auch in dem Zusammenhang, dass für die Indigenen Gold erst dann wertvoll ist, wenn es zu beseelten Objekten verarbeitet wird. Als Fundstücke aus früheren Zeiten und Exponate in Museen ist es ihr Zweck, Beziehungen herzustellen, dem Gedanken der Verbindung und der Fürsorge Raum zu geben. So hat man als Museumsbesucher noch selten auf Exponate geschaut, man fühlt sich verantwortlich und spürt, wie nah Fürsorge und Erkenntnis zusammenrücken können. Und denkt, wie es wäre, wenn wir im Fremden nicht das Trennende, andere sehen könnten, sondern das, was uns ganz, was uns heil macht.

Verständlich, dass Gold erst dann wertvoll ist, wenn es zu beseelten Objekten verarbeitet wird.Doch keine Angst, es bleibt genug Platz für Staunen und Bewunderung angesichts der Schönheit und sprechenden Eigenart der hinreissenden Objekte: das goldene Hausmodell, der Kokablätter kauende Denker, der Anhänger mit dem Fledermausmenschen und der Schlange, die Brustplatte mit mythischen Wesen, der Ohrschmuck mit Vogelkopf oder die vielgestaltige Opfergabe von Suba.

Joel F. Harrington: Der Scharfrichter. Ein Henkersleben im Nürnberg des 16. Jahrhunderts. Bassermann. 416 S., Fr. 15.90

Man findet sie in London, Edinburgh und Blackpool, in Berlin, Amsterdam, Hamburg und sogar in Schanghai: die Dungeons, eine gruselige Kreuzung aus Museum und Geisterbahn, wo Besucher einen Einblick in die grausamen Praktiken des mittelalterlichen Strafrechts erhalten. Der Erfolg der Dungeons belegt die morbide Anziehungskraft, die Kerker-, Folter- und Hinrichtungsmethoden der frühen Neuzeit auch auf uns noch ausüben.

Die Menge jubelte nicht über eine verpatzte Exekution. Der arme Sünder sollte nicht unnötig leiden.Eigentlich angewidert und doch magisch angezogen, blinzeln wir durch spaltweit geöffnete Lider auf das blutige Geschehen. Vor allem aber erfüllt uns ein Gefühl befriedigter Dankbarkeit: Was sind wir doch für bessere Menschen als unsere frühen Vorfahren, die sich bei einer Enthauptung, einem Rädern oder einer Vierteilung verlustierten, die Kinder auf den Schultern für einen besseren Blick. Das würden wir nicht mehr tun, der Aufklärung, den Menschenrechten, dem zivilisatorischen Fortschritt sei Dank.

 

Tod als Abschreckung

Wenn es doch so wäre. Der Überheblichkeit der Spätgeborenen stellt sich ein Buch entgegen, das sich eigentlich mit dem Leben eines mittelalterlichen Scharfrichters beschäftigt. Henker Frantz Schmidt übte fast vierzig Jahre lang, von 1578 bis 1617, in der freien Reichsstadt Nürnberg sein Amt aus – zur vollsten Zufriedenheit von Ratsherren und Bevölkerung. Weil er all die Jahre penibel Tagebuch führte, liessen sich sein Leben und die Umstände seines Gewerbes detailliert rekonstruieren.

Joel F. Harrington, Professor für europäische Geschichte an der Vanderbilt University in Tennessee, ist nicht der erste Historiker, der diese Aufzeichnungen ausgewertet hat. Doch er kommt zu ganz anderen Schlussfolgerungen als seine Vorgänger, die sich lustvoll gruselten über all die schlimmen Schattenseiten des menschlichen Charakters. Erstmals wurde das Tagebuch 1801 veröffentlicht, begierig aufgenommen von den Künstlern der Romantik. Ihnen verdanken wir unseren Blick auf das angeblich so rückständige, grausame Mittelalter, denn sie wollten sich so scharf wie möglich von dieser finsteren Zeit abgrenzen. Ein Blick, den Harrington deutlich zurechtrückt.

Er erklärt, dass Scharfrichter zwar sozial geächtet waren. Dennoch erwartete man von ihnen einen vorbildlichen Lebenswandel und vor allem die Beherrschung ihres Handwerks. Trunkenbolde oder gar Sadisten wurden rasch aus dem Amt entfernt, wenn sie nicht gleich von einer aufgebrachten Menge an ihrem eigenen Galgen aufgeknüpft wurden. Denn anders als wir es im Rückblick vermuten würden, jubelte keine blutdürstige Menge über eine verpatzte Exekution. Der arme Sünder sollte nicht unnötig leiden.

Daher wurden selbst grausamste Körperstrafen wie das Rädern oder der Tod auf dem Scheiterhaufen meist abgemildert. So wurden im ersten Fall dem Delinquenten mit einem Wagenrad nacheinander Arm-, Bein- und Brustknochen zertrümmert. Doch meist begann der Scharfrichter mit dem Brustkorb, sodass der Verurteilte sofort starb. Menschen, die zum Feuertod verurteilt waren, wurden erdrosselt, bevor die Flammen emporloderten.

Harrington erklärt zudem die Notwendigkeit von Folter und öffentlichen Hinrichtungen. Ohne jedwede forensische Methoden war ein Geständnis der einzige Weg zu einem Schuldspruch – und ohne Schuldspruch wurde niemand verurteilt. Im Gegensatz zur Praxis totalitärer Regime unserer Tage. Und da staatliche Instanzen nicht annähernd die Machtfülle und Autorität besassen wie heute, diente der Tod vor aller Augen der Abschreckung. Als mit dem aufkommenden Absolutismus der Zugriff des Staates auf den Bürger immer enger wurde, ging denn auch die Zahl der Körperstrafen und Exekutionen zurück. Dies, so Harrington, sei der Grund für unser humaneres Rechtsempfinden gewesen – und kein zivilisatorischer Quantensprung des Homo sapiens.

Eher würde es Frantz Schmidt und seine Zeitgenossen mit Ekel erfüllen, sähen sie, mit welch kaltblütigem Sadismus in unseren aufgeklärten Zeitaltern gemordet und gequält wird. Die dunkle Seite, sie haust in den Abgründen der Seele eines jeden. Warum sonst sollten wir diese Triebe in einem Touristen-Dungeon oder virtuell auf einer Leinwand befriedigen?

La scomparsa di Bruno Breguet (CH 2024) Dokfilm von Olmo Cerri

Auf den Tessiner Gymnasiasten aus der beschaulichen Schweiz müssen die Demos, Strassenkämpfe, Sit-ins gegen Krieg, Flucht, Unterdrückung von Vietnam bis Palästina in den 1970ern wie ein Feuerwerk von magic moments gewirkt haben. Anders ist kaum erklärbar, was den jungen, kurz vor der Matura stehenden Bruno Breguet aus Minusio dazu trieb, die Brücken hinter sich abzubrechen und den bewaffneten Widerstand zu suchen.

Er war, wie viele seiner Generation, infiziert vom Renitenz-Elan gegen das «Establishment». Und so fräste er sich als «Kind von Marx und Coca-Cola» durch die einschlägige Literatur. Entscheidend war 1969 der Prozess gegen drei palästinensische Attentäter in Winterthur, die auf dem Flughafen Zürich Kloten eine Maschine der israelischen Gesellschaft El Al angegriffen hatten. Die Palästinenser wurden verurteilt, der israelische Sicherheitsmann aber, der einen der Attentäter getötet hatte, freigesprochen. Für Bruno eine Riesenungerechtigkeit. Das überzeugte ihn endgültig, der Volksfront zur Befreiung Palästinas (PFLP) beizutreten.

1970 reiste er nach Beirut, ins Rekrutierungsbüro der PFLP (Popular Front for the Liberation of Palestine), wo der unauffällige junge Mann mit Schweizer Pass willkommen gewesen sein soll. Jedenfalls wurde er vier Monate später mit einem Sprengstoffgürtel um die Hüfte und einem Zünder in einer Marlboro-Schachtel in Haifa vom Zoll gestellt. Neben dem Sprengstoff wurden auch Metallplatten mit der Aufschrift PFLP gefunden, die jeweils nach blutigen Attentaten an den Tatorten hinterlassen worden waren. Der Anschlag sollte dem Shalom Tower gelten, damals das höchste Gebäude im Nahen Osten. Breguet wurde zu fünfzehn Jahren Haft verurteilt, 1977 aber bereits freigelassen.

Das Timing ist nicht schlecht, in einem Klima des Antizionismus und Antisemitismus, der weltweiten Pro-Palästina-Demos und Uni-Besetzungen einen Dokfilm über den engagierten, aber naiven Terroristen Bruno Breguet ins Kino zu bringen. Darin versucht Olmo Cerri (Untertitel: «Vom zivilen Ungehorsam und militanten Widerstand»), die Motive des fast in Vergessenheit geratenen Schweizer Terroristen, dessen Verschwinden bis heute mysteriös geblieben ist, zu entschlüsseln.

 

Die Illusion muss bleiben

Cerris Annäherung laviert zwischen Romantisierung und vorsichtigen Rechtfertigungsversuchen. Samtpfotenartig erzählt Cerri von einem verschlossenen, fast schüchternen jungen Mann, dessen erster Attentatsversuch schon am Zoll in Haifa scheiterte. Ehemalige Gefährten vermuten, er sei einem Maulwurf zum Opfer gefallen, andere, einem «Test» der PFLP. Nach der Haft habe sich Breguet als Palästinenser gefühlt, liess er mitteilen, aber für die Partei war er «wertlos» geworden.

Aufgeben war für ihn keine Option, und so schloss er sich 1979 dem berüchtigten Terroristen Carlos an. Carlos’ Truppe übernahm für jeden die Drecksarbeit, auch für den rumänischen Diktator Ceausescu mit einem Anschlag auf den Sitz von Radio Free Europe in München, bei dem acht Menschen zum Teil schwer verletzt wurden. Breguet war aktiv beteiligt. Als er in Paris einen irakischen Verleger und seine Redaktion zerbomben sollte, wurden Breguet und seine Komplizin erwischt. Dreieinhalb Jahre Knast, danach blieb er Carlos treu, war viel im Nahen Osten und soll sich später nach Griechenland zurückgezogen haben. Auf einer Fähre zwischen Griechenland und Italien ist er im November 1995 spurlos verschwunden. Dem Terrorismusforscher und Historiker Adrian Hänni gelang später ein Scoop mit der Enthüllung, Breguet sei zur CIA übergelaufen.

Das Aufschlussreichste und zugleich Amüsanteste an Cerris Dokumentation sind die ehemaligen Freunde und Wegbegleiterinnen aus der linken Szene. Allesamt charmante, weisshaarige, die Vergangenheit auch selbstironisch verklärende Damen und Herren, die über die alten Zeiten reden wie über einen längst erloschenen Vulkan, in den sie noch einmal ein paar Blicke werfen und nicht recht glauben können, dass der mal Feuer spie. Verblüffend ist, dass sie letztlich nicht viel über Breguet wissen, seinen Weg nicht teilten, ihn aber auch nicht wirklich verurteilen wollen. Der Enthüllung von Adrian Hänni misstrauen sie. Da ist er dann doch noch, der alte Korpsgeist der einst aktiven Linken: Die Illusion muss bleiben. Olmo Cerris Handicap ist vor allem, dass die Familie Breguet sich konsequent weigerte, am Film mitzuwirken. So erfährt man zu wenig über diesen seltsamen Idealisten, der zum Bombenleger wurde, um die Welt zu verbessern.

Tomasz Stanko Quartet (Marcin Wasilewski, Slawomir Kurkiewicz, Michal Miskiewicz): September Night. ECM 2650 6519143

Gibt es so etwas wie nationale Gemütslagen? Michal Urbaniak, polnischer Jazzgeiger und gefeierter Star in verschiedenen Fusionsunternehmen, sagte mir einmal: «Ich hab auch immer gelacht, wenn ich nach dem polnischen Herz in unserer Musik gefragt wurde. Inzwischen muss ich sagen: Sie hatten recht. Vielleicht ist sie in unseren Genen kodiert, diese Schwermut.» Ein Freund von Urbaniak war der Trompeter Tomasz Stanko, schon vor seinem Tod 2018 eine Legende nicht nur des polnischen Jazz. Der meinte: «Vielleicht ist diese Verbindung aus Melancholie und Exzess eine polnische Eigenschaft, wer weiss, vielleicht geografisch bedingt, wie Romantik und Anarchie in Russland.»

Wie immer: Exzess und Melancholie bestimmten gewiss Leben und Werk dieses unvergleichlichen Trompeters. Seit seiner Hommage an den frühen Partner und Förderer, den charismatischen Krzysztof Komeda («Litania», 1997), zu spätem, verdientem Ruhm gelangt, entfacht seine Musik einen mächtigen melancholischen Sog, mit einem Trompetenklang, der die tiefen Lagen und die «unreinen» Intonationen bevorzugt, Glissandi und graulende Verschattungen, aus denen er sich gelegentlich zu strahlenden Höhen und zu freien Ausbrüchen aufschwingt, Erinnerungen an seine «exzessivere» Free-Jazz-Vergangenheit. Stankos Melancholie ist nicht mit Resignation zu verwechseln. Sie meint vielmehr den unerschrockenen Blick ins dunkle Auge des Unvermeidlichen.

Jetzt ist die Aufzeichnung eines Konzerts erschienen, das Stanko 2004 mit seinem jungen polnischen Trio in München gab: voller melancholischer Verschattungen, aber mit enormer Energie vor allem im Rapport zwischen Stanko und der Rhythmusgruppe, zumal dem Pianisten Marcin Wasilewski, aber auch Slawomir Kurkiewicz am Bass und Michal Miskiewicz am Schlagzeug – eine Truppe, die Stanko seit ihren Teenagerjahren förderte. «September Night», in einer Reihe mit den schönsten Alben des Trompeters mit diesem Trio («Soul of Things», «Suspended Night», «Lontano»), ist vor zwanzig Jahren entstanden und von einer zeitlosen Präsenz. Melancholie, aber mit scharfen Rändern. Mit viel Biss. Viel Glanz, viel Tiefe. Aber auch mit beträchtlichem Witz in der fast telepathischen Kommunikation zwischen dem expressiven, aber auch immer rücksichtsvoll sparsamen Meister und seinen Partnern.

Pablo Picasso, Selbstporträt, 1896 – Seit sich der Mensch zum ersten Mal gesehen hat in der Spiegelung des Wassers, später auf Spiegeln aus poliertem Kupfer und ab dem 14. Jahrhundert auf Glasspiegeln aus Murano, konnte er seine Augen nie mehr von sich selbst abwenden.

Manche, wie Narziss, verliebten sich in ihr Spiegelbild, andere verzweifelten daran. Wenig brachte die Selbstbesichtigung an Selbsterkenntnis. Man sah und sieht sich selbst und weiss doch nie genau, wer einen da anschaut.

Noch nie in der Geschichte der Welt hat sich der Mensch so sehr selbst betrachtet wie dieser Tage. Noch nie vielleicht war er sich weiter weg. 92 Millionen Selfies, so wird geschätzt, werden täglich geschossen. Der Mensch, so scheint es, wird immer mehr zu seinem Spiegelbild.

Nur selten oder auch nie zeigen diese digitalen Selbstporträts das Wesentliche. Sie zeigen Falten, Flecken und Furchen, Stirn, Augen, Nase, Mund, Kinn und Ohren, sie zeigen da ein Lachen, dort, schon seltener, einen Hauch von Nachdenklichkeit. Sie zeigen Coolness, kaum Verletzlichkeit. Und nie zeigen sie die Seele.

Den Menschen hinter dem Gesicht ins Bild setzen kann, mehr noch als ernsthafte Fotografie, nur die Malerei. Sie präsentiert keinen Augenblick, keinen Schein, sondern all die Spuren des gelebten Seins. Pablo Picasso (1881–1973) war fünfzehn Jahre alt, als er sich zum ersten Mal wahrscheinlich selbst ins Bild setzte. Sich selbst anschaute, von innen her, und sich dann nach aussen stülpte.

Ein junger Mann blickt da auf sich selbst, gerade dem Knabentum entschlüpft und im Mannsein noch nicht angekommen, voller Verletzlichkeit und Unsicherheit und nur mit einer Ahnung der Gewissheit, dass etwas Grosses in ihm schlummert, das ihn zum Werkzeug auserkoren hat. Vierzig bis fünfzig Selbstporträts hat er auf der Suche nach seinem Selbstverständnis und dem Bild seines Wesens geschaffen. Und es mag sein, dass er sich gesehen hat, ganz anders als die Welt ihn.

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