Haben Hummer winzige Seelen? Träumen sie? Leiden sie während der Lagerung auf Eis oder wenn sie lebendig verspeist werden? Solche Fragen stellt man sich zurzeit in den USA, und allesamt werden sie mit Ja beantwortet. Lebewesen sollen – wenn überhaupt – schnell und ohne unnötige Grausamkeit getötet werden. Befinden sie sich in Gefangenschaft, ist ein angemessener Umgang angebracht, so will es die westliche Ethik. Nachdem dieser Grundsatz in der Vieh- und Geflügelzucht zu ausgeklügelten Regelwerken wie Freilandhaltung, Bodymassagen und Biomast führten, fordert man in den USA nun den würdigen Umgang mit Krabben, Hummern und Seeigeln. Die Diskussion wurde zum richtigen Zeitpunkt angeregt. Von der Côte d’Azur bis zur Copacabana: In der Sommerzeit geht der Seafood tonnenweise über die Restauranttische der Feriendestinationen. Höchste Zeit, endlich einmal ein paar Gedanken an das Martyrium der Schalentiere zu verschwenden.

Wie sich ein Hummer wohl fühlt, wenn er unschuldig in Gefangenschaft gerät? Wenn er ohne Tageslicht und jeglicher Privacy beraubt, in einer Styroporbox dahinvegetiert? Die Zangen mit winzigen Papiermanschetten verschlossen, und all das, ohne je etwas Böses angestellt zu haben? Angesichts der Symbolik solcher Bilder, blieb in den USA auch hartgesottenen Hedonisten der delikate Happen im Hals stecken. Die Behauptung der norwegischen Lobsterlobby, eine aktuelle wissenschaftliche Studie bestätige, dass das Zentralnervensystem der Schalentiere unterentwickelt sei und sie vermutlich keinen Schmerz empfinden können, stiess auf taube Ohren.

Nie mehr pfeifen
Die Lagerbedingungen, vor allem aber die Art, wie der Hummer enden muss – verzweifelt zappelnd und schrille Pfeiftöne ausstossend –, wenn er in das siedend heisse Wasser getaucht wird, finden viele Amerikaner heute ekelerregend, wie aktuelle Umfragen ergaben. Aber auch Seeigel, Krabben und Schnecken sind bei den Konsumenten out. «Im Gegensatz zu einem Pouletschenkel, der als abstraktes Fleischstück wahrgenommen wird, ist der Tod von ganz zu verspeisenden Lebewesen für den Konsumenten eher vorstellbar und darum besonders schrecklich», sagt Jay Weinstein, Autor des soeben erschienenen Buches «Der ethische Gourmet».

Der US-Lebensmittelgigant Whole Foods erkannte als Erster das brachliegende PR-Potenzial und gab Anfang Juli bekannt, ab sofort keine lebendigen Hummer mehr an die Kundschaft zu verkaufen. Die Stadtregierung von Chicago zog nach und stellte auch gleich den Verkauf von Gänsestopfleber unter Strafe. Kalifornien und andere US-Bundesstaaten bereiten zurzeit ähnliche Gesetzesentwürfe vor.

Allein den amerikanischen Spitzenköchen stehen die Haare zu Berge. Ohne die kulinarischen Luxusinsignien Foie gras und Hummer steht künftigen Erwähnungen in den Führern der Haute Gastronomie einiges im Weg, und so richtig Geld machen lässt es sich ohne diese Delikatessen im Angebot auch nicht. Eric Rippert, Chefkoch und Mitbesitzer des exklusiven Seafoodrestaurants «Le Bernardin» in Manhattan, löste das Dilemma als Erster. Seine Lobster wirft er nicht mehr lebendig in den Kochtopf. Ebenso verzichtet er auf weitere gängige Tötungsmethoden wie erstechen, einfrieren, aufspiessen oder aufschlitzen. Stattdessen köpft er seine Hummer neuerdings auf dem Küchenbrett. «Human gekillt» – ein neues Gütesiegel? «Die Kunden essen wieder ganz normal, und auch ich fühle mich bei dieser Art des Tötens richtig gut», erklärte Rippert der New York Times.

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