American Horror Story (USA, seit 2011)Von Ryan Murphy und Brad Falchuk. 12 Staffeln. Abrufbar auf dem Pay-TV-Kabelsender FX Premiere

Wer die ersten elf Staffeln nicht kennt: Kein Problem, jede Staffel erzählt eine in sich abgeschlossene Geschichte, die sich in einem mehr oder weniger wohlumrissenen Schauer-Setting in den USA abspielt, zu ganz unterschiedlichen Zeiten allerdings.

So spielte Staffel 1 («Murder House») anno 2011 in einem Spukhaus in Kalifornien, Staffel 2 («Asylum») 1964 in einer von der katholischen Kirche geleiteten Irrenanstalt in Massachusetts, Staffel 3 («Coven») 2013 in einem Hexenzirkel in New Orleans (konkret in der etwas an Harry Potters Hogwarts erinnernden «Miss Robichaux’s Academy for Exceptional Young Ladies»); spätere Orte des Grauens waren etwa ein übernatürliches Hotel in Los Angeles (Lady Gaga übernahm darin die Rolle der sogenannten Countess), eine Freakshow in Florida oder ein Sommercamp in den Santa Monica Mountains.

Umsetzungstechnisch kommt das Ganze superposh-ultradistanziert-künstlich daher; alles scheint wie von einer glänzenden Latexhaut überzogen zu sein; es hat etwas Abstossendes, gleichzeitig total Oberflächliches wie auch auf perfide Weise unter die Haut des Zuschauers Kriechendes und in ihm eine seltsame Beklemmung/Befremdung Hervorrufendes an sich (Neo in «Matrix» dürfte sich so ähnlich gefühlt haben, als ihm von Agent Smith eine Hightech-Wanze durch den Bauchnabel eingeführt wurde). Die Schicht aus Künstlichkeit hindert einen allerdings daran, wirklich Zugang zu einem genuinen Kern zu erhalten. Im Zentrum des Konstrukts schlägt ein kaltes Design-Plastikherz, wie von Jeff Koons entworfen.

Punkto Schauspielerinnen und Schauspielern greifen die Schöpfer Ryan Murphy und Brad Falchuk auf einen Stamm-Cast zurück, das heisst, viele Akteure und Akteurinnen tauchen in neuen Staffeln in immer neuen Rollen auf. So lassen sich staffelübergreifende Zusammenhänge konstruieren und durchaus spannende Theorien aufstellen, etwa jene, dass die Staffeln 1 bis 9 die neun Höllenkreise von Dantes «Inferno» repräsentieren sollen. Ein Blogger namens George Albin meint, dank dieser These «die wahre Bedeutung der Show» und gleichzeitig den Grund, «warum die Schauspieler immer wieder zurückkehren», gefunden zu haben.

 

Die Todsünden-Theorie

Akribisch hat Albin aufgelistet, welcher Kreis seiner Meinung nach mit welcher Todsünde korrespondiert: erster Kreis = Limbo = das Mordhaus in Staffel 1 («ein Grenzraum zwischen der Erde und dem Jenseits; jeder, der im Haus und seiner Umgebung starb, wird für immer darin gefangen sein, ganz ähnlich wie die Bewohner des Limbo»). Zweiter Kreis = Lust = das Camp Redwood in Staffel 9 («1984»), das Zentrum von «Lust in verschiedenen Formen, hauptsächlich Blutlust und Lust auf Sex». Dritter Kreis = Völlerei = Staffel 5 («Hotel»; «Im Hotel ‹Cortez› geben sich die Charaktere mit unersättlichem Appetit dem Blut hin und kämpfen mit Drogenabhängigkeit»). Vierter Kreis = Gier («insbesondere nach Macht») = Staffel 4 («Freakshow»), in der «Menschen mit Behinderungen ausgebeutet werden». Zorn wird Staffel 6 («Roanoke») zugeordnet, Ketzerei Staffel 7 («Cult»), Gewalt Staffel 8 («Apocalypse»), Betrug Staffel 2 und Verrat Staffel 3.

Jeder Schauspieler stelle «eine einzelne Seele dar, die in den Kreisen der Hölle gefangen ist» und nach den Gesetzen des schlechten Karmas «mehrere Male wiedergeboren wird». Beim Eintritt in einen Kreis «muss sie sich Wächtern stellen, wie dem Rubber Man oder dem Piggy Man».

Im Zentrum des Konstrukts schlägt ein kaltes Design-Plastikherz, wie von Jeff Koons entworfen.

Auf alle Fälle wimmelt es in diesen Kreisen von mordenden Bestien: besessenen Nonnen, sadistischen Nazi-Ärzten, Serienmörder-Clowns, psychopathischen Kultanführern. In der elften Staffel von 2022, «NYC», ist der Oberbösewicht ein gigantischer Muskelberg von einem Mann, Big Daddy mit Namen, der stets eine schwarze Ledermaske und Sadomaso-Geschirr trägt und im New York der frühen 1980er Jahre Schwule abschlachtet. Am Schluss der Staffel entpuppt er sich als Personifizierung von Aids. Beim Anschauen dieser elften Staffel war es dann auch – um persönlich zu werden –, dass ich mich gefragt habe: Will ich mir das Ganze wirklich noch länger antun? Ist das alles nicht einfach nur noch läppisch?

Eine Szene in der sechsten Folge von Staffel 11 war es konkret, die mich (einen grossen Horrorfilm-Fan vor dem Herrn! «Rosemary’s Baby», «Suspiria», «In the Mouth of Madness» oder «A Dark Song» stehen auf der Liste meiner Lieblingsfilme aller Zeiten; das blutig-diabolische «Angel Heart» mit Robert De Niro als Louis Cyphre/Lucifer ist sogar mein absoluter Lieblingsfilm), zu obiger Frage getrieben hat.

Hier die Szene (Triggerwarnung!): Zwei «routinierte» schwule Männer (Patrick und Sam) treffen im Jahr 1979 an einer Gay-Party auf der Insel Fire Island einen naiven Jüngling namens Billy und fordern ihn auf, ihnen in einen Raum im Untergeschoss der Villa, in der die Party («gay Woodstock») in vollem Gange ist, zu folgen. Darin steht ein Foltergerät ähnlich einem mittelalterlichen Pranger, auch Strafbock genannt. Billy lässt sich eine Ledermaske überziehen und an den Pranger stellen, also Kopf und Hände durch die entsprechenden Löcher stecken. Die letzten Kleidungsstücke fallen, Sam und Patrick (übrigens ein Cop) koksen sich in Ekstase, dann machen sie sich abwechslungsweise von hinten über Billy her. Erst nach einer Weile merken sie, dass der junge Mann tot ist. Die Leiche lassen sie dann von einem Profi (vermeintlich) aus der Welt schaffen.

Augenscheinlich soll hier Nekrophilie dargestellt werden (auch wenn das Ganze, laut Sam, bloss ein «freak accident» gewesen sein soll). Ryan Murphy und Brad Falchuk werden sich dazu vielleicht gedacht haben: Dann können wir das auf der Liste der ekelhaftesten menschlichen Perversitäten auch abhaken. Oder sollte die Szene lustig gemeint sein? Oder gar – und der Verdacht könnte einem schon auch kommen – erzmoralisch? Will «American Horror Story» nach den neun Kreisen der Hölle ins Purgatorium emporstossen und von dort, wie Dante in der «Divina Commedia», ins Paradies?

Die erste Folge der zwölften Staffel würde darauf vielleicht die Antwort geben, also habe ich sie mir angesehen. Vor allem hatte ich ehrlich gesagt die Hoffnung, dass die unvergleichliche Lily Rabe, die in vorangegangenen Staffeln die verschiedensten Rollen verkörpert hatte (unvergessen: Rabe als Sister Mary Eunice oder als Hippie-Hexe Misty Day), wiederauftauchen würde. (Spoiler: Tut sie leider nicht. Auch Evan Peters und Sarah Paulson sind nicht mehr mit von der Partie.)

Nun: Staffel 12 heisst «Delicate» und basiert auf dem gerade erschienenen Roman «Delicate Condition» einer gewissen Danielle Valentine, der mit «The feminist update to ‹Rosemary’s Baby› we all needed» beworben wird. Rosemary’s Baby, yesss! Aber «feminist update»? Und das mit Kim Kardashian und Cara Delevingne in wichtigen Rollen?

 

Alle gegen Anna

In den ersten paar Minuten von Staffel 12, Folge 1 («Multiply Thy Pain») wird der Zuschauer bereits mit äusserst bedeutungsschwangerer (Wortspiel beabsichtigt) Symbolik bombardiert: ein am Boden liegendes Vogelnest mit einem toten Vogelbaby drin, ein zerrissener Scan eines embryonalen Zellteilungsprozesses, ein Storch mit rotglühenden Augen und einem Bündel mit einem menschlichen Neugeborenen im Schnabel, ein in Flammen stehender Kinderwagen, das Bibelzitat «Zur Frau sprach er: Viel Mühsal bereite ich dir, sooft du schwanger wirst. / Unter Schmerzen gebierst du Kinder» (Genesis 3, 16). Alles klar: Schwangerschaft = der reinste Horror.

Wir folgen der Schauspielerin Anna Victoria Alcott (gespielt von Emma Roberts), die sich in einer New Yorker Fruchtbarkeitsklinik für einen geplanten Embryo-Transfer Eizellen entnehmen lässt. Von allen Seiten fühlt sie sich beobachtet; offenbar ist ihr Uterus für eine ganze Reihe von sinistren Stalkerinnen und Stalkern von Interesse.

In Staffel 12, Folge 2 («Rockabye») scheint sich der Verdacht zu bestätigen: Alle, alle, alle haben sich gegen die arme Anna, die sich mental immer mehr von der Realität verabschiedet, verschworen: ihr Ehemann, die Ärzte, ihre Presseagentin. Und sie erleidet scheinbar eine Fehlgeburt, nachdem eine falsche Krankenschwester eine Ultraschalluntersuchung bei ihr durchgeführt hat. «Scheinbar», weil dereinst ganz bestimmt noch etwas aus dem Bauch der guten Frau schlüpfen wird. Keine Ahnung, was es sein könnte. Aber Anna Victoria Alcott beschreibt ihre «grösste Angst» einmal wie folgt: «Dass meine Eier so alt und verstaubt sind, dass mein Baby als Spinne herauskommen wird.»

Und unter weniger als der grössten Angst macht es «American Horror Story» ja kaum.