Carlos Leal ist einer der profiliertesten Künstler der Schweiz. In ganz jungen Jahren eroberte er von Lausanne aus als Rapper mit Sens Unik das Land, später wechselte er ins Schauspielfach. Seine Karriere nahm um 2005 schnell Fahrt auf. Er brillierte in Samirs Jeunesse-dorée-Hit «Snow White», und plötzlich tauchte er auch in internationalen Produktionen auf. Er ergatterte eine kleine Rolle im formidablen Bond-Film «Casino Royale», drehte in Frankreich und Spanien. Doch Leal, der Sohn von spanischen Einwanderern, wollte mehr: Im Jahr 2010, mit 41, zog er mit seiner Frau, der belgischen Schauspielerin Jo Kelly – sie haben einen 17-jährigen Sohn und eine 8-jährige Tochter –, nach Los Angeles. Der ganz grosse Durchbruch gelang ihm bisher nicht. Sein Leistungsausweis in Hollywood lässt sich dennoch sehen: Er spielt regelmässig in Serien-Hits wie «The L Word: Generation Q», «The Rookie: Feds» oder «Better Call Saul» und trat in Filmen an der Seite von Mark Wahlberg oder Al Pacino auf. Im Januar hat er einen Gastauftritt in der Marvel-Serie «Wonder Man» auf Disney+. In den letzten Jahren entwickelte er zudem eine neue Leidenschaft: jene für die Fotografie. Seine Bilder wurden schon in Zürich und Paris ausgestellt.

Leal, 55, befindet sich am Scheideweg. Von seiner Frau hat er sich getrennt; sie sind in gutem Einvernehmen, wohnen noch immer zusammen in ihrem Haus, das sie seit ein paar Jahren in Los Angeles besitzen; haben sich aber noch nicht entschieden, wie es genau weitergehen soll. Eigentlich möchten beide nach Europa zurück, das unberechenbare Showgeschäft in Hollywood lässt Leal aber zögern. «Es ist gut möglich, dass ich morgen einen Anruf erhalte und sich alles wieder ändert», sagt er. Seit kurzem hat er auch eine amerikanische Freundin. Die vierzehn Jahre in Amerika waren für Leal ein steter Kampf, ein Ringen um die besten Rollen; er führte ein Leben zwischen grossem Glück und tiefen Enttäuschungen, wie er erzählt.

Das Konzept: Leal wird die ikonische Strasse nach seinem Gusto fotografisch festhalten.

Wir haben uns mit ihm in Downtown-L.-A. verabredet. Genau dort, wo der Sunset Boulevard beginnt. Unser Konzept: Leal wird die – nach der Champs-Elysées — wohl berühmteste Strasse der Welt nach seinem Gusto fotografisch festhalten und von seiner Zeit in Hollywood berichten. Wir haben den Sunset Boulevard gewählt, weil er wie keine andere Strasse für die Filmmetropole steht, aber auch weil sie die Kontraste der Megastadt auf den Punkt bringt: Rund 38 Kilometer lang, führt die Strecke – immer Richtung Westen, dem Sonnenuntergang entgegen – durch bescheidenere Quartiere wie Echo Park, durch Hollywood, das immer mehr zu verwahrlosen scheint, hinein ins blitzblanke Beverly Hills, bis man schliesslich zu den Pacific Palisades gelangt. Dort mündet der Sunset in den PCH, den Pacific Coast Highway, und gibt einen atemberaubenden Blick auf den Stillen Ozean frei.

Die Sonne strahlt, der Himmel ist kitschig blau, die Temperaturen sind sommerlich, als wir uns im Zentrum von Los Angeles treffen und in Leals Wagen steigen. Es ist Mitte November, eine Woche nach den amerikanischen Wahlen. Leal sagt, er sei ein Progressiver und gegen Trump. «Ich bin aber auch dagegen, dass man jede Bewegung der Republikaner durch übertriebene Dramatisierung stoppt oder verhindert.» Generell hat er das Gefühl, dass sich die Amerikaner bedroht fühlen und dass die Rolle des «Welt-Sheriffs», der in «so viele Kriege und Probleme verwickelt ist», das Land gewissermassen auch isoliert.

«Wenn wir schon von Isolation sprechen», sagt Leal, «Los Angeles ist so weit weg vom Rest der Welt. Das hat mir auch bewusst gemacht, wie stark Hollywood auf sich selber konzentriert ist.»

 

Europäischer Spirit

In den heutigen Filmen von hier vermisst er das Gespür für eine Kultur, die über das Geldverdienen hinausgeht. «Amerikaner sind sehr gut darin, sich auf etwas zu spezialisieren. Von hier kommen die besten Chirurgen oder die besten Special-Effects-Typen. Doch das Interesse an der Kultur im Allgemeinen ist nicht so tief wie bei uns Europäern. Heute geht es in Hollywood nur noch darum, finanziell das Optimum herauszuholen. In den 1960ern und 1970ern war das anders. Klar, es gibt immer Ausnahmen, aber das Feuer für Arthouse-Produktionen, die mich als Schauspieler wirklich interessieren, brennt woanders. In Europa ist der Independent-Spirit viel stärker vorhanden.» Als Beispiel gibt er den Film «When We Were Sisters» der Zürcherin Lisa Brühlmann an, den das Zurich Film Festival im Herbst zeigte. Er spielte darin eine Hauptrolle.

Leal bezeichnet sich als «internationalen Schauspieler». Mit diesem Verständnis sei er 2010 nach Amerika gegangen. «Ich kam nach Hollywood mit grossen Träumen. In Spanien konnte ich als Schauspieler gut leben. Ich hätte also dort bleiben können. Ich wollte aber nicht im Alter auf mein Leben zurückblicken und sagen, ich hätte nicht den Mut gehabt, es in Hollywood zu versuchen.» Eine gewisse Enttäuschung, nicht an die ganz grossen Rollen herangekommen zu sein, ist spürbar. «Es ist nicht so, dass ich keine gute Zeit hätte, ich bin stolz auf einiges, was ich erreicht habe, natürlich habe ich mir auch mehr erhofft. Vielleicht hoffe ich immer noch auf mehr . . .»

Wir fahren durch Echo Park und Silver Lake, wo wir eine kurze Kaffeepause einlegen. Der Barista ist ein exzentrischer Typ. Leal möchte ihn fotografieren – kein Problem. Denn viele arbeiten hier im Unterhaltungsgeschäft und wollen irgendwie berühmt werden. Etwas später erreichen wir Los Feliz, eine Gegend kurz vor Hollywood für Bohemiens und solche, die es nach ganz oben geschafft haben. Brad Pitt wohnte bis vor kurzem in diesem Quartier. Filmemacher Quentin Tarantino gehört das legendäre Vista Theatre, das sich direkt am Sunset Boulevard befindet. Er hat das Kino letztes Jahr wiedereröffnet. Für Carlos Leal ist es ein reizendes Fotosujet. Tarantino mag er sehr. Es waren aber vor allem die Filme eines anderen gefeierten Regisseurs, die ihn nach L. A. gelockt hatten: PTA, Paul Thomas Anderson («Magnolia», «There Will Be Blood»). «Ich habe alle seine Filme mindestens zehn Mal gesehen. Unter anderem seinetwegen bin ich nach Hollywood gekommen», sagt Leal.

 

«Gib mir deine E-Mail-Adresse!»

Um an die ganz Grossen heranzukommen, braucht es Ausdauer. Leal will unbedingt einmal in einem PTA-Film mitspielen. «Bisher hat es leider nicht geklappt», sagt er. Wie ging er vor? «Zum Beispiel besuchte ich eine Podiumsveranstaltung mit Paul Thomas Anderson. Am Schluss ging ich auf ihn zu und sagte, er sei einer der Gründe, weshalb ich in diese Stadt gekommen sei, ich würde seine Welt kennen, ob ich ihm vielleicht einmal meine Welt vorstellen könnte, vielleicht habe er dann eine Rolle für mich.» Solche Aktionen sind riskant. «Wenn man mit Leuten spricht, die nur mit den besten Schauspielern zusammenarbeiten, sollte man nicht zu viel verlangen, bescheiden auftreten. PTA sagt zu mir: ‹Weisst du was? Gib mir deine E-Mail-Adresse, und ich melde mich.› Ich war im siebten Himmel. Hörte aber nie von ihm.»

Wir befinden uns nun in Hollywood. Der normale Weg für einen Schauspieler, an Rollen zu kommen, führt über einen Agenten, der ihm dann Vorsprechen, auditions, organisiert. Die Zwischenwelt der auditions ist so etwas wie das Purgatorium der Traumfabrik: Der Himmel ist nah, die Hölle auch. Leal erinnert sich: «Mein erstes Vorsprechen ich hatte bloss einen Tag Vorbereitungszeit. Ich ging hin, war nervös, meine Knie schlotterten, ich sprach meine Zeilen, ich war nicht wirklich gut. Einen Tag später erhielt ich eine Zusage, drei Tage später flog ich erste Klasse nach Vancouver zu den Dreharbeiten. Ich hatte eine Gastrolle als Detektiv in der Krimiserie «Chaos» (2011). Stellen Sie sich das vor! Ich konnte mein Glück kaum fassen. Ich sah es als Zeichen: Wenn du es beim ersten Vorsprechen schaffst, lohnt es sich, eine Weile hierzubleiben. Meine Managerin sagte: Gewöhne dich nicht zu sehr daran, es werden auch andere Zeiten kommen. Und sie hatte recht.»

Die Auditions sind so etwas wie das Purgatorium der Traumfabrik: Der Himmel ist nah, die Hölle auch.

Leal erzählt, dass er an sicher 300 Vorsprechen teilnahm. «Das Verlockende an Hollywood ist, dass das berufliche Glück stets in greifbarer Nähe ist. Gleichzeitig ist dies aber auch das Zermürbende.» Er war mehrmals ganz nah dran, die Hauptrolle in grossen TV-Serien zu spielen. Er hatte sich gegen die letzten Konkurrenten durchgesetzt, dann wurde der Pilot gedreht. «Vor den Screen-Tests unterschreibt man einen Vertrag. Sieht man diese Zahlen, also was man verdienen kann das verändert dein Leben. Wenn es mit der Produktion klappt, dann bist du in einem Jahr sehr reich. Man denkt: Du hast die Hauptrolle, you are the one!» Drei Mal erlebte Leal, dass eine Serie schliesslich doch nicht ausgestrahlt wurde. «Es schmerzte unheimlich, ich musste manchmal weinen, dann sprichst du mit anderen darüber, und dann geht es mit dem nächsten Vorsprechen irgendwie weiter. Das sind die Spielregeln. Was mir die Kraft gibt, immer weiterzumachen, sind Meditation, meine Familie und auch die Anerkennung, die ich in Europa – vor allem auch in der Schweiz – erhalte. In der Schweiz eingeladen zu werden, von den Leuten zu hören, dass sie mich da und dort gesehen haben, das tut schon gut, es ist wie ein Zurückgehen zu den Wurzeln, das gibt Halt, man merkt, dass die Leute deinen Einsatz wertzuschätzen wissen.»

 

Je berühmter, desto bescheidener

Wir haben Hollywood und mittlerweile auch West Hollywood, wo sich der sogenannte Sunset Strip mit den berühmten Lokalen «Rainbow Bar & Grill», «Whisky a Go Go» oder dem Hotel «Chateau Marmont» befindet, hinter uns gelassen. «Ich gehe nie ins verdammte ‹Chateau Marmont›, mir geht das am Arsch vorbei», sagt Leal. «Klar, es gehört zur Geschichte Hollywoods, aber nicht zu meiner Geschichte. Das ist nicht meine Welt. Wenn ich beruflich eingeladen werde, ist es was anderes. Aber einfach dorthin zu gehen, um in der Szene Anschluss zu finden, wie es viele andere tun, ist nicht meine Art.»

Wir kommen auf die Stars zu sprechen, mit denen Leal im Laufe der letzten Jahre gedreht hat. «Ich habe mit Willem Dafoe, mit Ann Hathaway oder mit Mark Wahlberg zusammengearbeitet. Das sind zwar einfach Namen, aber sie bedeuten etwas in der Filmwelt. Das Lustige ist: Je berühmter jemand ist, desto bescheidener kommt er rüber. Wie Mark Wahlberg zum Beispiel.» Leal war vor zwei Jahren mit ihm im Film «Father Stu» zu sehen. «Man kann von ihm halten, was man will.» Leal spricht Wahlbergs konservativen politischen und religiösen Ansichten an, die ihm nicht behagen. «Aber er ist ein guter Schauspieler und einfach ein fantastischer Mensch! Er kommt aufs Set und begrüsst jeden persönlich. Er hat mich auch ein paarmal zum Essen eingeladen.»

«Nach den rund sieben Minuten, die Al Pacino und ich in einem Take nagelten, klatschten alle.»

Die beeindruckendste Person, auf die er in Hollywood traf, sei aber Al Pacino. Mit ihm drehte er das Historiendrama «American Traitor: The Trial of Axis Sally» (2021). «Er war fantastisch, es war ein Genuss, mit ihm die Szene zu spielen. Ich war auch nicht nervös. Ich sagte mir: Du bist als Musiker schon vor 30.000 Leuten aufgetreten, du kannst das. Nach den rund sieben Minuten, die wir in einem Take nagelten, klatschten alle. Wobei man sagen muss, dass die Crew alles beklatschte, was Pacino tat. Er konnte Kaffee holen, und die Leute applaudierten. Er ist halt einfach ein Idol und eine Legende.»

Wir erreichen Beverly Hills. Leal nutzt die Gelegenheit, ein paar Bilder von der reichsten Gegend weit und breit zu schiessen. «Das wahre Gesicht Hollywoods ist anders, als man es sich vorstellt», resümiert er. «Was mich überraschte, war, dass die Qualität nicht überall so gut ist, wie man meint. Es ist nicht alles Gold, was glänzt. Das Durchschnittliche ist auch sehr präsent.» Er hat Erfahrungen mit den unterschiedlichsten Produktionsbudgets gemacht. «Bei den grossen Filmen und Serien ist das Catering definitiv besser», sagt er und lacht. «Aber was die filmische Qualität betrifft, ist es gar nicht immer so gut. Wenn ich es mit der Schweiz vergleiche, muss ich sagen: Schaut man, mit wie wenig Geld in der Schweiz Filme produziert werden, ist das eine grossartige Leistung. Hollywood kann keinen Spielfilm für vier Millionen drehen, die wissen gar nicht, wie das geht.» Leal erzählt, wie jüngst auf dem «Marvel»-Set ein technisches Problem auftrat. «Bis es behoben war, dauerte es Stunden, während es bei kleinen Produktionen im Handumdrehen weitergeht.»

 

Comeback von Sens Unik?

Die sanfte Melancholie, die sich im Auto eingenistet hat, wird vom ersten Blick auf den Pazifik, der unvermittelt vor unseren Augen auftaucht, auf einen Schlag weggefegt. Wir sind am Westende des Sunset Boulevard angelangt und halten an. Leal greift zur Kamera, gepackt von der Leidenschaft fürs Fotografieren und den unzähligen Motiven, die sich hier wie selbstverständlich präsentieren. Und er erzählt, was ihn vom Schauspieler zum Fotografen machte. «Die Schauspielerei ist zwar auch Kunst, aber es ist nicht mein Blick auf die Welt. Als ich während der Covid-Pandemie mit Fotografieren anfing, wurde mir das bewusst. Es war für mich ein Weg, aus der Corona-Isolation herauszufinden und auch zurück zu einer Form des kritischen Ausdrucks, den ich als junger Rapper hatte. Am Anfang zogen mich eher typisch kitschige Kaliforniensujets an. Doch das befriedigte mich nicht wirklich. Als ich mit Strassenfotografie begann, merkte ich, dass ich das Richtige gefunden hatte.» Derzeit arbeitet er an einem Fotobuch, um die Bilder, die er in rund vier Jahren in Los Angeles gemacht hat, in einen Kontext zu bringen. «Der Kontrast zwischen der verwahrlosten Welt und dem Glanz ist für mich als Fotograf sehr interessant, ich bin daran, daraus eine Idee zu entwickeln.» Auch was die Musik betrifft, hat Leal Pläne. 2025 erwägt er ein Comeback mit Sens Unik an den Sommerfestivals.

Wir begeben uns auf den Rückweg. Leal holt seine achtjährige Tochter ab, die in eine Privatschule geht. «Früher war es die ultimative alternative Hippie-Schule, nun gehen auch Kinder von Reichen hierhin. Das macht überhaupt nichts, denn irgendwoher muss ja das Geld kommen», sagt Leal – und ist überglücklich, seine Tochter in die Arme nehmen zu können. Kurz zuvor, als wir noch im Auto sassen, sagte er, dass es den amerikanischen Traum noch immer gebe.