Christopher Clark: Frühling der Revolution. Europa 1848/49 und der Kampf für eine neue Welt. DVA. 1168 S., Fr. 64.90

Jubelrufe waren in der Menge zu hören; es herrschte Fröhlichkeit. Nachrichten von Zugeständnissen der Obrigkeit machten die Runde. Dann fiel ein Schuss. Versehentlich zwar, aber der Schaden war angerichtet, die Stimmung drohte zu kippen. König Friedrich Wilhelm IV. liess eiligst Bürger mit einem grossen weissen Leintuch durch die Berliner Strasse ziehen mit der Aufschrift «Ein Missverständnis! Der König will das Beste!». Das mag gutgemeint gewesen sein, aber offenkundig erfolglos. Es kam zur offenen Revolte, zum Berliner Barrikadenaufstand vom 18. März 1848 gegen den preussischen König und sein Regime. In der Folge agierte der Machthaber geschickter und konnte sich dank Zugeständnissen halten.

 

Verbreitete soziale Misere

Der australische Historiker Christopher Clark schildert die skurrile Episode in seinem neuen Buch «Frühling der Revolution», das vom gesellschaftlichen Aufbruch berichtet, der in Teilen Europas zu bürgerlichen Nationalstaaten mit mehr oder minder modernen Verfassungen führte. Der Autor diskutiert das «Anwachsen der politischen Spannung, die Verhärtung der Sprache, den Zusammenbruch eines Konsenses und das Ende der Kompromissbereitschaft». Dieser Prozess setzte von Nordeuropa bis nach Sizilien, von Frankreich bis ins heutige Rumänien fast gleichzeitig ein. Allerdings unter unterschiedlichen Vorzeichen: So sahen etwa die Ungarn im liberalen Aufstand die Chance zur Befreiung von Habsburg. Für sie bedeutete Freiheit vor allem nationale Selbstbestimmung. In Frankreich dagegen standen soziale Fragen im Mittelpunkt und die Opposition gegen das verhasste Regime des «Bürgerkönigs» Louis-Philippe.

Clark steigt mit den Enttäuschungen nach den 1830er-Wirren ein, die in Europa – ausser in Belgien – nicht zu den erhofften bürgerlichen Reformen führten. Auch schildert er ausführlich die verbreitete soziale Misere, wie sie Gerhart Hauptmann mit seinem Stück «Die Weber» auf die Bühne brachte. Gerade im östlichen Europa zeigte sich indes, wie komplex die politischen Verhältnisse waren. So kam es etwa in Galizien immer wieder zu blutigen Auseinandersetzungen zwischen dem Landadel und der Bauernschaft. Die lokalen Gutsherren setzten auf die Emanzipation vom österreichischen Kaiserreich, die Bauern dagegen kämpften für höhere Erlöse, verstanden sich aber als loyale Untertanen des Kaisers. Ganz anders als im südlichen Polen, wo die lokale Elite und die Bauern gemeinsam in den Kampf gegen die Österreicher zogen. Clark warnt darum davor, zwischen der sozialen Misere und den Aufständen von 1848 eine direkte Kausalität zu sehen.

 

Widerstand ohne Drehbuch

Vielmehr setzten viele lokale Konflikte in den Jahren zuvor einen schleichenden politischen Prozess in Gang, der in radikalen Forderungen nach Pressefreiheit oder bürgerlicher Verfassung gipfelte. «Würde ein direkter Zusammenhang zwischen Entbehrung und Revolution bestehen, sollte man annehmen, dass die Regionen, die 1848 von der grössten Hungersnot betroffen waren, auch die rührigsten in puncto Revolution gewesen wären. Doch es ist genau umgekehrt.»

Der Sonderbundskrieg bot sich an, weil er kurz dauerte und «lediglich» hundert Menschenleben forderte.Der Cambridge-Historiker Christopher Munro Clark machte sich vor zehn Jahren mit seinem Werk «Die Schlafwandler» beim breiten Publikum einen Namen. Er zeichnete darin die Entwicklungen nach, die zum Ersten Weltkrieg führten, und stellte die deutsche Kriegsschuld in Frage. Der Historiker versteht es, komplexe historische Zusammenhänge allgemeinverständlich darzustellen, ohne dabei unzulässigen Vereinfachungen zu erliegen. Genau dadurch zeichnet sich auch das neue Werk aus.

Als wegweisend erachteten die liberalen Rebellen im letzten Jahrhundert die Entwicklung in der Schweiz. Clark zitiert den konservativen preussischen Offizier und Diplomaten Joseph von Radowitz, der kurz vor dem Ausbruch der März-Unruhen 1848 notierte: «Was mit der Schweiz begann, durch Italien fortschritt, kommt jetzt in ein europäisches Stadium.»

Die europäischen Radikalen betrachteten den Sonderbundskrieg vom November 1847 als «Ouvertüre zu den Revolutionen des folgenden Jahres», weil die Konservativen eine Niederlage erlitten. Diese Vorkämpfer reduzierten allerdings die Auseinandersetzung in der Schweiz auf einen Sieg liberaler Protestanten über konservative Katholiken: «Das Bild eines Duells zwischen Fortschritt und Reaktion verschaffte diesem kleinen Krieg ein unverhältnismässig starkes Echo in Europa, sorgte für Solidarität und erregte die Gemüter.» Clark erläutert, dass die Verhältnisse in Wahrheit wesentlich komplexer waren, so, wie sie der Autor Rolf Holenstein in seinem Werk «Stunde Null – Die Neuerfindung der Schweiz 1848» ausführlich darstellte.

Der Sonderbundskrieg bot sich auch als Chiffre an, weil er nur kurz dauerte und «lediglich» knapp hundert Menschleben forderte. Andernorts waren die Auseinandersetzungen zwischen den Exponenten der alten Ordnung und den radikalen Liberalen blutiger, etwa in Paris. Am 23. Februar 1848 flackerten im Stadtzentrum Kämpfe auf – von der Porte Saint-Denis bis zur Rue Montmartre. Ein Drehbuch fehlte, der Widerstand war unorganisiert: «Barrikaden schossen aus dem Boden, wurden von Truppen niedergerissen und wieder aufgebaut. Der städtische Raum zerfiel.» In Panik geratene Infanteristen begannen um 21 Uhr wahllos in die protestierende Menge zu feuern; 52 Menschen verloren allein bei diesem Zwischenfall vor dem Aussenministerium ihr Leben. Aber für einen Einhalt war es zu spät: «Von den Soldaten verlassene Kasernen wurden gestürmt und geplündert, Bahnlinien wurden sabotiert, um das Eintreffen neuer Truppen zu verhindern.» Das Regime war am Ende; König Louis-Philippe musste abdanken und Paris verlassen.

Laut Clark hatte das Regime sich «auf die falsche Revolution» vorbereitet. Man rechnete wie 1830 mit einer gutgeplanten Erhebung. Das Gegenteil traf ein: Spontane, chaotische Volksaufstände loderten an unzähligen Brennpunkten in der Stadt auf. Der Fall von Paris war ein europaweites Signal, sich gegen die konservative Obrigkeit zu erheben. Er zeigt aber auch, wie vielfältig und widersprüchlich die politischen Zielsetzungen der Protestierenden waren. Da gab es liberale, bürgerliche Forderungen wie die Abschaffung der Sklaverei in den Kolonien oder die Einführung eines allgemeinen Wahlrechts. Es kam aber auch verbreitet zu offenen antisemitischen Aufrufen gegen die Juden als Sündenböcke. Nach einer Beruhigung flammten ein paar Monate später erneut Unruhen in Frankreich auf. Libertäre und sozialistische Akteure versuchten, sich mit radikalen Zielsetzungen gegen das Bürgertum durchzusetzen.

Die meisten Aufständischen von 1848 waren keine verschworenen Agitatoren, die den Sturz der herrschenden Ordnung anstrebten: «Jene, die sich bereits selbst als Revolutionäre betrachteten und sich untereinander als solche kannten, spielten bei den Ereignissen von 1848 tendenziell eine eher marginale Rolle.» Diese Leute profitierten vielmehr von den spontanen Erhebungen. Sie gelangten durch den Zusammenbruch der Autorität über Nacht in verantwortungsvolle Positionen, sodass sie den Zeitgenossen als Urheber der Verwerfungen erscheinen mussten, auch wenn sie nur scheinbare Revolutionshelden waren.

Laut Clark hatte das Regime von Louis-Philippe sich «auf die falsche Revolution» vorbereitet.Stellt sich die Frage, weshalb die kontinentalen Unruhen nicht auf Grossbritannien überschwappten. Die Insel blieb von Unruhen mehr oder weniger verschont. Clark führt dafür drei Gründe an: Die führende Chartisten-Bewegung war vergleichsweise gemässigt. Die Regierung unter dem konservativen Premierminister Robert Peel setzte bereits in den 1830er Jahren Reformen durch, wenn auch zögerlich. Drittens kannte die Obrigkeit kein Pardon und erstickte Unruhen mit Polizeigewalt im Keim wie bei einer Demonstration von 25 000 Chartisten im Londoner Stadtteil Kennington.

 

Zeit der Kakofonie

Das politische Leben bestimmten in Grossbritannien schon damals etablierte politische Parteien, die Liberalen und die Konservativen. Solche Strukturen fehlten auf dem Kontinent: «Es gab lediglich lose Netzwerke und Gruppierungen von Gleichgesinnten.» Auch existierten «keine aus dogmatischer Sicht massgeblichen Ideologien». Vielmehr zirkulierten unzählige Texte und Pamphlete von Aktivisten, die ihre Ideen, mal durchdacht, mal verschroben, unters Volk zu bringen suchten: von Liberalen um Alphonse de Lamartine über Gemässigte wie Louis Blanc oder Frühsozialisten und Antisemiten wie Pierre-Joseph Proudhon bis hin zu den Utopisten und veritablen Spinnern.

Genau diese Kakofonie prägte die politischen Verhältnisse nach den Unruhen von 1848/49 in den neuen nationalen Parlamenten in Paris oder Frankfurt: «Für die Liberalen war die Revolution ein abgeschlossenes Ereignis, für die Radikalen ein Prozess, der gerade erst begonnen hatte.» Immerhin etablierten sich im westlichen Europa neue politische Ordnungen, während sich in osteuropäischen Ländern wie Ungarn und Polen die alten Strukturen vorerst erhielten.