Robert Menasse: Die Erweiterung. Suhrkamp. 653 S., Fr. 39.90

Der 68-jährige Österreicher Robert Menasse ist ein engagierter Zeitgenosse. Unermüdlich weibelt er vor allem für seine politische Lieblingsidee, die Europäische Union. Davon möchte er immer mehr haben. Sie liefert ihm auch den Stoff für seine letzten beiden Romane. In «Die Hauptstadt» (2017) wühlte er ausgiebig in den Eingeweiden der EU-Bürokratie in Brüssel. Das Buch wurde zunächst begeistert aufgenommen, dann hagelte es Kritik, als sich herausstellte, dass Menasse historische Fakten mutwillig verdreht hatte.

Menasse machte Walter Hallstein, den ersten Kommissionspräsidenten der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG), zum Befürworter der Abschaffung der Nationen zugunsten «Europas». Seine Antrittsrede liess Menasse den Kommissionspräsidenten 1958 in Auschwitz halten – damit man sehe, in welche Abgründe der Nationalstaat geführt habe. Beides war erfunden, im Dienst der zentralen Schnapsidee des Romans, Auschwitz zur Hauptstadt der EU ausrufen zu lassen. Zu solchen Märchen sollte sich selbst ein literarischer EU-Aktivist nicht hinreissen lassen.

Verwickelte Posse

Man liest das Buch, wie man eine Netflix-Serie anschaut, die ein paar Durchhänger zu viel hat.

Jetzt hat Menasse einen zweiten EU-Roman vorgelegt, «Die Erweiterung». Albanien will Mitglied der EU werden, aber der französische Präsident legt sein Veto gegen Beitrittsverhandlungen ein. Das ist der Ausgangspunkt für einen weitgespannten Gesellschaftsroman, in dem es um politische Winkelzüge geht, um Intrigen und Gegenintrigen, aber ebenso um private Verstrickungen, um Liebe, Hass und Verrat.

Zentrales Motiv des Romans ist der Helm des albanischen Nationalhelden Skanderbeg, der im 15. Jahrhundert das christliche Abendland gegen die Osmanen verteidigte und die albanischen Stämme einigte. Sein Helm liegt als Exponat im Weltmuseum in der Wiener Hofburg. Wer sich ihn aufsetzt, wird zum Herrscher aller Albaner, von Kosovo bis Nordmazedonien. In einem symbolischen Akt will der albanische Ministerpräsident genau das tun, um die EU mit der Drohung eines Grossalbanien unter Druck zu setzen. Aber bevor er ihn von Österreich zurückverlangen kann, wird der Helm gestohlen. Und später ebenso die Kopie, die der Ministerpräsident anfertigen lässt – die Angelegenheit wird zur grotesk verwickelten Posse, in der auch ein österreichischer Kriminalbeamter und die albanische Mafia mitspielen.

Abenteuerlich überkonstruiert

Ein anderer Erzählstrang verbindet den polnischen EU-Kommissions-Beamten Adam und seinen Jugendfreund Mateusz, der polnischer Ministerpräsident geworden ist. Zwischen den einstigen Blutsbrüdern, die gemeinsam im Widerstandskampf gegen den Kommunismus einen Eid auf die Freiheit schworen, herrscht ein tiefes Zerwürfnis. Adam ist ein glühender Verfechter der EU-Erweiterung, Mateusz will von einem Beitritt Albaniens nichts wissen.

Dazu kommen Dutzende weitere Figuren an den Schauplätzen Brüssel, Wien, Brindisi, Tirana und Warschau. Menasse fabuliert munter, bisweilen etwas zu unbekümmert – manche Figurenkonstellationen wirken erzwungen, manche Episoden abenteuerlich überkonstruiert. Und immer wieder verliert sich das Buch in den realen Irrungen und Wirrungen, aus denen die EU seit Jahren nicht herauskommt. Als Unterhaltungsroman funktioniert «Die Erweiterung» nur bedingt. Das Buch will gleichzeitig auch Politsatire, Melodram, Komödie und Tragödie sein, und manchmal spricht eine Figur, als würde sie aus einem Geschichtsbuch vortragen. Insgesamt liest man das Buch, wie man eine Netflix-Serie anschaut, die ein paar Durchhänger zu viel hat; man überlegt sich, ob man bis zum Ende der Staffel durchhält.

Zumal der Schluss des Romans im Wortsinn aus dem Ruder läuft. Auf dem Kreuzfahrtschiff «SS Skanderbeg», das von Durrës aus in See sticht, treffen sich die Regierung Albaniens sowie europäische Staatschefs und hohe Beamte, Berater und Experten der EU, einschliesslich der meisten Figuren, die wir auf den 500 Seiten zuvor kennengelernt haben. Auch der wieder aufgetauchte Helm von Skanderbeg hat seinen Weg an Bord gefunden.

Um die Zukunft der EU und der Balkanstaaten sollte es in den Gesprächen auf dem Schiff gehen. Aber daran denkt niemand mehr, als ein hochansteckendes Norovirus sich auf der «SS Skanderbeg» verbreitet. Die politische Elite Europas wird unter Quarantäne gesetzt, das Schiff wird von allen Häfen im Mittelmeer abgewiesen; erst die Hafenbehörde von Casablanca will wenigstens Windeln und Opiate schicken. Aber die Schlauchboote, die sich nähern, bringen keine Hilfsgüter, sondern Flüchtlinge. Mit ihrer Seenotrettung findet «Die Erweiterung» ihr symbolschwangeres Ende. Ein dickes Buch, aber kein grosser Roman.