Armin Laschet

 

Dieser Mann ist erst seit drei Monaten Vorsitzender der CDU und durch den internen Kampf um die Kanzlerkandidatur bereits politisch so geschwächt, dass über einen Rücktritt spekuliert wurde. Seine Vorgängerin hatte auch schon nicht lange durchgehalten.

Der Name Armin Laschet steht also, historisch gesehen, für den endgültigen Abschluss der Sozialdemokratisierung der CDU. Die politische Liquidierung von erst kurz amtierenden Vorsitzenden war nämlich bis vor kurzem das Alleinstellungsmerkmal der SPD. Die SPD hat seit 2017 acht Vorsitzende verbraucht, einige davon waren kommissarisch tätig; die CDU seit 2018 nun auch schon fast zwei.

Viele Beobachter und manche Parteifreunde nehmen Laschet nicht recht ernst, obwohl er nachweislich kein Loser ist. Laschet hat in Nordrhein-Westfalen einer beliebten SPD-Ministerpräsidentin das Amt abgejagt und es bei der nächsten Wahl verteidigt, auch die Eroberung des Parteivorsitzes gegen zwei starke Rivalen war keine Kleinigkeit. Dieses Nicht-ernst-genommen-Werden hat Laschet mit der frühen Angela Merkel gemeinsam, die ebenfalls irrtümlich für ein leichtes Opfer gehalten wurde.

Merkel hat Gegenspieler immer kaltgestellt. Laschet dagegen ist auf seinen internen Konkurrenten Friedrich Merz zugegangen. Armin Laschet gilt eben als netter, ausgleichender Mensch, den Killerinstinkt hat er nicht. Solche Eigenschaften werden in Deutschland, wie Laschets Umfragewerte zeigen, von vielen als hochproblematisch empfunden.

 

Markus Söder

 

Seine politische Biegsamkeit und seine Bereitschaft, sich in fast jeder Grundsatzfrage von Meinungsumfragen eines Besseren belehren zu lassen, hätten Markus Söder zweifellos zur Nachfolge von Angela Merkel qualifiziert. Der CSU-Chef kann mit jedem, vorausgesetzt, diese Person ist ihm nützlich. Darauf laufen alle Porträts hinaus, die über ihn geschrieben wurden. Verlässlich an ihm ist offenbar allein sein Ehrgeiz. Während der Flüchtlingskrise war er ein harter Merkel-Kritiker, in der Corona-Krise ist er ein harter Merkel-Verteidiger, vom Grünen-Fresser wurde er zum Grünen-Umarmer. Mit Begriffen wie «links» und «rechts» lässt sich dieser Typus nicht fassen, eher schon mit der Formulierung «Populismus der Mitte», die über ihn zu lesen war.

Alle, die den Markus von heute gut finden, müssen also mit der Ungewissheit leben, wie der Markus von morgen wohl sein mag. Das hängt weniger von ihm persönlich ab, als mehr von der Windrichtung und der Medienlandschaft.

Söders Erfolg hat damit zu tun, dass er – ausgerechnet er! – authentisch wirkt. Er redet ohne Floskeln. Er trifft einen Ton, den die meisten Leute hören wollen. Falls er ein Schauspieler ist, dann ein guter.

Söder hat, als Populist, verstanden, dass die alten Parteien der Mitte nur noch leere Gefässe sind, Jobmaschinen. Wer für Jobs sorgt, ist King; wer glaubt schon noch an irgendwas. Dazu kommt, in Teilen des deutschen Wahlvolks, eine diffuse Sehnsucht nach Führung. Angela Merkel war für viele eine Sphinx, unsichtbar, schwer durchschaubar. Söder wäre als Kanzler sehr sichtbar gewesen. Wozu sonst das Ganze?

 

Annalena Baerbock

 

Sie wäre die jüngste Person, die je in Deutschland Kanzlerin wurde, mit vierzig, und die erste, die keinerlei Regierungserfahrung besitzt. Annalena Baerbocks Werdegang ist typisch für junge Berufspolitiker. Nach dem geisteswissenschaftlichen Studium, beendet 2005 mit einem Mastertitel, folgt sofort der Einstieg in die grüne Politik, der Weg führt von der Büroleiterin zur Referentin, von da in den Bundestag. Nun Kanzlerkandidatin, warum nicht?

Es hat also nicht zwingend mit Machotum und Frauenfeindlichkeit zu tun, wenn einem diese Idee, Kanzlerin Baerbock, unheimlich vorkommt. Menschen können mit ihren Aufgaben wachsen. Angesichts von alten «Raptoren» wie Putin oder Erdogan, die ihr Gegenüber wären, müsste dieser Wachstumsprozess schnell vonstattengehen. Ob sie überhaupt schon mal so jemandem wie Putin begegnet ist? Viele Grüne bewegen sich ungern in anderen Milieus und erschrecken fast zu Tode, wenn Menschen ungrün denken.

Baerbock macht seltener sachliche Fehler als ihr männliches Pendant als grüner Parteivorsitzender, Robert Habeck, immerhin ehemaliger Landesminister. Natürlich ist das unwichtig. In dieser politischen Zone zählt vor allem Haltung. Bei den Grünen hat sie als Frau, weil sie Frau ist, das erste Zugriffsrecht auf Ämter, so hat es Habeck gesagt. Dies ist aus dem gleichen Grund so, aus dem früher der Bub den Hof geerbt hat und nicht die Tochter. Diese alten Regeln, manche haben Vorfahrt, waren nämlich okay. Sie haben nur die Falschen begünstigt. Dreh eine Ungerechtigkeit einfach ins Gegenteil, schon wird für manche Gerechtigkeit daraus. Ministerin wird Annalena Baerbock garantiert.

 

Olaf Scholz

 

Der Niedergang der deutschen Sozialdemokraten ist ein oft beschriebenes Phänomen. Er hat damit zu tun, dass diese Partei sich vom Leben und von der Sprache vieler einstiger Wähler abgewandt hat. Die SPD sagt jetzt etwa das Gleiche wie die Grünen, mit leichtem Drall zur Linkspartei. Das ist legitim. Ältere Menschen brechen manchmal zu neuen Zielen auf, lassen ihre Vergangenheit hinter sich, ziehen um, finden andere Partner. Warum sollten alte Parteien das nicht auch dürfen?

Nun hat diese neue SPD ausgerechnet Olaf Scholz zum Spitzenkandidaten gemacht, auf dessen Wunsch, vor dem eine wirklich fürsorgliche, soziale Partei ihn hätte in Schutz nehmen müssen. Scholz, ein redlicher Mann, der in Hamburg gut regiert hat, steht so sehr für die alte, im Boden der Geschichte versickerte SPD, wie es nur eben möglich ist. Die Partei möchte also Stimmen mit genau der Politik fangen, die vielen ihrer Mitglieder zuwider ist. Vor einiger Zeit hatte Scholz sich auch um den Parteivorsitz beworben; das Stimmergebnis war deprimierend für ihn.

Die SPD bietet einen Mann als Kanzler an, der ihr als Parteichef nicht gut genug war, peinlich für beide Seiten. Warum Scholz sich das antut, weiss nur er. Seine Fernsehinterviews, bei denen er um Antworten ringt, die sowohl mit der Parteilinie als auch mit seinen gemässigten Auffassungen vereinbar sind und die naturgemäss meistens kompliziert ausfallen, sind schmerzhafte Erfahrungen für das Publikum. Sollte der arme Scholz Kanzler werden – niemand rechnet damit –, wird seine SPD ihn im Bundestag bald wieder abwählen.

 

Jörg Meuthen

 

Seit Sahra Wagenknecht nicht mehr in der ersten Reihe steht, gibt es in Deutschland weder links noch rechts aussen eine Spitzenfigur, die man, im weitesten Sinne, charismatisch nennen könnte. Eine der neuen Vorsitzenden der Linken – wie heisst sie noch gleich? – machte in der Talkshow «Markus Lanz» von sich reden, weil ihr das eigene Parteiprogramm teilweise entfallen war.

Jörg Meuthen ist Parteichef und bekanntester Politiker der AfD unter achtzig. Wer bei der Rechtspartei Spitzenkandidat der Bundestagswahl wird, ist noch offen; Meuthen hat kein Interesse. In der AfD herrscht seit längerem eine Art Wutbürgerkrieg zwischen den Parteiflügeln, konservativ gegen national. Der Machtbereich des Vorsitzenden Meuthen in seiner Partei ist deshalb etwa so überschaubar wie der des Präsidenten Ghani in Afghanistan.

Dass eine Partei, die für Führung und Ordnung plädiert, den von allen Parteien führungslosesten und unordentlichsten Eindruck macht, könnte irritierend wirken. Aber die AfD wird weder wegen ihres Personals gewählt noch wegen ihres Programms, sondern weil sie Opposition darstellt und weil alle anderen auf viele inhaltlich so ähnlich wirken wie die Kelly Family. Die AfD ist ein Selbstläufer, sie muss weiter nichts machen. Beim letzten Parteitag wurden etliche Forderungen verabschiedet, die Meuthen gegen den Strich gehen: Austritt aus der EU, zum Beispiel. Er blieb passiv, vielleicht dachte er an seine Kinder. Sie wurden in verschiedenen Ehen produziert und angeheiratet, insgesamt sind es zehn. Falls Deutschland untergeht – an ihm hat es nicht gelegen.

 

Christian Lindner

 

Die liberale Partei FDP hatte immer mit dem Vorwurf zu kämpfen, sie sei prinzipienlos, es ginge ihr nur um Ministerposten. Nach der Wahl von 2017 verhandelte die FDP mit Angela Merkel und den Grünen über eine Koalition. Als abzusehen war, dass der liberale Teil des Regierungsprogramms gegen null tendieren würde, stieg Christian Lindner aus den Verhandlungen aus. Seitdem muss seine FDP mit dem Vorwurf ihrer Gegner leben, sie klammere sich zu sehr an liberale Ideen und weigere sich, Ministerposten zu übernehmen, nur um Minister zu sein, wie jeder normale Mensch es tut.

Lindner ist etwa so alt wie Baerbock, aber er wirkt älter. Gefühlt ist er schon ewig im Geschäft. Als sie noch als Namenlose studierte, war er schon Landtagsabgeordneter und Hoffnungsträger – mit 21.

Die FDP träumt, seit es sie gibt, davon, in Deutschland wichtig zu sein, ein echter Bestimmer. Gereicht hat es immer nur zur Sättigungsbeilage in irgendeiner Koalition. Die FDP geht nie ein, aber sie blüht auch nie richtig auf; man kennt das von Zimmerpflanzen. Auch dieses Mal kann bestenfalls ein Platz in einer Dreierkoalition herausspringen, wieder mit zwei Partnern, die beide einträchtig die Augen verdrehen, wenn der FDP-Mensch mit seinem Freiheits-Tick den Raum betritt. Christian Lindner ist also wieder genau da, wo er 2017 schon einmal gewesen ist; täglich grüsst das Murmeltier. Im Fernsehen sieht er oft traurig aus. Diesmal nimmt er den Ministerposten. Man lebt nur einmal.