Mein Name ist Gion, der meines Bruders Gieri. Damit sind wir auch schon direkt beim Thema angelangt: den sogenannten Gion-Gieri-Witzen. Deren Inhalt: die Beschränktheit der romanischsprachigen Bündner Oberländer. Letztere galten (und gelten durchaus noch immer) in den deutschsprachigen Regionen Graubündens (vor allem Chur und Prättigau) als absolute Trottel, Idioten, Einfaltspinsel, Hinterwäldler, Inzestprodukte (der Vater ist gleichzeitig der Onkel, der Bruder und der Cousin), Untermenschen.

Eine spontane Suche im Internet fördert als Erstes folgenden Gion-Gieri-Witz zutage (Quelle: www.grheute.ch):

Dr Gion Gieri fahrt uf Khur in da Stau
Bremsa fahra, bremsa fahra, do bruchsch Geduld, sait ihm d’Frau
Warta und warta, er isch schu ganz frustriart
Gion Gieri, du söttsch fahra, z’Auto vorna isch parkiart.

Ehrlich gesagt: enttäuschend. Da hatte es doch Sprüche von ganz anderem Kaliber gegeben, meiner Erinnerung nach.

Der zweite Witz, den ich ergoogle, geht dann schon eher in die richtige Richtung (Quelle: www.massueger.ch; auffälligerweise auch in Reimform, hat vielleicht etwas mit der Fasnacht / Churer Schlagerparade zu tun):

Dr Gion Gieri aus Vrin
Der langt den Mädchen dorthin
Wo die Mädchen, nicht die Knaben
Es einfach halt am liebsten haben
Ein solcher kommt nicht von Vrin, eher aus Dalin.

Hm. Ich verstehe die Pointe nicht. Soll das eventuell heissen, dass alle aus Vrin Stammenden schwul oder Päderasten sind?

Bei Witz Nummer drei (Quelle: www.tageswoche.ch; unkommentiert in einer Reportage von Urs Buess vorkommend) ist dann allerdings alles klar:

«Gion-Gieri und Crescenza haben geheiratet, liegen in der Hochzeitsnacht nebeneinander im Bett. Crescenza: Du, Gion-Gieri, es ist unsere Hochzeitsnacht, rücke näher. Gion-Gieri rückt näher. Du, Gion-Gieri, es ist unsere Hochzeitsnacht, streichle mich doch. Gion-Gieri streichelt Crescenza. Gion-Gieri: Du, Crescenza, es ist unsere Hochzeitsnacht, zieh deinen Pullover aus. Gion-Gieri regt sich nicht. Da reisst Crescenza an seinem Pullover. Gion-Gieri: Das ist kein Pullover, das ist mein Ekzem.»

Genau! Da haben wir ihn wieder, diesen absolut menschenverachtenden Vibe, an den ich mich noch aus den 1980er Jahren erinnern kann.

Tatsächlich habe ich mich in den letzten Tagen – angesichts des globalen Aufbäumens gegen jede Form des Rassismus und der Diskriminierung – gefragt: Wann steigen die Rätoromanen auf die Barrikaden? Sind die Gion-Gieri-Witze nicht sooo schlimm? Womit sich die Anschlussfrage stellt: So schlimm wie was? Wie kann man «schlimm» messen? Lässt sich das Schicksal eines Rätoromanen mit einem 96stel Schokokuss aufwiegen? Wie heisst dieses Wort eigentlich auf Romanisch? Nun, zumindest auf diese Frage liefert der «Pledari Grond» eine klare Antwort: «Mohrenkopf (kugelförmiges Gebäckstück aus Biskuitteig) [m] = morin [m] / chau da tschigulatta [m]»; wobei morin mit «kleiner Mohr», «Möhrchen» übersetzt werden kann.

Sprachanalog kann man nicht anders, als allen Rätoromänchen und vor allem allen Gion-Gierchen zuzurufen: Verlangt Wiedergutmachungchen! Subvenziunchen! Your lives matter auch ein bisschen! Solltet ihr es jetzt nicht verstehen, aus euren Diskriminierungswunden blankes Cash herauszuschlagen, seid ihr wirklich Trottel. Idioten. Einfaltspinsel. Und Schlimmeres.

 

Gion Mathias Cavelty ist Schriftsteller und Satiriker in Schwamendingen.