Es war ein biografischer Zufall, der mir im Sommer 2011 die Gelegenheit bescherte, an einer der beliebtesten royalen Belustigungen in London teilzunehmen: «Beating Retreat», die Leistungsschau der Household Division der Queen. Das allein war Ehre genug, doch ich hatte nicht damit gerechnet, auch noch in der VIP-Lounge zu landen. So sass ich an einem kühlen Juniabend in einem zugigen weissen Zelt, drei Stühle hinter dem einzigen Stuhl, der ein bisschen bequemer aussah als die anderen.

Der war für sie gedacht, für die kleine, schon etwas gebeugte Dame mit den weissen Löckchen im schlichten, eierschalenfarbenen Kleid, die im letzten Moment vorgefahren kam. Das Spektakel auf dem Exerzierfeld, der Horse Guards Parade, das die Queen Jahr um Jahr, also sicher schon mehr als sechzig Mal, genossen haben musste, heisst nach dem Hornsignal zum Sammeln am Ende der Schlacht und ist seit 1945 auch dem allgemeinen Publikum zugänglich – als Signal an die vom Krieg erschöpfte Bevölkerung? It’s over, endlich? Vielleicht.

Die Queen schien sich jedenfalls keineswegs zu langweilen, im Gegenteil: Ohne royale Zurückhaltung scherzte und schäkerte sie mit den zwei kunstvoll verpackten Herren rechts und links von ihr. Der rechts, im blauen Rock, den Helm mit Schwanenfedern geschmückt, war ja auch eine Augenweide: George Pemberton Ross Norton, der damalige Kommandeur der Household Division – kein Kostümsoldat, ebenso wenig wie seine allesamt kriegserfahrenen Untergebenen. Verheiratet, übrigens, mit einer hessischen Prinzessin.

Die Show zeigte alles, was die Household Division der Queen so können muss: pferdeflüstern, singen, marschieren, musizieren – und Franzosen besiegen. Dieser Teil der Aufführung war von schamloser Bosheit: Zu Beethovens «Wellingtons Sieg» rückten prachtvolle britische Soldaten gegen ein paar armselige französische Landser nebst einer zerrupften Marianne vor, die hektisch ihre Gewehre stopften – vergebens. So also erinnerte man sich in London noch nach zweihundert Jahren an die siegreiche Schlacht gegen französische Truppen bei Vitoria am 21. Juni 1813, zwei Jahre vor Napoleons Waterloo.

Ungebrochenes Verhältnis zur Tradition

Waterloo, übrigens, hatte man im VIP-Zelt sozusagen im Rücken: Dahinter liegt das Gebäude der Horse Guards, ein Bau im palladianischen Stil, in dem sich das Büro des Duke of Wellington befindet, des Bezwingers Napoleons.

Bin ich an diesem Abend, nach dieser unerwarteten Nähe zu Elizabeth II., zur Monarchistin geworden? Eher nicht. Nur ein wenig neidisch war ich. Viele Deutsche bekommen ja schon beim vergleichsweise bescheidenen Grossen Zapfenstreich Magenschmerzen. Hier aber zeigte sich ein ungebrochenes Verhältnis zur eigenen Tradition – als ob es nicht auch in der Geschichte des Vereinigten Königreichs tiefdunkle Stellen gäbe.

Ist eine Monarchie gut für den nationalen Zusammenhalt? Das jedenfalls behauptete nach der Veranstaltung ein ansonsten unsentimentaler Brite. Eine Königin könne man lieben und verehren. Einen Staat könne man schätzen. Die meisten Politiker aber müsse man leider ertragen.

Cora Stephan ist Publizistin und Schriftstellerin. Ihr jüngstes Buch heisst: «Lob des Normalen. Vom Glück des Bewährten.» Finanzbuch-Verlag. 240 S., Fr. 26.90