Peter Ruch

Der Herr ist nahe allen, die ihn anrufen, allen, die ihn ernstlich anrufen (Psalm 145,18, Lutherbibel). – Dieser Satz tönt so, als sei dem Verfasser bei der Niederschrift noch etwas in den Sinn gekommen, das er unbedingt einfügen wollte. Nun stehen die beiden Fassungen nebeneinander und lassen aufhorchen. Zuerst vernimmt der Leser die erfreuliche Zusage, dass Gott denen nahe ist, die mit ihm das Gespräch suchen. Das Gespräch bringt ja auch Menschen zusammen – doch hier stocke ich schon. Es gibt Gespräche, die keine Annäherung bringen, sondern Entzweiung. Das hat etwas mit dem zu tun, was der Psalmdichter «ernstlich» nennt. Die Zürcher Bibel 2007 hat die Stelle ebenso treffend mit «wahrhaft» übersetzt. Das hebräische Wort ämät heisst Treue, Glaube und Wahrheit.

Manche Gespräche sind keine wahrhaftigen Gespräche, weil sie nicht das Verstehenwollen zum Ziel haben. Manche Gebete führen einen nicht näher zu Gott, weil sie von blosser Routine, von Selbstdarstellung oder moralischen Zwängen getrieben sind. Und es kommt auch vor, dass Berufsleute ohne Ernst arbeiten, möglichst rasch, nur auf den äusseren Schein bedacht. Und es gibt Menschen, die einen öffentlichen Auftrag ausführen und dabei vorwiegend die Eitelkeit pflegen oder indoktrinieren und manipulieren. Speziell die Medien versäumen die Erfüllung ihres Auftrags im grossen Stil. In Analogie zum Psalmvers sollte jedoch alles ernstlich getan werden.

Der Staatssender SRF dokumentiert den Unterschied: «Achtung, Falschfahrer!», höre ich am Radio und wundere mich nach dem ersten Schrecken, dass nicht «Falschfahrerin oder Falschfahrer» gesagt wurde. Bei dieser ernsten Meldung verzichtet SRF auf die penetrante Genderseuche. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass alle anderen SRF-Sendungen nicht ganz ernstgemeint und also auch nicht ernstzunehmen sind.