Die israelischen Streitkräfte rücken seit Tagen Schritt für Schritt im Gazastreifen vor. Derweil nimmt der Druck auf Israel weltweit zu. Der Auslöser dieses Krieges scheint beinahe vergessen. Der bestialische Angriff der Hamas-Terroristen auf Israel am 7. Oktober, bei dem 1400 Menschen abgeschlachtet und mehr als 200 Geiseln entführt wurden, wird von der täglichen Bilderflut aus Gaza, die Opfer israelischer Angriffe zeigen, überlagert.

Rufe nach einem Waffenstillstand werden laut. Selbst die USA fordern von Israel eine Feuerpause. Das wäre ein Fehler, warnt der Kriegshistoriker Victor Davis Hanson. Sollte Israel nun die Waffen ruhenlassen, ja selbst auch nur eine Gefechtspause einlegen, würde es verheerende Signale an seine Feinde entsenden. Die Hamas, die Hisbollah und der Iran würden israelische Milde als Zeichen der Schwäche verstehen und könnten versucht sein, selbst mit kriegerischen Mitteln einzugreifen.

«Wenn man verhältnismässig vorgeht, endet man in einem Stalingrad oder Verdun.»Weltwoche: Professor Hanson, sehen Sie Parallelen in der Geschichte zu diesem Krieg, den die israelische Armee (IDF) jetzt in dem dichtbesiedelten Gazastreifen führt?

Victor Davis Hanson: Ja. Es sind klassische Belagerungen, bei denen sich die städtischen Verteidiger verbarrikadieren und sogar unterirdisch verstecken, sei es die letzte römische Belagerung Karthagos 146 v. Chr. oder in der Neuzeit der amerikanische Einsatz in Falludscha oder Mossul. Die erfolgreiche Strategie ist niemals frontal, sondern vielschichtig und läuft über verschiedene Orte.

Weltwoche: Die israelische Armeeleitung teilt mit, man habe den Gazastreifen zweigeteilt. Wie sieht Ihrer Meinung nach die Strategie aus, mit der die IDF vorgeht?

Hanson: Sie greifen einen Punkt an, halten ihn und besetzen ihn. Gleichzeitig schlagen sie in einem Umkreis von 360 Grad an verschiedenen Stellen zu. Dann halten sie die jeweilige Stellung, sprengen einen Tunnel, schalten die Hamas aus und ziehen weiter. Ähnlich wie Tintenkleckse scheinen sich die eroberten Gebiete zu einem Ganzen zusammenzufügen.

Weltwoche: Wie gehen sie das gefürchtete Tunnel-Labyrinth an?

Hanson: Ich denke, dass sie jetzt den Kreis um das (Gaza-)Zentrum geschlossen haben. Das würde bedeuten, dass die Tunnel, die wie Speichen vom Zentrum ausgehen, irgendwann abgeschnitten werden. Nicht, dass sie ganz zerstört werden, aber sie werden abgeschnitten, so dass die Menschen im Zentrum nicht mehr in die Peripherie gelangen können. Ich denke, dass die Hamas-Mitglieder, die sich in dem unterirdischen Labyrinth befinden, dann nicht mehr herauskommen können. Das steht im Gegensatz zu der Vorstellung, dass die Israeli einfach einsteigen und einen Tunnelmarsch unternehmen könnten. Das, was sie meines Erachtens unternehmen, wird zeitaufwendiger sein, aber es wird weniger Opfer kosten, und es wird letztendlich effektiver sein, weil sie die Tunnel zum Nachteil der Leute nutzen, die sich darin befinden. Die Hamas-Leute glauben, sie seien sicher, aber die Israeli versuchen, die Tunnel zu einem Ort zu machen, in dem sie gefangen sind und nicht herauskommen können.

Weltwoche: Die meisten Palästinenser im Norden sind dem Aufruf Israels vor der Invasion gefolgt und in den Süden des Gazastreifens geflüchtet. Wohin werden diese Zivilisten gehen, wenn Israel in den Süden vorrückt, um die Hamas-Netzwerke dort zu zerstören?

Hanson: Ich denke, einige werden in die Orte im Norden zurückkehren, die sie von der Hamas geräumt haben. Ich erwarte, dass einige von ihnen in Gegenden ausserhalb der urbanen Ballungszentren gehen werden, und einige von ihnen werden vielleicht ins Westjordanland gehen. Das Problem ist, dass keines der arabischen Länder, die die Hamas nachdrücklich unterstützen, bereit ist, in den Gazastreifen zu investieren oder den Flüchtlingen zu erlauben, aus dem Gazastreifen in ihre Länder zu kommen, auch nicht vorübergehend. Es ist ähnlich wie im Golfkrieg 1991, als 300 000 bis 500 000 Palästinenser (als Arbeiter) in Kuwait weilten, und nachdem Kuwait befreit war, war das Erste, was die kuwaitische Regierung tat, jeden einzelnen Palästinenser zurück ins Westjordanland zu deportieren. Die meisten arabischen Regime fühlen sich nicht sicher mit einer grossen Anzahl von Palästinensern in ihren Grenzen. Viele Gaza-Bürger, die sich dezidiert antiwestlich und pro Hamas positionieren, werden wahrscheinlich versuchen, nach Europa oder in die Vereinigten Staaten zu gelangen. Was ironisch ist, denn wenn man sich ihre Rhetorik – beispielsweise an Massendemos in Europa und in den USA – anhört, hat man den Eindruck, dass sie die westlichen Länder als dekadent oder als pro Israel eingestellt oder als christlich verabscheuen.

«Als die Leichen zur Schau gestellt wurden, jubelten die Zivilisten ihnen zu.»

Weltwoche: Das Terrornetzwerk der Hamas in Gaza zu entwurzeln, ist eine Sache. Aber kann man ihre extremistischen Ideen mit physischer Gewalt besiegen?

Hanson: Der japanische Militarismus, der sowjetische Kommunismus und der Nationalsozialismus in Deutschland waren allesamt getrieben von extremistischen Ideen. Hätten wir dieses Gespräch 1939 geführt, hätten wir sie alle als sehr populär, aufstrebend und mächtig empfunden. 1945 wollte niemand mehr etwas damit zu tun haben. Im Jahr 1989 wollte niemand mehr den Sowjetkommunismus akzeptieren. Die Lehre daraus ist: Wenn man eine Ideologie materiell diskreditiert, sie erniedrigt und der Welt ihr eigenes Versagen und Elend vor Augen führt, dann kehren sich die Menschen von ihr ab.

Weltwoche: Übertragen auf die Hamas, heisst das?

Hanson: Wenn Israel nun in Gaza einen Grossteil der Kommandostrukturen und der Tunnel zerstört und die Menschen sehen, wie die Hamas die Menschen als Schutzschilde benutzt, um ihre eigenen Leute in den Hamas-Zentralen unter Krankenhäusern, Moscheen und Schulen zu schützen, dann werden sie das Elend der Palästinenser als Produkt der Hamas erkennen, wie wir das Elend der iranischen Menschen als Produkt des Mullah-Regimes erkennen.

Weltwoche: Jenseits des eigentlichen Schlachtfelds findet ein Propagandakrieg statt, und es sieht so aus, als ob Israel auf der Verliererseite stünde. In den Nachrichten und in sozialen Medien werden ständig Bilder – viele davon verifiziert – von toten Kindern, zerbombten Häusern und verzweifelten Menschen veröffentlicht. Kann Israel es sich leisten, diesen Propagandakrieg zu ignorieren und sich auf das Schlachtfeld zu konzentrieren?

Hanson: Die Israeli haben keine andere Wahl. Sie müssen ihren Plan zu Ende bringen, die Hamas zu zerstören, sie zu diskreditieren und zu demütigen. Israel muss die Menschen an die Asymmetrie erinnern, dass es seine Raketen zum Schutz der eigenen Zivilisten einsetzt. Die Hamas setzt Zivilisten ein, um ihre Raketen zu schützen. Israel wirft Flugblätter ab und versucht, die Menschen in dem Gebiet, in dem der Angriff bevorsteht, zu warnen. Die Hamas schiesst 7000 Raketen ohne jede Vorwarnung ab, mit der Absicht, Zivilisten zu treffen. Israel muss die Welt daran erinnern, dass die Vereinigten Staaten gegenüber Japan oder Deutschland nicht verhältnismässig vorgingen, als es darum ging, ihre totalitären Regime zu besiegen. Jedes Mal, wenn man verhältnismässig vorgeht, endet man in einem Stalingrad oder Verdun. Man muss unverhältnismässig sein, um den Krieg zu beenden und letztlich Leben zu retten.

Weltwoche: Viele Kritiker Israels sagen, dass die Palästinenser nicht mit der Hamas gleichzusetzen sind, aber trotzdem jetzt einen verheerenden Preis zahlen.

Hanson: Ich denke, sie müssen auch betonen, dass die meisten Menschen in Gaza zwar nicht Mitglieder der Hamas sind, aber als die Hamas in Israel einmarschierte und Menschen abschlachtete, gab es Hunderte von Zivilisten, die ihnen freiwillig folgten, um sich an den Plünderungen, Vergewaltigungen und Morden zu beteiligen. Als die Leichen zur Schau gestellt wurden, jubelten die Zivilisten ihnen zu. Ja, die Hamas war korrupt. Sie war als Regierung ineffektiv und unpopulär, aber einer der Gründe, warum sie unpopulär war, war, dass sie nicht genug Juden getötet hatte. Als sie das am 7. Oktober tat, gewann sie plötzlich eine enorme Popularität in der Bevölkerung, wenn auch vor der israelischen Reaktion. Jetzt befinden wir uns in einer orwellschen Situation: Die Bürger von Gaza, die die Ermordung von Juden bejubelt haben, jubeln jetzt plötzlich nicht mehr. Warum ist das so? Weil die israelische Antwort auf den Terror effektiver sein wird als der ursprüngliche Angriff auf Israel.

Weltwoche: Seit dem Hamas-Massaker besteht die Befürchtung, dass sich der Krieg ausweiten und zu einem Feuersturm in der Region führen könnte. Bislang ist das nicht geschehen. Hisbollah-Führer Hassan Nasrallah sagte letzte Woche, als er sich zum ersten Mal an die Öffentlichkeit wandte: «Alle Optionen liegen auf dem Tisch», aber bisher hat er seinen Kämpfern keinen Marschbefehl erteilt. Bedeutet dies, dass die Abschreckung durch die amerikanischen Schlachtschiffe im östlichen Mittelmeer funktioniert hat? Oder trügt die Ruhe?

Hanson: Das hängt von Israels Verhalten ab. Wenn Israel sich zurückzieht oder eine Feuerpause einlegt oder einen Waffenstillstand eingeht, dann wird es der Hisbollah, der Hamas und dem Iran als schwach erscheinen. Sie könnten nach dem Prinzip intervenieren, dass ihr Eingreifen keine Konsequenzen hat. Wenn Israel hingegen durchhält und die Hamas zerstört, wird die Hisbollah Gaza-Stadt als abschreckendes Beispiel betrachten und sich an Beirut im Jahr 2006 erinnern, als Israel Hisbollah-Provokationen vergolten hat. Sie werden eine Kosten-Nutzen-Analyse anstellen und zum Schluss kommen, dass sich eine militärische Intervention nicht lohnen wird. Hinzu kommt, dass wir im östlichen Mittelmeerraum die grösste Konzentration amerikanischer Macht seit fünfzig Jahren haben. Wir befinden uns zum ersten Mal in unserem Leben in einer Phase, in der es keinen zügelnden Einfluss auf eine westliche Reaktion geben würde, sollte die Hisbollah oder der Iran militärisch intervenieren.

«Und dann kam Biden und liess die Idee Obamas einer Annäherung an den Iran aufleben.»Weltwoche: Russland und China sind nicht erpicht darauf, sich zu engagieren.

Hanson: Russland ist in der Ukraine gefangen. Es wird nicht auf der Seite des Iran oder der Hisbollah intervenieren. China wird sich ebenfalls nicht einmischen. Es interessiert sich nur für das Öl aus der Region und ist darauf aus, den Vereinigten Staaten zu schaden, aber wird sich aus dem militärischen Konflikt heraushalten. Europa wird die Vereinigten Staaten nicht unter Druck setzen, nicht zu reagieren, sollte die Hisbollah eingreifen. Und auch die gemässigten arabischen Staaten – Ägypten, Jordanien, die Golfmonarchien – werden den Vereinigten Staaten oder Israel nicht sagen: «Bitte greift den Iran oder die Hisbollah nicht an, wenn sie euch angreifen.»

Weltwoche: Wir haben eine Annäherung der Regierung Biden an den Iran erlebt. Biden hat versucht, die Atomgespräche zu reaktivieren, und er hat kürzlich einer Zahlung von sechs Milliarden Dollar für einen Geiselaustausch zugestimmt. Und dann kam es zu dem barbarischen Angriff der Hamas, einer Macht, die der Iran seit vielen, vielen Jahren aufgebaut hat. Damit ist eine israelisch-saudische Kooperation, die von Washington gefördert wurde, in weite Ferne gerückt. Es sieht so aus, als ob Bidens Nahoststrategie in Scherben läge.

Hanson: Die Aussenpolitik von Biden hatte einen völligen Fehlstart. Als er 2021 ins Amt kam, erbte er einen stabilen Nahen Osten. Es gab keinen Islamischen Staat, Irans Meisterstratege Soleimani war von der Trump-Regierung ausgeschaltet worden. Die Trump-Administration hatte alle Hilfen für die Hamas und die palästinensischen Behörden gestoppt, sie war aus dem Iran-Deal ausgestiegen, sie hatte den Iran abgeschreckt, sie hatte die Hisbollah gewarnt, dass sie mit voller Wucht getroffen werden würde, wenn sie Amerikaner tötet. Und dann kam Biden und liess die Idee Obamas einer Annäherung an den Iran aufleben. Man war bereit, dafür fünfzig Milliarden Dollar an Öleinnahmen freizugeben, wohlwissend, dass diese in militärische Hilfe für die Hisbollah und die Hamas fliessen würden. Zusammen mit der geostrategischen Situation, in der wir in Afghanistan gedemütigt wurden und geflohen sind und in der wir Putin gesagt haben, dass unsere Reaktion im Fall einer russischen Invasion in der Ukraine davon abhänge, ob es sich um eine grössere oder kleinere Invasion handle, hat das in den Köpfen des Iran, der Hisbollah und der Hamas den Eindruck zementiert, dass die Vereinigten Staaten unter dieser neuen Regierung auf eine Aggression entweder nicht reagieren würden oder könnten.

Weltwoche: Biden hat, wie Sie ausführen, einen stabilen Nahen Osten geerbt. Trump hatte das Abraham-Abkommen ausgehandelt, das den Weg für Handelsabkommen und die militärische Zusammenarbeit Israels mit Bahrain, Marokko, dem Sudan und den Vereinigten Arabischen Emiraten öffnete. Die Abkommen wurden weithin als Schritt in Richtung eines «neuen Nahen Ostens» gesehen. Hat die Hamas diesen Weg zum Frieden in der Region erfolgreich sabotiert?

Hanson: Das hängt davon ab, was jetzt geschieht. Nachdem die Hamas versucht hatte, das Abraham-Abkommen zu zerstören und die arabischen Länder gegen Israel aufzustacheln, stellte sie fest, dass der Grossteil der Welt von der von ihr entfesselten Barbarei angewidert war. Jetzt befinden wir uns in einer weiteren orwellschen Situation, in der die Golfmonarchien Europa und den Vereinigten Staaten zu bedeuten geben: «Wir möchten das Abraham-Abkommen wiederaufnehmen, und wir möchten, dass Israel die Hamas vernichtet, und wir möchten, dass die Vereinigten Staaten, wenn sie angegriffen werden, sicherstellen, dass sie gegen die Hisbollah und den Iran vorgehen. Aber wir sind nicht in der Lage, das öffentlich zu sagen, und wir sind auch nicht in der Lage, uns diplomatisch aus dem Fenster zu lehnen.» Ich denke, je lauter die meisten gemässigten arabischen Länder Israel öffentlich verdammen, desto mehr hoffen sie insgeheim, dass die Hamas zerstört wird.

 

Victor Davis Hanson, 70, ist ein amerikanischer Militärhistoriker. Er studierte klassische griechische und römische Literatur und doktorierte an der Stanford-Universität. Er unterrichtete klassische Literatur und Militärgeschichte an verschiedenen Universitäten und Militärakademien. Seine Bücher wie «The Western Way of War» oder sein Werk über den Peloponnesischen Krieg – «A War Like No Other» – wurden zu Standardwerken.

Die 3 Top-Kommentare zu "«Feuerpause wäre ein Fehler»"
  • Bernt Bieri

    Was denken Sie, was die Hamas oder der Iran für ein Denken haben? In deren Augen ist noch verhältnismässig, wenn Israel zerstört ist und weltweit jeder Jude tod ist.

  • Jacob Tomlin

    Würde mir gefallen, wenn die Terroristen im Tunnel blieben für ziemlich lange.

  • juege

    Mit Moslems kann man nicht verhandeln - siehe Camp David.