Es klingt nach Science-Fiction, ist aber Realität: Forscher haben nachgewiesen, dass der Alterungsprozess überlistet und hinausgezögert werden kann. Älter werden sei ein «reversibler Prozess», sagt David Sinclair, eine Koryphäe der Altersforschung. Der Ko-Direktor des Paul F. Glenn Center for Biology of Aging Research an der Harvard Medical School hat mehrfach nachgewiesen, zuletzt im Januar, dass ein Jungbrunnen kein Hirngespinst ist. Der Harvard-Professor für Genetik – ein Rockstar in Sachen Langlebigkeit – vermutet, dass jemand, der heute lebt, der erste Mensch sein wird, der seinen 150. Geburtstag feiert.

Optimistisch ist auch Rob Konrad Maciejewski, Mitbegründer und CEO von Biolytica in Zug: «Wer heute zwischen dreissig- und vierzigjährig ist, hat eine Lebenserwartung von über hundert Jahren», sagt er im Gespräch mit der Weltwoche.

Moderner Methusalem

Maciejewskis Firma hat eine Datenplattform entwickelt, die präventiv orientierte Kliniken, Ärzte oder Gesundheitscoachs nutzen können. Die Plattform ermöglicht es, Gesundheitsdaten aus verschiedenen Quellen wie Genetik, Wearables oder Ernährungsgewohnheiten zu aggregieren, visualisieren und analysieren. So entstehe ein besseres Verständnis über die Vorgänge im Körper, das die Grundlage für Prävention von Krankheiten und zur Optimierung der Gesundheitsspanne liefere, sagt Maciejewski und deklariert ein ehrgeiziges Ziel: dass 75-Jährige eine Lebensqualität wie Fünfzigjährige haben, ohne chronische Krankheiten wie Diabetes, Parkinson, Demenz oder Krebs.

In der Schweiz gebe es zahlreiche unternehmerische Initiativen für die Langlebigkeit, sagt Maciejewski: «Geplant ist ein Campus für diese Forschung in Basel oder in Zug.»

Auf dem Gebiet der Anti-Aging-Forschung ist auch Amazentis aktiv, ein Start-up aus der Westschweiz, das mit dem Centre hospitalier universitaire vaudois und mit Nestlé Health Science kooperiert. Das 2007 von ETHL-Forschern gegründete Unternehmen will dem Muskelschwund im Alter entgegenwirken und hat dazu Nahrungsergänzungsmittel entwickelt. Erste Studien am Menschen zeigen, dass damit die Gesundheit der Muskelzellen verbessert werden kann.

Dem modernen Methusalem sind auch ETH-Forscher auf der Spur: Zusammen mit Kollegen der University of Liverpool und der Harvard Medical School haben sie nachgewiesen, dass Rilmenidin, ein Mittel gegen hohen Blutdruck, umfunktioniert werden kann, um die individuelle Lebensdauer zu verlängern. Tiere, die mit Rilmenidin behandelt wurden, würden etwa 20 Prozent länger leben als die Kontrollgruppe. Für seine Forschung erhält Collin Ewald (ETHZ), der die Swiss Society for Aging Research gegründet hat, vom Schweizerischen Nationalfonds während sechs Jahren Fördergelder im Umfang von 2,6 Millionen Franken.

«Wir sind längst über das Stadium der Hoffnung und Versprechen hinaus.»Big Pharma ist bei der Forschung gegen das Altern bisher zwar nicht gross eingestiegen. Sie verdiene an jenen Geld, die früh krank würden und dann ein Leben lang auf Medikamente angewiesen seien, sagt Maciejewski, dessen Start-up weltweit fünfzig Angestellte hat, vier davon in Zug.

Aber mit dabei sind Forscher von Roche: Sie konzentrieren sich «auf die Verlängerung der Gesundheitsspanne – und nicht auf die Verlängerung der Lebensspanne», erklärt Henri Jasper, Principal Fellow, Immunologieforscher bei der Roche-Tochter Genentech. Das sei das «bei weitem wichtigere Ziel der Alternsforschung und der Wissenschaft der regenerativen Medizin». Die letzten Jahre und Jahrzehnte des Lebens als gesund zu verbringen, sei für viele Menschen der grösste Wunsch.

Roche und Genentech stehen laut Jasper an der Spitze der Alternsforschung. Konkret nennt er die Suche nach Regeneration von Zellfunktionen in Geweben und Organen sowie die Korrektur von Prozessen, die bei altersbedingten, entzündlichen oder chronischen Erkrankungen gestört sind. Eine Vielzahl altersbedingter Krankheiten könnte davon profitieren – zum Beispiel die Umkehrung der Degeneration bei Alzheimer oder die Wiederherstellung der Lungenfunktion bei fortschreitenden Krankheiten wie idiopathischer Lungenfibrose.

«Wir sind längst über das Stadium der Hoffnung und Versprechen hinaus», sagt Nir Barzilai, der das Institut für Altersforschung am New Yorker Albert Einstein College of Medicine leitet. «Wir können dem Tod zwar immer noch nicht entfliehen, aber wir haben gelernt, ihm zuvorzukommen», davon ist der israelisch-amerikanische Mediziner überzeugt, der sich seit dreissig Jahren mit der Anti-Aging-Wissenschaft beschäftigt.

Hirn verjüngen, Muskeln aufbauen

Auf der Suche nach dem Lebensbrunnen gibt es weltweit bereits vielversprechende Resultate. So hat ein britisch-italienisches Forscherteam bei Hundertjährigen ein Anti-Aging-Gen gefunden, welches das biologische Alter des Herzens nachweislich um zehn Jahre zurückdrehen kann. In einer Petrischale liessen sich verwelkte Hautzellen eines 101-Jährigen zurückverwandeln, so dass sie sich verhalten, als wären sie nie gealtert. In einem Labor in Boston konnte man alten, blinden Mäusen nicht nur ihre Sehfähigkeit zurückgeben, sondern auch das Hirn verjüngen und die Muskelkraft neu aufbauen.

Dass die Verlängerung des Lebens kein Luftschloss ist, zeigt ein Blick auf die Statistik: Von 1900 bis 2020 hat sich die Lebenserwartung mehr als verdoppelt und beträgt heute 73,4 Jahre. Die Kosten dieser Verlängerung sind indessen beachtlich, und zwar in Form chronischer und degenerativer Krankheiten – Alzheimer, Krebs oder Diabetes, um nur einige zu nennen.

Kosten des Alterns

Macht es da noch Sinn und lässt es sich ethisch rechtfertigen, das Leben um jeden Preis zu verlängern? Auf jeden Fall, sagt Andrew Steele, der nach seinem Physikstudium an der Universität Oxford beschloss, dass das Altern die wichtigste wissenschaftliche Herausforderung unserer Zeit sei und auf Computerbiologie umsattelte. Der Kampf gegen das Altern, sagt er, solle menschliches Leiden im letzten Lebensabschnitt verringern, Krankheiten, Gebrechlichkeit und kognitiven Zerfall verhindern sowie die Gesundheit, Würde und Unabhängigkeit der Menschen im Alter erhalten: «Jeder moralische Einwand gegen die Behandlung des Alterns», so Steele, «müsste schwerwiegender sein als diese enorme Belastung durch Leiden und Tod und die hohen wirtschaftlichen Kosten des Alterns, um wirklich entscheidend zu sein.»

Inzwischen lassen Investoren Milliarden springen, um dem alten Traum von der Verjüngung näherzukommen. Die Anti-Aging-Branche wird bis 2025 einen Wert von 610 Milliarden Dollar haben, erwarten Experten und sprechen von einer «Boom-Branche». Ein ökonomisches Interesse daran hat zum Beispiel die Versicherungswirtschaft. Sie hofft, mit Hilfe der Anti-Aging-Resultate Krankheiten vermeiden zu können. Die saudische Königsfamilie will gegen die im Wüstenreich verbreitete Diabetes vorgehen. Sie hat mit einer Milliarde Dollar die Hevolution Foundation gegründet, die nach Möglichkeiten zur Verlängerung der Lebenserwartung bei guter Gesundheit forschen wird.

Investoren lassen Milliarden springen, um dem Traum von der Verjüngung näherzukommen.Eine landesweite Datenbank soll entstehen, um die erste individualisierte genetische Karte der saudischen Gesellschaft zu dokumentieren. Westliche Kritiker stossen sich allerdings an der Pflicht, persönliche genetische Angaben einzuspeisen. Weniger umstritten, aber ebenso ambitiös sind die Forscher der Methusalem-Stiftung aus Virginia. Sie haben es sich zum Ziel gesetzt, in sieben Jahren die «neunzig zu den neuen fünfzig zu machen». Das wollen sie mit Gewebezüchtung und der regenerativen Medizin erreichen.

An der Forschung gegen das Altern beteiligen sich auch prominente Silicon-Valley-Unternehmer, zum Beispiel Paypal-Mitbegründer Peter Thiel und Larry Ellison von Oracle, die Google-Gründer Sergey Brin und Larry Page oder Amazon-Gründer Jeff Bezos.

Und David Sinclair, der Pionier der Altersforschung, macht keinen Hehl aus seiner Mission, das Altern, auch sein eigenes, zu verhindern oder zumindest zu verzögern. Er hat mehr als ein Dutzend Unternehmen gegründet und in sie investiert, um Technologien und Moleküle für die Langlebigkeit zu finden.

Mitunter sorgen Langlebigkeits-Freaks für Schlagzeilen. Zum Beispiel Bryan Johnson, ein 45 Jahre alter Biotechunternehmer aus Utah. Er habe sein «biologisches Alter um mindestens fünf Jahre reduziert», gab er dem Wirtschaftsmedium Bloomberg zu Protokoll. Er habe jetzt das Herz eines 37-Jährigen und die Lungen eines jungen Menschen. Diese Verjüngungskur lässt er sich allerhand kosten. Er habe dafür rund zwei Millionen Dollar pro Jahr investiert, habe ein Team von «Verjüngungsdoktoren» und mehr als dreissig Gesundheitsexperten angestellt. Der Erfolg sei sichtbar: Er habe mittlerweile die Haut eines 28-Jährigen.

Medikamente im Selbstversuch

Der Kampf gegen das Altern muss nicht unbedingt teuer sein. Nir Barzilai plant eine grossangelegte Studie, um zu testen, ob ein billiges Diabetesgenerikum, Metformin, die Lebenserwartung um Jahre verlängern kann. Pharma-Multis, sagt er, seien bei der Altersforschung in der Regel zwar zurückhaltend, zumal es sich bei Anti-Aging-Substanzen oft um Präparate handle, bei denen der Patentschutz abgelaufen sei.

Sollten die Behörden das Nachahmerprodukt für die neue Indikation aber zulassen, würden auch Pharmafirmen und arrivierte Biotech-Unternehmen ins Geschäft mit der Langlebigkeit einsteigen, meint Barzilai. Der studierte Mediziner will jedoch nicht warten, bis die ersten Präparate für Indikationen gegen das Altern zugelassen sind. Er verschreibt sich deshalb als Selbstversuch Medikamente, die ihn jung halten sollen.

Auf die Frage nach einem Geheimtipp sagt er: «Informieren Sie sich bei Ihrem Hausarzt.» Und dämpft dann gleich die Erwartungen: «Die sind allerdings meistens sehr konservativ.»