Ich präsidiere den Theaterverein in Bellwald, meinem ehemaligen Wohnort. Seit knapp einem Jahr bin ich nun in Lax. Dort gebe ich Geräte- und Muki-Turnen. Vor allem aber bin ich in der freiwilligen Feuerwehr, sie prägt mein Leben. Wenn nicht gerade Corona ist, leite ich als Offizier Übungen und Einsätze. Die Vielseitigkeit erfüllt mich: Als Feuerwehr helfen wir nämlich nicht nur, wenn’s brennt, sondern auch bei Strassenrettungen und vielem mehr.

Schon mein Vater war Feuerwehrmann. In Bottenwil, Kanton Aargau, wuchs ich in der Nähe des Feuerwehrlokals auf. Die Übungen fand ich total cool, mich faszinierten auch die Einsätze, wenn alle seckeln mussten. Als Kind war ich der Sport-Typ, ich wollte Sportlehrerin werden. In meinem Leben gab es fast nur Sport.

 

Bloss fünf Frauen

Nach meiner Lehre in einem Sportgeschäft zog ich ins Wallis. Ich unterrichtete für zwei Saisons als Skilehrerin. Danach, mit 25 Jahren, wechselte ich zum Pistenrettungsdienst. Im Sommer fragte mich jemand, ob ich in die Feuerwehr kommen wolle. Ich zögerte keine Sekunde, es zog mir voll den Ärmel rein. Feuer fasziniert mich, auch wenn es Schaden anrichten kann. Es ist warm, macht hell – und ich bin ein Zeusli. In unserem Ofen feuere ich wahnsinnig gerne ein. Beim Bräteln stochere ich immer in der Glut rum. Ich liebe Feuerwerk, die Funken und Sternchen, vor allem aber das Anzünden.

Nach dem einwöchigen Einführungskurs wusste ich über das Feuerwehrmaterial Bescheid und konnte simple Sachen, wie einen Hydranten aufschrauben. Durch den Gruppenführerkurs wurde ich Korporal. Ich dachte: Wenn schon, denn schon, und so wurde ich Offizier, leitete Einsätze. Ich kenne taktische und technische Details, muss immer ruhig und klar bleiben und darf ja nicht übereifrig sein. Als Frau hatte ich nie Angst, es körperlich nicht schaffen zu können, auch wenn ich nur 1,56 Meter gross bin. Mir war bewusst, dass ich Schläuche schleppen muss – zu schwer waren sie mir nie. Es war sicher nicht einfach in dieser Männerwelt, und ich musste mich beweisen. Aber heute sage ich den Männern, was sie machen müssen. Insgesamt sind wir nämlich bei 160 Mann nur fünf Frauen im Untergoms.

Wenn es ernst gilt, haben wir ein Meldesystem: Stufe Blau ist nicht so schlimm, dann kommt Gelb, und wenn Rot ist, rücken alle aus. Ich bin in fünf Minuten einsatzbereit, meine Ausrüstung trage ich in weniger als einer Minute auf mir. Im Wagen mit Blaulicht bin ich voller Adrenalin. Ich weiss, ich muss Vollgas geben, weil ich vom Schlimmsten ausgehe. Wenn ich sehe, es ist nicht so schlimm, bin ich schon fast beruhigt.

Ich sehe immer wieder Brände, die mich flashen. Ein Vollbrand ist heftig – wie der im letzten Jahr: Ein Kind wachte wegen des Feuermelders auf. Was, wenn es – wie die Eltern – nichts gehört hätte? Solche Sachen beschäftigen mich. Tote gab es bei mir zum Glück noch nie, Menschenleben haben oberste Priorität. Dass meine Fehler Leben kosten könnten, ist mir bewusst. Daher schauen wir mit einer Schadensskizze, welche Rettung zuerst erfolgt. Wir priorisieren kein Leben, auch wenn die Person 89-jährig ist.

Schade ist, dass die Feuerwehr in der Schweiz belächelt wird. Viele denken, wir machen das, um nach den Übungen Bier saufen zu gehen. Dabei sind wir sehr pflichtbewusst, unsere Arbeit hat sich enorm entwickelt. Ein Dorf ohne Feuerwehr könnte nicht funktionieren – vor allem nicht ohne Freiwilligkeit. Ich bin daher stolz, ist meine Tochter bei der Jugendfeuerwehr, auch wenn sie ihr Herz ans Eishockey verloren hat. Sie spielt beim EHC Visp – das ist auch so eine spezielle Welt.

 

Aufgezeichnet von Roman Zeller