Studiert hat sie Psychologie, gelegentlich kellnert sie im Restaurant ihrer Eltern im St. Galler Rheintal, wo sie aufwuchs und sich mit ihrem vier Jahre jüngeren Bruder Mike um die Fernbedienung prügelte – «der Klassiker», erinnert sich Stephanie Egger.

Sein Weg führte auf die höchste Bühne der Schweizer Politik, in den Nationalrat für die SVP. Schwester Stephanie misst sich in den Käfigen dieser Welt mit Kämpferinnen der Bantam-Gewichtsklasse: Die 34-Jährige ist die beste Schweizerin in Mixed Martial Arts (MMA), einer Kombination verschiedener Kampfsportarten, bei der fast alles erlaubt ist – ohne Kopfschutz, mit nur leicht gepolsterten Boxhandschuhen.

Seit zwei Jahren kämpft Egger in der UFC, der Champions League ihres Sports. Ob in Las Vegas, Abu Dhabi oder wie vor zwei Wochen in Paris: Stephanie Egger kämpft schonungslos, würgt, boxt, kickt, auch wenn ihre Gegnerinnen am Boden liegen. Wenn viele wegschauen, weil es zu brutal ist, kommentiert Profi-Freefighterin Egger: «Für mich ist das normal.»

Weltwoche: Frau Egger, wie wächst ein Mädchen auf, das später im Käfig kämpft?

Stephanie Egger: Meine Mutter sagt, ich sei anstrengend gewesen. Mit viel Energie. Also suchte sie etwas, bei dem ich mich austoben konnte: Skifahren, Fussball, aber auch Kampfsport. Meine Eltern sagten nie, etwas sei nur für Buben oder nur für Mädchen. Mit fünf kam ich zum Judo, das gefiel mir. Ich konnte machen, was ich wollte. Wenn ich es mache, soll ich harte Arbeit reinstecken, nur so kann ich etwas erreichen – das habe ich von der Mutter mitbekommen.

Weltwoche: Welchen Stellenwert hatten Puppen in Ihrer Kindheit?

Egger: Ich liebte Barbies! Ich wünschte sie mir immer zu Weihnachten. Ich hatte zwei Seiten: Ich war das Mädchen, das im Röckchen mit den Buben Fussball spielte. Und mit meinen Freundinnen waren es Barbies und Bäbi.

Weltwoche: Mit fünf kamen Sie zum Kampfsport. Was fasziniert Sie daran derart, dass Sie noch heute im Ring stehen?

Egger: Als Mädchen habe ich gerne gekämpft, mich gerne gemessen. Als erwachsene Frau ist Freefight für mich das Ultimative. Nichts ist schwieriger, vielschichtiger. Man ist nie perfekt, sondern muss ständig an sich arbeiten. Diese Komplexität fasziniert mich.

Weltwoche: Wie kam der Kampf im Käfig in Ihr Leben?

Egger: Im Jiu-Jitsu-Training sahen sie, dass ich Potenzial habe, vor allem im Bodenkampf, wegen des Judo. Sie fragten, ob ich nicht für den Käfig trainieren wolle. Und bald hiess es, ich hätte ein Kampfangebot. Ich dachte: «Ich probier’s.» Und dann stand ich plötzlich im Ring.

Weltwoche: Und? Wie war das?

Egger: Es war ein Unterschied zum Judo, auch da war ich nervös gewesen. Aber ein MMA-Fight ist anders: Eins gegen eins, es kann richtig weh tun. Die Nervosität ist intensiver, obwohl ich beim ersten Mal nur leicht angespannt war. Ich dachte so: «Jaja, das wird schon laufen» – weil ich nicht wusste, was mich erwartete. Ich dachte: «Ich geh’ rein, mache einen Wurf und – zack, zack! – liegt sie auf dem Boden.» Ich war naiv. Heute bin ich vor dem Kampf richtig nervös.

Weltwoche: Wie gelang der Durchbruch zur Profikämpferin?

Egger: Ich war zur richtigen Zeit am richtigen Ort, in Japan, wo ich vor 15 000 Zuschauern kämpfte, eine richtig gute Show. Darauf fiel eine Kämpferin in Abu Dhabi aus, in der UFC. Sie fragten, ob ich einspringen wolle. Und ich dachte: «Warum nicht?» Leider verlor ich nach Punkten. Aber ich bekam einen Vier-Kämpfe-Vertrag. Seither kämpfe ich professionell.

Weltwoche: Was heisst das? Wie bereiten Sie sich auf Ihre Kämpfe vor?

Egger: Ich brauche ein intensives Trainingscamp für mein Selbstbewusstsein. Vor dem Kampf muss ich mir sagen können, dass meine Gegnerin niemals so viel trainiert hat wie ich.

Weltwoche: Wie ernähren Sie sich? Immer wieder sorgen vegane Sportler für Aufsehen.

Egger: Lustigerweise bin ich das Gegenteil. In der Vorbereitung führe mir ich viel Protein zu. Das heisst: viel Fleisch, Eier, Gemüse, Salat, ein bisschen Kohlenhydrate und keinen Zucker.

Weltwoche: Könnten Sie sich überhaupt vorstellen, vegan zu leben?

Egger: Nein, denn erstens esse ich gerne Fleisch – ich komme aus einer Restaurant-Metzger-Familie. Und ich habe das Gefühl, mein Körper braucht Fleisch. Wenn ich auf Kohlenhydrate verzichte und nur Salat esse, wird das Training zäch. Ich fühle mich dann, als hätte ich keine Power, als wäre die Energie viel zu schnell verbrannt. Ich kann aber nur für mich reden. Jeder soll’s machen, wie er will.

Weltwoche: Was ist das Aufregendste, wenn Sie im Ring stehen?

Egger: Die abgeschlossene Challenge. Mein Training ist so intensiv, für Geist und Körper, da ist es unglaublich befriedigend, wenn ich im Ring stehe und weiss, der ganze Prozess war erfolgreich, ich habe alles richtig gemacht. Dann fällt die Last von mir ab. Und ich spüre die Euphorie.

Weltwoche: Haben Sie einen Paradeangriff?

Egger: Ich werfe gerne Leute durch die Luft. Und am Boden ist mein Lieblings-Move ein Armhebel: Ich überstrecke der Gegnerin den Arm, bis er im schlimmsten Fall bricht. Zum Glück haben sie vorher immer abgeklopft.

«Wir sind Frauen. Und das wollen wir zeigen. Wir müssen nicht rumlaufen wie Männer.»

Weltwoche: Und wenn man jemanden k.o. schlägt, was ist das für ein Gefühl?

Egger: Das Interessante ist, man merkt sofort, wenn man gut trifft. In dem Moment freue ich mich, weil die ganze Last von meinen Schultern abfällt. Im zweiten Schritt denke ich aber an die Gegnerin und hoffe, dass es ihr gutgeht, sie wieder hochkommt und okay ist.

Weltwoche: Was eint Frauen, die kämpfen?

Egger: Wir sind sehr verschieden. Manche sind ruhig, fast schüchtern, andere hochgradig extrovertiert. Das Einende ist wohl, dass wir uns messen wollen, dieser Ehrgeiz zu gewinnen. Einen Prototyp gibt es nicht, auch nicht von der Figur her. In MMA kann man gross und dünn sein oder klein und kräftig. Man kann seinen Stil an Körper und Charakter anpassen.

Weltwoche: Wie denken Sie über Make-up, falsche Wimpern, Haar-Extensions?

Egger: Ich bin offen. Ich färbe meine Haare auch und mache mich gern hübsch. Natürlich nicht vor dem Training, das macht keinen Sinn. In MMA gibt’s alles: Kämpferinnen, die sich die Nägel, Haare, Brüste machen oder sich die Lippen aufspritzen. Das ist nichts Neues. Wir sind Frauen. Und das wollen wir zeigen. Wir müssen nicht, nur weil wir Kampfsport machen, rumlaufen wie Männer.

Weltwoche: Würden Sie denn gegen einen Mann kämpfen?

Egger: Nein.

Weltwoche: Warum nicht?

Egger: Im Training kämpfe ich mit Männern, aber halt nicht gegen einen Achtzig-Kilo-Mann. Der Gewichtsunterschied wäre zu gross, die Kräfteverhältnisse wären unfair. Auch gegen einen Mann mit gleichem Gewicht, gleichem technischen Niveau habe ich keine Chance. Er ist schneller, kräftiger. Es ist ein Riesenunterschied, ob ein Sechzig-Kilo-Mann einem ins Gesicht schlägt oder eine Sechzig-Kilo-Frau. Ist er technisch schlechter, wäre es anders. Aber in der UFC gegen einen Mann aus der Bantam-Gewichtsklasse – nein danke! Ich weiss, das will die Gesellschaft nicht hören. Ich würde auch lieber sagen, Frauen seien gleich stark wie Männer, aber es ist leider nicht so. Das spüre ich täglich im Training.

Weltwoche: 2021 gewann eine Transsexuelle einen Profikampf. Was, wenn Ihnen plötzlich so ein Mann als Frau gegenüberstünde?

Egger: Wenn ich mit diesem einen Kampf finanziell ausgesorgt hätte, würde ich es wohl machen. Ich denke aber, es ist ein schwieriges Thema, gerade in unserem Sport, der sehr physisch ist und auch zu Verletzungen führen kann. Ich habe absolut kein Problem, wenn sich ein Mann als Frau fühlt. Aber man sollte sich dann vom Frauenprofisport zurückziehen, die Vorteile sind schlicht zu gross. Das Argument, der Testosteronwert könne runtergesetzt werden, reicht für mich nicht aus. Der Körper – die Muskulatur, die Knochendichte – ist bei Männern anders, das Herz grösser. Männer sind physisch im Vorteil. Und in MMA wird’s gefährlich. Da müssen unbedingt Lösungen gefunden werden, zum Schutz der Sportlerinnen.

Weltwoche: Was wäre die Ideallösung?

Egger: Schwierig. Man müsste wahrscheinlich wirklich eine Art eigene Liga schaffen.

Weltwoche: Man hört oft, Frauen werden begrapscht und belästigt. Passiert Ihnen das auch?

Egger: Ich mache nicht so viel Party. Aber klar kommt es vor, dass mir jemand unangenehm nahekommt. Ich bin dann selbstbewusst genug, um zu sagen: «Stop! Hier ist meine Grenze!»

Weltwoche: Was raten Sie Frauen, die in eine brenzlige Situation geraten?

Egger: Wichtig ist, klare Grenzen zu setzen. Dass man nein sagen kann, wenn es einem zu viel wird. Bezüglich Selbstverteidigung bin ich vorsichtig. Wie effizient diese Dreitageskurse sind, weiss ich nicht.

Weltwoche: Ein Schlag vom Profi, der nützt?

Egger: Zwischen die Beine kicken oder in die Augen fassen. Also nichts, was in MMA erlaubt wäre. Am besten aber ist es, solchen Situationen immer aus dem Weg zu gehen.

Weltwoche: Was lernt man vom Freefight fürs Leben?

Egger: Man lernt sich selber kennen, seine Schwächen und Stärken, wobei der Fokus auf den Schwächen liegen muss. Wer sie verdrängt, wird brutal damit konfrontiert. Man lernt, mit Extremsituationen umzugehen. Und dann sicher: Disziplin, harte Arbeit, Teamwork.

Weltwoche: Sie sind jetzt 34-jährig: Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Egger: Schwer zu sagen. Ich kann schlecht planen, weil es vage ist, wann ich wo kämpfe. Ich hoffe, noch ein paar Jahre kämpfen zu können, im Ranking der UFC aufzusteigen, auch hinsichtlich der Gage. Ich möchte gute Leistungen zeigen, verletzungsfrei bleiben. Und später vielleicht eine Familie.

Weltwoche: Geht das überhaupt zusammen: Schwangerschaft und Kampfsport?

Egger: Klar, viele UFC-Frauen haben Kinder. Die machen dann eine Pause. Und sobald das Kind da ist, kommen sie zurück. Früher hiess es, Kinder bedeuten das Ende der Sportkarriere. Das hat sich geändert.

Weltwoche: Wie viele Kinder wünschen Sie sich?

Egger: Das weiss ich noch nicht. Das beurteile ich, sobald ich weiss, wie’s mit dem ersten läuft. (Lacht)

Die 3 Top-Kommentare zu "«Ich werfe gerne Leute durch die Luft»"
  • Ozy Online

    Sie haben eine blühende Phantasie und doch keine Ahnung, auch im MMA gibt es Regeln, aber halt nur wenige die wichtig sind. Und Neu ist es auch nicht, gibt's schon dreißig Jahre.

  • Ozy Online

    MMA, der echteste Kampfsport überhaupt. Schade dass er in der Schweiz so selten am TV zu sehen ist. Weiter so - go for it!

  • Käsesemmel

    Jeder Kampfsport ist für junge Menschen eine sehr positive Persönlichkeitsbildung. Neben der hohen Fitness erlernt man Respekt, Durchhaltevermögen und auch die Fähigkeit, schwierige und sicher schmerzhafte Situationen zu ertragen und bei guter Vorbereitung zu meistern. Kann man allen Eltern für ihre Kinder nur empfehlen. Ein Geschenk fürs Leben!