Das Foto von Jennifer Aniston, das kurz nach dem Tod ihres Vaters von Paparazzi geschossen wurde und auf dem sie ganz in Schwarz zu sehen ist mit Nippeln, die wie Leitkegel durch den Stoff stechen, ist der Inbegriff dessen, wie sie in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird: als die perfekte Verkörperung von Sexyness und Kummer. Viele Schauspielerinnen werden so angehimmelt wie Aniston, aber niemand schafft es auf ihren Rang bei der Olympiade der millionenschweren Opfer.

«Die arme Jen», wie ihr offizieller Titel in der Klatschpresse lautet, hat sich im Lauf der Jahrzehnte sehr öffentlich ihren Eltern entfremdet, kann keinen Nachwuchs produzieren und wurde immer mal wieder von einem Mann verlassen, wobei ihr im berühmtesten Fall Angelina Jolie Brad Pitt wegschnappte. So kam es zur Lagerbildung mit den entsprechenden T-Shirts, «Team Jen» gegen «Team Angelina». Ich gehörte zu Letzterem, aber viele dumme Frauen, die an einem sogenannten girl code festhalten, fanden, Aniston sei eine «starke Frau» (weil sie sitzengelassen wurde?), und erkoren sie zu ihrem spirituellen Leitstern. Seither ist sie über alle Kritik erhaben, ist ihr Opferdasein der Freipass zum geschützten Raum öffentlichen Wohlwollens.

Sie hat mit 53 für die Zeitschrift Allure posiert und ist zweifellos in Form – wenn man auf männliche Teenager steht. Denn sie sieht eher danach aus als nach der Frau mittleren Alters, die sie ist. Aber schliesslich gibt sie, deren Vermögen auf 320 Millionen Dollar (20 mehr als Brad!) geschätzt wird, für ihr Aussehen jährlich ja auch stolze 200 000 Dollar aus. Doch könnte es sein, dass sie auf der Suche nach der ewigen Jugend ein winziges bisschen langweilig geworden ist? Wenn sie gestresst ist, dann erlaubt sie sich einen (!) Kartoffel-Chip. Ausserdem musste ihr Hund wegen Depressionen behandelt werden.

Aniston ist so reich, dass sie dem Roten Kreuz 500 000 Dollar spenden kann. Aber sie ist auch so reich, dass sie es eigentlich nicht nötig gehabt hätte, für 5 Millionen Dollar Werbung zu machen für die Airline Emirates, und zwar lang bevor der Fussball seine Seele in Katar verkauft hat. Wie kann sie damit klarkommen, als Gesicht einer Region aufzutreten, in der Frauen zur Strafe für vorehelichen Sex ausgepeitscht werden und Gerichte darüber entscheiden, ob eine verheiratete Frau arbeiten darf?

Egal, wie gut sie mit ihrem Milchreis-Appeal beim Publikum ankommt: Es ist schwer vorstellbar, dass sie – wie schon Veronica Lake – für etwas anderes in Erinnerung bleiben wird als für ihre Frisur. Angesichts der Tatsache, dass in den von ihr vertretenen Ländern Frauen ihr Haar bedecken müssen, entbehrt dies nicht der Ironie.

Aus dem Englischen von Thomas Bodmer