Es ist 15.10 Uhr, ein Donnerstag mit schwerem Himmel über Zürich, Madame Amanda Malagnac d’Argens-Tapp, so heisst sie wahrscheinlich mit bürgerlichem Namen, besser bekannt als Amanda Lear, betritt die Räume des Efficiency Club am Rennweg 58, in denen sie ihre Bilder ausstellt. Die Frau, um deren Herkunft und Geschlecht sich stets Gerüchte rankten, ist eine Grande Dame geworden. Sie mag 83 Jahre alt sein, oder 80 oder 75, an diesem Nachmittag scheint sie wie eine alterslose Seele. Lear war vieles: Model, Disco-Queen, Muse, Schauspielerin, Sexgöttin hüben wie drüben, Lyrikerin. Nur Malerin ist sie immer gewesen und vor allem sie selbst.

«Oh, ich liebe das Malen»

Die trägt Turnschuhe, eine bequeme violette Hose, einen blauen Kaschmirpulli und eine leichte, ebenfalls blaue Daunenjacke. Sie ist kaum geschminkt und sieht immer noch aus wie die geschminkte Amanda Lear von einst. Am Abend wird sie ihre Ausstellung eröffnen. Claudio Righetti, ihr Berater und Manager und ein Freund, führt sie in den Ausstellungsraum. Das Erste, was sie sagt, bevor sie sich hingesetzt und ein paar Anweisungen gegeben hat, wie die Bilder zu hängen seien, ist: «Oh, ich liebe das Malen so sehr.» Und dann erzählt sie:

«Ich habe immer gemalt, schon als Kind, wissen Sie, ich hab mit Farben rumgespielt, ich wollte Malerin sein, es war einfach in meinem Kopf und meiner Seele. Ich habe Malerei studiert. Dann wurde ich zuerst Model, eine weltbekannte Fotografie. Da war 1973 das Plattencover von Roxy Music, ‹For Your Pleasure› hiess das Album, ich war da als schwarze Leder-Domina abgebildet, so peitschte ich mich in das Licht der Welt. David Bowie verliebte sich in das Foto, nicht in Amanda, das hat mich geschmerzt. Vielleicht habe ich deshalb diese Lyrics zu meinem ersten Song geschrieben: ‹I am a photograph / I’m better than the real thing›.

Aber ich wollte selbst das reale Ding sein.

Wenn ich male, bin ich ich selbst. Deshalb habe ich, als ich Salvador Dalí kennengelernt habe, ihm gesagt, wir seien Kollegen. Ich wusste, dass er Models für eine Art Luxushuren hielt. Er sagte bloss, Frauen könnten nicht malen. Ich sagte, doch, Frida Kahlo etwa. Er sagte, na ja, aber nie könnten Frauen eine Sixtinische Kapelle malen. Ich verdanke ihm viel, wissen Sie, fünfzehn Jahre lang war ich seine Muse mit den libellenhaften Augen, nicht mehr, nicht weniger, er war mein spiritueller Lehrer, er war impotent. Aber irgendwann war er stehengeblieben, und ich musste weiter. Was soll ich sagen, er war kein Picasso.

Später ging ich immer in mein Haus in der Provence, um zu malen. In Städten geht das nicht. Ich ging in die Provence, als ich eine Disco-Queen war, als ich eine Schauspielerin war, als ich eine Moderatorin war. Wissen Sie, ich hatte eine wundervolle Karriere, ich habe 28 Millionen Platten verkauft, eine Menge Geld verdient, ich hatte wunderbare Männer, ich hatte Glück, ich könnte morgen ohne Bedauern sterben.

«Ich habe immer geliebt, ich bin in Liebe mit allem, mit der Malerei, Männern, Katzen, Apotheken.»

Ich weiss ein wenig, wie sich das anfühlt, ich hatte vor kurzem einen Herzinfarkt. Das zeigte mir, wieder einmal, dass alle Menschen gleich sind, egal, wie berühmt oder unbekannt sie sind. Ich wurde in Zürich operiert. Ich liebe Zürich, all die vielen Apotheken, ich mag das sehr, und ich kaufe dort alles, was ich bekommen kann. Was brauch’ ich noch mehr Kleider? Gute Medizin ist wichtiger.

Marlene Dietrich für die Disco

Manchmal bin ich froh, dass ich nicht mehr jung bin. Die jungen Leute heute, sie sind nicht mehr neugierig, verbringen ihr Leben auf Instagram und werden Influencer. Ich war jung in den 1970ern, und es war grossartig, in den 1970ern berühmt zu sein, da war so viel Kreativität, da war so viel noch nicht, keine Pandemie, keine Ukraine, kein Aids. Wir rauchten Haschisch und nahmen Pillen und machten unsere Kunst. Jedes Mal, wenn ich das Gefühl hatte, dem Leben zu entgleiten, zog ich mich zurück, um zu malen. Das hat mich gerettet.

Ich wollte keine Fotografie mehr sein. Ich wollte singen, ein Rockstar sein. Ich ging nach München, zu Ariola, dem Label. Ich habe sofort begriffen, dass sie eine Marlene Dietrich für Discomusik wollten. Sie sagten, ich soll tiefer singen, noch tiefer, noch tiefer. Eines Morgens um vier, nach unzähligen Drinks und Zigaretten, war meine Stimme nur noch ein Brummen. Das ist es, sagten sie. Und so wurde ich die Disco-Queen mit der tiefsten Stimme der Welt.

Wenn du berühmt wirst, denkst du, du bist privilegiert, kriegst den besten Platz in Restaurants und so weiter, alle lieben dich, aber wenn du klug bist, erinnerst du dich schnell daran, dass du bist wie alle andern. Das ist wichtig. Auch deswegen bin ich immer zurück in die Provence, weil ich dort einfach Madame Malagnac war und bin, sie behandeln mich, wie sie alle behandeln, mal gut, mal schnoddrig, Frankreich eben. Manchmal, wenn mich ein Veranstalter gut bezahlt, lege ich meinen Lidschatten auf und gehe nach Paris oder Rom oder Zürich und gebe eine Vorstellung. Ich nenne es ‹acting the part of Amanda Lear›. Dann gehe ich zurück ins Haus zur Malerei und meinen Katzen.

Zeit mit Dalí

Ich habe keinen Mann mehr. Meiner ist gestorben, verbrannt, in der Provence, in unserem Haus. Ich lebe gerne allein, verheiratet war ich, na ja, es war in Ordnung. Das Leben mit einer Person ist ein Problem, finde ich, da ist Eifersucht, Wettbewerb, Unverständnis, Missverständnis. Ich mag es, allein zu sein, ich war immer allein im Grunde.

«Ich habe 28 Millionen Platten verkauft, hatte wunderbare Männer, ich könnte morgen ohne Bedauern sterben.»

Ich habe keine Kinder. Mein Business ist eines, da musst du sehr egoistisch sein, um darin Erfolg zu haben. Da hat nicht viel Platz, das nichts mit dir zu tun hat. Da denkst du nur an dich, da ist keine Zeit für Kinder. Dann sehe ich diese Schauspielerinnen mit einer Handvoll Kindern. Also wirklich, die sind jetzt Mütter, und das ist ein Fulltime-Job.

Ich habe immer geliebt, ich bin in Liebe mit allem, mit der Malerei, Männern, Katzen, Apotheken. Ich lernte jemanden, irgendetwas kennen, und da war eine Beziehung, eine Liebe, manchmal für drei Sekunden, manchmal für drei Stunden, manchmal für drei Jahre, manchmal für noch länger.

Und irgendwann haben mich diese Lieben dann gelangweilt oder verlassen, das ist das Leben, ausser jene zu Katzen und Apotheken und der Malerei und zu mir selbst, wobei, manchmal wache ich morgens auf und möchte nicht mehr Amanda Lear sein. Vielleicht war ich es lange genug. Das heisst nicht, dass ich sterben möchte. Ich tue viel, um am Leben zu bleiben, ich laufe, trinke keinen Champagner, nur Wasser, ich esse Salate, furchtbar langweilig im Grunde.

Ich habe kaum Termine für nächstes Jahr. Ich lebe von Tag zu Tag, ich schaue nicht zurück und nicht voraus, das ist meine neue Philosophie. In den USA wollen sie einen Film über mich drehen, meine Zeit mit Dalí, aber da suchen sie noch eine Darstellerin, das wird dauern. Ansonsten ist da kaum etwas. Ich weiss ja nicht einmal, wie ich Weihnachten verbringen werde. Wahrscheinlich alleine. Mit Wasser und Salat und meinen Katzen, und dann male ich.

Wer weiss denn, wie lange die Welt noch hält? Die Welt ist ein Desaster geworden, Darling. Wir haben das verkackt, so richtig. Da haben wir die besten Wissenschaftler aller Zeiten, wir waren auf dem Mond, und wir dachten, die richten das, die finden Lösungen. Aber was um Himmels willen tun die? Als ob sie blind wären.

Ich lese gerade ein Buch von Erasmus von Rotterdam, ‹Das Lob der Torheit›. Ich lerne daraus, wie wichtig es ist, ein wenig verrückt zu sein. Verrücktheit bringt Kreativität hervor, Neugierde. Du brauchst sie, um produktiv zu sein. Der Welt, so denke ich manchmal, fehlt es an Verrücktem. Wenn man sich anschaut, welche Schönheit die alten Kulturen hervorgebracht haben, die Ägypter, die Griechen, und was wir heute fabrizieren. Das gilt auch für die Kunst. Was heute alles unter Kunst läuft, ist grauenhaft. Da ist keine wirkliche Hingabe, keine Vision, kein Gespür für Schönheit.

Da ist so viel Geld in der Kunst, da sind Menschen, die kaufen ein Bild, nicht weil sie es mögen, sondern nur weil es teuer ist. Sogar Dalí war am Schluss nicht dagegen gefeit, das war, als er begann, mich zu langweilen. Er hatte ein Bild gemalt, ein wirklich schlechtes, und ich sagte ihm, dass er das nicht machen kann. Oh, antwortete er, das ist mir egal, sie bezahlen 600 000 Dollar dafür.

Meine unverkäufliche innere Insel

Zum Glück habe ich mein Malen, meine unverkäufliche innere Insel. Es ist meine Therapie. Alles, was in mir ist, mein Glück, mein Leid, meine Wut, meine Trauer, meine Kraft, meine Schwäche, geht in das Bild. Ich habe berühmte Freunde, die trinken, haben Probleme, mit sich selbst, dem Alter, ihrem verblassenden Ruhm, sie gehen zu diversen Ärzten; da bin ich froh, dass dieser Kelch an mir vorbeigegangen ist. Und ich habe aufgehört, die Jahre zu zählen. Alter ist nur eine Zahl.

Morgen fahre ich zurück nach Paris, von dort aus weiter in die Provence. Ich freue mich. Ich weiss nicht, ob ich es schon erwähnte. Es wird nicht einfacher, Amanda Lear zu sein, obwohl es natürlich Spass macht. Amanda nährt mich, nachdem ich sie jahrzehntelang genährt habe. Wir verstehen uns gut. Aber manchmal passiert es, dass ich morgens aufwache und nicht mehr Amanda Lear sein möchte, ich sagte das schon, ich weiss. Es ist schön, dass sie noch da ist, verstehen Sie mich richtig, aber es ist wie mit dem Foto, nur umgekehrt. I am better than a photograph.»