Der deutsche Politikbetrieb hat die Eigenart, sich allzu oft mit hoher Drehzahl und lautem Motorengeräusch auf der Stelle zu drehen und im Graben festzufahren.

Deutschland hat einen neuen Verteidigungsminister, aber wir führen weiter die alten fruchtlosen Debatten um Panzerlieferungen an die Ukraine und lassen uns dabei immer tiefer zur Partei in einem Krieg machen, der den Interessen anderer Mächte dient, aber nicht der unsere ist.

Transfer- und Schuldenunion

Aus Brüssel erreichen uns im Wochentakt Skandalberichte über Korruption, Verschwendung und Machtmissbrauch, doch unsere politischen Eliten denken gar nicht daran, die Rolle Deutschlands als grösstem Nettozahler der EU zu hinterfragen, und singen einfallslos weiter das Lied von Souveränitätsverzicht, Transfer- und Schuldenunion. Hohe Inflation, Rohstoff- und Energiepreise bringen den unternehmerischen Mittelstand und die bürgerliche Mittelschicht in existenzielle Bedrängnis, Deutschlands politische Debatten indes kreisen vor allem darum, wie Staatseinnahmen und Steuern erhöht und noch mehr Gelder durch die öffentliche Hand verteilt werden könnten.

Eine Ursache des lärmend um sich selbst kreisenden Stillstands in Deutschland ist zweifellos ein von allzu vielen verinnerlichtes Misstrauen in Freiheit und Eigenverantwortung. Das tiefsitzende Erbe obrigkeitsstaatlichen Denkens verführt Menschen, die Lösung aller Probleme vom Staat zu erwarten, und verleitet Politiker, den Bürger nicht als Souverän wahrzunehmen, sondern als Objekt staatlicher Fürsorge, das von oben ermahnt, betreut, erzogen, zu Verzicht und erwünschtem Verhalten angehalten und bei Ungehorsam gemassregelt werden muss.

Als freiheitlich denkender Mensch und Bürger, den das Unbehagen über staatliche Gängelung und Indoktrination zur Politik gebracht hat, habe ich daher mit aufrichtigem Dank und grosser Freude die Einladung zur Eröffnung der diesjährigen Albisgüetli-Tagung der Schweizerischen Volkspartei angenommen. Die Eidgenossenschaft und die SVP sind ein Vorbild für meine politische Arbeit.

Die Eidgenossenschaft und die SVP sind ein Vorbild für meine politische Arbeit.

Energiekrise, illegale Migration und Ukraine-Krieg stellen die Schweiz und Deutschland vor vergleichbare Herausforderungen. Und doch täuscht der Eindruck nicht, dass die Schweiz mit ihrem Modell sich in den Krisen unserer Zeit besser schlägt. Zuhören und vom Nachbarn lernen, hinschauen, wie eine erfolgreiche Freiheitspartei ihre eigenen Werte hochhält und die Interessen ihres Landes im Verhältnis zur EU und zu anderen Mächten wahrt: Mit diesem Vorsatz habe ich mich auf den Weg nach Zürich ins Albisgüetli gemacht. Und ich wurde nicht enttäuscht.

«Wer Erfolg haben will, darf sich nicht auf Schwächen fixieren, sondern muss seine Stärken kennen und ausbauen», hat Christoph Blocher in seiner Grundsatzrede gesagt. Es reicht nicht, festzustellen, was ist, man muss wissen, wo man hinwill. Wer aber nicht einmal zur ehrlichen Bestandsaufnahme der Lage willens und fähig ist, der schwadroniert auch im Angesicht des Abstiegs nur ahnungslos herum.

Nicht ängstlich auf andere schielen und es ihnen recht machen wollen, sondern auf die eigenen Stärken bauen und vor allem auf das achten, was für das eigene Land gut ist: Was Christoph Blocher als Erfolgsrezept ausgemacht hat, gilt nicht nur für die Schweiz.

Mit eigener starker Währung leidet die Schweiz weit weniger unter Inflation als Deutschland, das über Euro-Weichgeld und Milliardentransfers die schwächeren Volkswirtschaften der EU mitschleppen muss und so noch seinen eigenen Niedergang selbst finanziert. Wirtschaftliche Freiheit war einst Garant des Wirtschaftswunders; ökosozialistischer Kollektivismus kostet Deutschland frühere Spitzenplätze im internationalen Wettbewerb, welche die Schweiz weitaus erfolgreicher behauptet.

Besonnene Neutralität

Die Schweizer Demokratie ist ein einmaliges Erfolgsmodell. Wenn die Politiker oben Fehler machen, korrigieren es die Bürger von unten. Mehr direkte Demokratie täte auch Deutschland gut, als Korrektiv gegen masslosen Steuerraub und schrankenlose Immigration. Ein Land, in dem selbstbewusste Bürger in ihrer Sache entscheiden, wirtschaftet solider und wird sparsamer verwaltet.

Besonnene Neutralität stünde einem Land in geografischer Mittellage ebenfalls besser zu Gesicht. Ein Deutschland, das sich als ehrlicher Makler für eine eigenständige europäische Sicherheitsarchitektur einsetzt, wäre für den Frieden in Europa ein Gewinn.

Mehr Schweiz wagen – das könnte auch für Deutschland ein Wegweiser aus der Krise sein. Die deutsche Politik täte gut daran, den Weg der Schweiz zu studieren und öfter einmal einem Mann wie Christoph Blocher zuzuhören. Sie könnte viel davon lernen.

Alice Weidel ist Vorsitzende der AfD-Bundestagsfraktion und Bundessprecherin ihrer Partei.

Die 3 Top-Kommentare zu "Mehr Schweiz wagen"
  • Bobby

    Solange Deutschland Politikerinnen wie Alice Weidel in der Politik und in den Medien nicht zuhört und sie überall ignoriert, solange kommt das ehemals stolze Land nicht auf Touren. Alice Weidel ist entgegen den EU-Mächtigen - bei der Präsidentin genannt Pfuschi angefangen - demokratisch gewählt und denkt bevor sie spricht. Ganz im Gegensatz zur hochgejubelten Dummschwätzerin Baerbock. Ich wünsche unserem Nachbarland baldige Korrektur und damit gute Genesung.

  • Frank Z. Marg

    Frau Weidel hat mit dem Modell Schweiz Recht. Nur Achtung, wir sind dran, es immer weiter zu schwächen, haben lauter Leute im Land, die keine Ahnung mehr vom Schweizer System haben. Wir haben linksangefressene Bürgerliche, die sich von den rotgrünen Utopiekranken mental und emotional dominieren lassen, und wir haben die mittleren und grösseren Städte, wo alle links abgebogen sind und ebenso zu sehr den Ton angeben.

  • Ökonom

    Danke an die Redaktion, wenn Sie so vernünftige Autoren aus Deutschland zu Wort kommen lassen. Frau Weidel ist ein gutes Beispiel dafür.