Bier formte diesen wunderschönen Körper» – es gab Zeiten, wo man T-Shirts mit diesem Aufdruck stolz trug.

Wann ich zum letzten Mal ein solches Shirt gesehen habe, kann ich allerdings unmöglich sagen. Ich weiss auch gar nicht, wann ich zum letzten Mal einen richtigen Bierbauch erblickt habe. Der Bierbauch scheint aus unseren Breitengraden verschwunden zu sein; der moderne Körperwahn ein weiteres prominentes Opfer gefordert zu haben.

Oder ist alles doch nicht so dramatisch? Finden wir es zusammen heraus.

Skinny Bitch statt Gerstensaft

Montag, 19. Juni 2023, Hallenstadion. Die britische Heavy-Metal-Legende Iron Maiden ist im Rahmen ihrer «The Future Past Tour» nach Zürich gekommen. Ich gehe mit meinem alten Kumpel hin, dem Ex-«Bänker of Steel», Werner «Vince Axl» R.

Früher sprach Vince bei solchen Konzerten dem Gerstensaft in atemberaubendem Masse zu. Ja, es war ein Vergnügen, ihm beim Vernichten (wie es im offiziellen Metal-Jargon heisst) unzähliger Liter Bier zuzuschauen (und zu versuchen, wenigstens ansatzweise mit ihm mitzuhalten). Doch heuer: Kein einziges Tröpfchen Bier rinnt Vinces Kehle hinunter. Bleich und schmächtig steht er da in einem schlabbrigen Maiden-Shirt (ein Fake aus Thailand) und nippt an einem Plastikgläschen voll Skinny Bitch.

Skinny Bitch, das ist der Lieblingsdrink von Models. Er besteht aus Soda, Limettensaft und einem Spritzer Wodka.

Es ist zum Weinen.

Zumal auch das ganze Hallenstadion ausschliesslich mit zahnstocherdürren bitches gefüllt zu sein scheint. Nirgends eine Wampe in Sicht. Sogar meine eigene ist nicht mehr so stattlich, wie sie es einmal war. Dabei wollte ich doch einst der dickste Schriftsteller der Schweiz werden. Irgendetwas ist gründlich schiefgelaufen hienieden. Der Niedergang des Bierbauchs steht exemplarisch dafür. Das Ganze fühlt sich an wie eine verlorene Schlacht. (Die alles entscheidende Schlacht, wenn man ehrlich sein will.)

Schuldbewusst schiele ich auf den Becher mit alkoholfreiem Bier in meiner rechten Hand. Und das an einem Iron-Maiden-Konzert!

Tjenemit, Göttin des Bieres

Seit wann gibt es überhaupt Bierbäuche?

Frühestens, seit es Bier gibt, natürlich. Aber wann war das?

Beim Recherchieren stosse ich auf einen hochinteressanten Artikel: «Forscher entdecken älteste Brauerei der Welt in Ägypten – Archäologen haben in Ägypten die möglicherweise älteste bekannte Bierfabrik freigelegt. Die Ausgrabungen fanden in Abydos statt, wie Mostafa Wasiri, Generalsekretär des Obersten Rats für Altertümer, mitteilte. Die Brauerei stamme wahrscheinlich aus der Zeit König Narmers, der während der Anfangsphase der frühdynastischen Periode (3150 bis 2613 v. Chr.) regierte. (. . .) Laut Matthew Adams von der New York University, einem der Leiter der Ausgrabungen, weisen Studien darauf hin, dass in der Brauerei etwa 22 400 Liter Bier auf einmal hergestellt werden konnten. Al-Wasiri erklärte, es handle sich vermutlich um die erste ‹Hochleistungsbrauerei der Welt›.» (Quelle: www.welt.de, 14.02.2021).

Selbst die Pyramidenbauer erhielten täglich drei bis vier Brote und zwei Krüge Bier.Die alten Ägypter also, wie so häufig. Sie hatten sogar eine eigene Göttin des Bieres, Tjenemit mit Namen, die unter anderem die Titel «Die die Herrin von Dendera nach Belieben ihres Herzens trunken macht», «Die das Bier braut» und «Die das Bier herbeibringt» trug (Quelle: Wikipedia).

Alles wunderschöne Titel, muss ich sagen.

Grundnahrungsmittel der Ägypter

Lässt sich die Darstellung des ersten Bierbauchs auch bei den Ägyptern finden?

Ich scrolle durch Internetseiten mit Darstellungen von Hunderten von Göttinnen und Göttern und stosse dabei tatsächlich auf eine Gottheit mit einem eindrücklichen Ranzen: Hapi, Gott der jährlichen Überschwemmung des Nils, dargestellt «typischerweise als androgyne Figur mit einem ausgeprägten Bauch, grossen hängenden Brüsten und einem zeremoniellen falschen Bart», wie es Wikipedia formuliert.

Ein wirklich auffälliger Bauch! Stammt er vom Biergenuss? Und die grossen hängenden Brüste auch? Das scheint mir offensichtlich zu sein. Ohne Hapi keine Nilflut, ohne Wasser kein Getreide, ohne Getreide kein Bier. Und Bier war für die alten Ägypter ein Grundnahrungsmittel, wie man einem Artikel auf www.hier-gibts-bier.de entnehmen kann: «Wenn wir sagen, Bier war im alten Ägypten ein Grundnahrungsmittel, dann meinen wir das auch so. Selbst die hart arbeitenden Pyramidenbauer erhielten täglich drei bis vier Brote und zwei Krüge Bier – was einer Menge von ca. 4 Litern (!) entsprach.»

Hapi – der Ernährer.

Rundum zufrieden sieht er auf den Bildern aus, die man von ihm im Netz findet.

Hapi ist und macht happy.

Ach, es gibt doch kein schöneres Gefühl, als seinen Bierbauch zu streicheln. Es ist dann so, als streichle man eine ganze Welt.

Eine Welt, mit der noch alles in Ordnung ist.

Bierbauchjagd im Niederdorf

Dem ersten Bierbauch dürften wir ziemlich nahe gekommen sein.

Wie steht es um den letzten? Ist er tatsächlich bereits von uns gegangen, still und leise? Ich kann das einfach nicht glauben. Und will es jetzt wissen. Millimetergenau.

Mit einem Messband in der Tasche begebe ich mich auf Bierbauchjagd.

Ins Zürcher Niederdorf geht’s, direkt zu den Hochburgen der Bierseligkeit: «Johanniter», «Rheinfelder Bierhalle», «Bierhalle Wolf».

An diesem heissen Freitagabend sind alle Aussentische der drei Gaststätten belegt. Familien mit Kids sitzen da, Pärchen, Touristengruppen.

Einen richtigen, ehrlichen Bierbauch kann ich beim besten Willen nirgends ausmachen.

Das Messband bleibt ungezückt. Es gibt schlicht nichts zu vermessen.

Ernüchtert mache ich mich auf den Heimweg, im 7er-Tram Richtung Bahnhof Stettbach.

Wie schon tausend Mal zuvor fahre ich dabei auch am «Saatlen Pub» vorbei, eine Lokalität, die ich bislang stets links liegengelassen habe.

Unvermittelt durchzuckt mich ein Geistesblitz.

Natürlich! Dass ich daran nicht gedacht habe! Eine Quartierbeiz für Alteingesessene! Die perfekte Brutstätte für Bierbäuche!

«Alle wollen einen Riesen-Arsch»

Beim Schwamendingerplatz steige ich schnell aus dem Tram und eile die paar Schritte zum Pub zurück.

Die Tische im überdachten Aussenbezirk sind bedeckt mit Bierhumpen, -flaschen, -fläschchen und -büchsen. Daran sitzen respektive stehen um die zwanzig Männer, echte Kerle im allerbesten Sinn, mit Hosenträgern, karierten Hemden oder Shirts mit Aufschriften wie «Blacky’s Werkstatt Treff Embrach» oder «Witch Doctor Aku Aku».

Ich mache die Bekanntschaft von Borti (seine Freunde nennen ihn «den schönsten Walliser, den wir haben»), der mir der Reihe nach seine Kumpels vorstellt: «Er hier [Name dem Autor bekannt] kommt seit dreissig Jahren hierher und trinkt zehn Liter pro Abend – aber es ist ja kein Alkohol, es ist Bier» – «Er hier [Name dem Autor bekannt] trinkt pro Abend sechs, sieben, acht Flaschen Hürlimann» – «Der dort [Name dem Autor bekannt] trinkt Grimbergen, um sich vom Fussvolk abzuheben . . . nur ein Spass. Wir sind eine kleine Familie, wir helfen einander. Unser Humor ist schwarz bis grün bis rosarot, niemand nimmt einen dummen Spruch persönlich. Wo gibt es das denn noch, Büezer, Schwarze, Weisse, Grüne, Violette friedlich beieinander? So läuft das Tag für Tag bei uns, man hat immer etwas Lustiges. Hier interessiert es keinen, wie jemand aussieht und woher er kommt. Das war hier schon immer so.»

Streichelt man seinen Bierbauch, dann ist das so, als streichle man eine ganze Welt.Ich komme auf das Thema Bierbäuche zu sprechen, und nicht zu verachtende Vorteile von solchen werden in der Runde aufgezählt: «Miteme Bierbuuch chasch immer im Schärme seiche» oder «Es guets Grät ghört unders Dach».

Christoph meint: «Bei den Jungen will keiner einen Bierbauch haben, aber alle wollen einen Riesen-Arsch wie Kim Kardashian. Ja, interessant, dass alle mittlerweile so einen Arsch haben.»

Diskret hole ich das Messband hervor, befürchtend, dass sich keiner den Bauchumfang messen lassen will. Aber meine diesbezügliche Bitte stösst sogar auf regelrechte Begeisterung, und alle wollen mitmachen.

«Falls dä nöd lange sötti, hani na en Doppelmeter im Auto», lacht Michi.

Solche und ähnliche Sprüche fallen während des Messens am Laufmeter; schliesslich stehen die Sieger fest:

Platz 5 geht an Willi mit 115 cm Bauchumfang.

Platz 4: Michi mit 123 cm.

Platz 3: Thorsten mit 130 cm.

Platz 2: Sebi mit 136 cm.

Platz 1: René mit sensationellen 139 cm.

Bravo! Herzliche Gratulation! Eine Runde Bier geht natürlich auf meine Rechnung.

Prost!

Froh kann ich also vermelden: Der Bierbauch lebt! Und auch die Facebook-Page des «Saatlen Pubs», die ich am gleichen Abend noch konsultiere, vermeldet in einem Post: «Man darf die Hopfnung niemals aufgeben!»

Meine Forschungen möchte ich beenden mit einem Zitat aus dem «Nilhymnus» (ca. 1900 vor Christus), in dem Hapi besungen wird:

«Wenn er steigt, dann ist das Land in Jubel,

dann ist jeder Bauch in Freude.

Jeder Kiefer bricht in Lachen aus, jeder Zahn ist entblösst.

Der Nahrung bringt, reich an Speisen,

Schöpfer alles Gereiften;

Herr der Anschwellung, mit süssem Duft,

Gnadenreicher, wenn er kommt.»

Prost, all ihr Herren der Anschwellung!