Jeanne du Barry (Frankreich, 2023) von Maïwenn. Mit Johnny Depp, Maïwenn, Pierre Richard, Melvil Poupaud, Benjamin Lavernhe

Kein schlechter Scherz, die Rolle des Rokoko- Königs Louis XV (1710–1774) ausgerechnet mit Johnny Depp zu besetzen, dessen querulantisch knalliges Spinner-Profil durch Figuren wie den schrägen Indianer Tonto («Lone Ranger») oder den bizarren Piraten Jack Sparrow («Pirates of the Caribbean») geprägt wurde. Und weil Maskeraden schon immer zu ihm gehörten, überzeugt er auch mit dicker Schminke als dekadenter König.

So schreitet er herausgeputzt und Perücken tragend durch die Prunkhallen von Versailles und quittiert huldvoll die Knickse seines Hofstaats. Mit pulverisiertem Gesicht begutachtet Louis XV die prächtig aufgerüstete Damenriege, aus der er die eine oder andere als Mätresse herauszupflücken gewohnt ist. Bei einer dieser rituellen Zeremonien sticht ihm eine besonders ins Auge: Jeanne du Barry (1743–1793). Er muss nichts sagen, die ihn umschwirrenden Trabanten wissen Bescheid: Die Dame muss in sein Boudoir.

Verlogene Hofgesellschaft

«Jeanne du Barry» ist der erste Historienfilm der französischen Schauspielerin, Autorin und Regisseurin Maïwenn, eigentlich Aurélia Nedjma Le Besco, die sich mit Elan sozialen Problemen widmet, etwa Gewalt und Missbrauch bei der Polizei («Polisse», 2011) oder der Suche nach der familiären Herkunft («ADN», 2020). Berühmt wurde sie mit ihrem stark autobiografisch geprägten Beziehungsdrama «Pardonnez-moi» (2006). Versteht sich, dass sie hinter dem visuellen Gepränge, diesem Defilee edler Borten, glitzernder Litzen, zierlicher Schuhschnallen, schwebender Röcke, hinter der penibel rekonstruierten Prachtentfaltung seidengewandeter Komtessen und trippelnder Hofschranzen, anderes im Sinn hat.

Ihre Heldin ist eine Verlorene. Die Mutter war Köchin, der Vater Mönch. Ihr blieb im damaligen patriarchalischen System nur die Prostitution. Aber die junge Jeanne hatte Mut, Willenskraft und Ehrgeiz. Sie angelte sich den Comte du Barry (Melvil Poupaud), der auf die Idee kommt, sie in Versailles einzuführen, um sich über sie Vorteile beim König zu verschaffen. Er organisiert ein Treffen mit dem zwar einflussreichen, aber tattrigen Duc de Richelieu (Pierre Richard), der Jeanne erst mal beiläufig a tergo nimmt. Danach rät er du Barry, sie zu heiraten. Aus dem weisen Rat spricht Erfahrung: Die verlogene Hofgesellschaft verschmäht simple Huren. Louis’ Gattin und ihre Töchter, fromme Damen, zeigen ihr sofort, trotz Adel durch Ehe, die kalte Schulter.

Auf den Skandal reagiert der König nur mit einem leeren Blick. So schaut er allerdings oft und erinnert an einen Aufziehautomaten aus Porzellan mit einer sich drehenden Rokokofigur drauf. Er ist Täter wie Opfer der überzüchteten, dekadenten Verhaltensformen. Und so belächelt er die eigenen Rituale, wenn Jeanne, im Bett mit ihm kuschelnd, sich über die höfischen Regeln lustig macht.

Maïwenn, die selbst Jeanne spielt, inszeniert die glänzende, flirrende Oberfläche mit delikatem Genuss.Jeanne befreit ihn aus seinem monarchischen Käfig, in den auch sie gesperrt wurde, als sie eine demütigende Untersuchungsprozedur über sich ergehen lassen musste, um für des Königs Laken «sauber» zu sein. Als er sie, krank vor Liebe, mit einem Schloss beschenkt, weiss sie, dass sie allein vom Wohlwollen des Königs abhängig ist – und auch von seinem Schicksal. Nachdem er an Pocken verstirbt, wird sie flugs der Residenz verwiesen.

Maïwenn, die selbst Jeanne spielt, inszeniert die glänzende, flirrende Oberfläche mit delikatem Genuss. Der Film als Huldigung an eine Epoche, Szenen, wie gemalt von Watteau, Canaletto. Ein filmisches Traumgespinst von betäubender Schönheit. Aber Maïwenn wollte mehr – oder doch nicht? Wer ist nun Jeanne für sie (und fürs Publikum)? Eine Frau, die sich von gesellschaftlichen Fesseln befreit?

Das bleibt Maïwenns Geheimnis. Denn ihre Figuren sind vom gleichen Stilwillen geprägt wie die Dekors und Interieurs, sie sind ohne Charakter, ohne individuelle Züge. Wie Schimären geistern sie durch eine wundersam artifizielle Welt; üppig verkleidete Roboter, schlafwandlerisch, puppenhaft, unwirklich, jenseits von Psychologie und Moral. «Jeanne du Barry» ist wie die Phantasmagorie einer denkbaren Vergangenheit.

Dem Kostümsponsor Chanel hat das mit Sicherheit gefallen und den Geldgebern aus Saudi-Arabien, die 22,5 Millionen Dollar eingebracht haben, ganz gewiss auch. Vielleicht auch den Depp-Fans, die das Maskenhafte an ihm schätzen. Aber ein wenig mehr hätte man von Maïwenn schon erwarten können.