Im 19. Jahrhundert erlebte Europa durch die technologische Innovation der Industrialisierung und die Expansion des Kreditwesens den Startschuss für beispiellosen Wohlstandsanstieg. Erosion der Ständeordnung und Liberalisierung der Wirtschaft brachten eine ganz neue soziale Mobilität mit sich, die auf Leistung und Verdienst basierte statt auf Geburt und Erbe.

Es kam zur Machtverschiebung von Monarchie und Adel hin zu Bürgertum und Unternehmern. Das Konzept der Meritokratie war damit eingeführt; Menschen wurden aufgrund ihrer Fähigkeiten und Leistungen angestellt und befördert anstatt aufgrund ihres sozialen Standes. Gewerblichen Erfolg kann man sich erarbeiten – Zugehörigkeit zum Adel nicht.

Die SP hat ihren Fokus längst auf Migranten und LGBTQ-Kollektive verschoben.Der durch freie Marktwirtschaft erlangte Wohlstand führte zu Bevölkerungswachstum, was wiederum hohe Bodenpreise, Überschuss an Arbeitskräften und Lohndruck mit sich brachte. In der Folge wurden auf Drängen von Arbeiterbewegungen hin Arbeitslosenversicherungen, Krankenkassen, Invalidenversicherungen und Altersvorsorgen eingeführt, um das Proletariat vor den extremsten Formen des wirtschaftlichen Risikos zu schützen.

 

Das Empirische liegt immer falsch

Die heutige Sozialdemokratie, selbsternannte Erbin dieser Arbeiterbewegung, hat ihren Fokus von Arbeitern längst verschoben auf Migranten, LGBTQ-Kollektive und weitere Minderheiten, denen sie das Marginalisiert-Sein täglich einredet – und dies aus gutem Grund. Der Kern linker Politik ist es nämlich, Wünsche zum Anspruch zu erheben. Solaranlagen, Medien, Vaterschaftsurlaub, Kindertagesstätten und weitere Partikularanliegen sollen von der Allgemeinheit verwirklicht werden. Das führt zwangsläufig zu immer höheren Lohnabgaben, Steuern und Gebühren. Und darunter wiederum leidet am meisten die Arbeiterklasse. Die Umverteilung des Geldes findet nicht von Reich nach Arm statt, sondern von der ganzen Gesellschaft hin zum Staat. Dass durch diese Verteuerung des Lebens gerade am Existenzminimum lebende Bürger in die Armut getrieben werden, raubt den Sozialdemokraten aber kaum den Schlaf, denn ihre heutigen Vertreter widmen sich aufgrund ihres akademischen Hintergrunds lieber Idealen und Utopien als realem Elend. In der Praxis gescheiterten Umsetzungen halten sie ihre theoretisch funktionierenden Konzepte entgegen. Das Normative liegt immer richtig, das Empirische immer falsch.

Die Gleichgültigkeit, mit der moderne Sozialdemokraten der Not von Arbeitern und Wenigverdienern begegnen, nimmt immer dekadentere Züge an. So hat die Linke mit der Einführung des Vaterschaftsurlaubs erreicht, dass jeder sechzigjährige Dachdecker mit Rückenbeschwerden einen Teil seines Lohns an junge, gesunde Väter abtreten muss.

 

Teure Belehrungen

Gleichzeitig wehren sich die Sozialisten mit jakobinischem Furor gegen die Halbierung der Serafe-Gebühr; jeder portugiesische Strassenbauer soll bis an sein Lebensende 335 Franken zahlen, um tagaus, tagein über die Gefahr von Fleisch, die Klimakatastrophe und seinen zu hohen CO2-Abdruck belehrt zu werden. Die soeben eingereichte Kita-Initiative wird bei Annahme eine Steuererhöhung mit sich bringen, die jede Putzfrau, die bereits um die Begleichung ihrer bestehenden Rechnungen ringt, zusätzlich in Bedrängnis bringt.

Und auch die endzeitlichen Heilsversprechen der Klimaretter ändern nichts daran, dass die aufgrund ideologischer Fehlplanung und massloser Besteuerung explodierenden Energiekosten viel eher Gleisbauer und Kanalreiniger als promovierte Bundesbeamte ruinieren werden.

Läge den Sozialdemokraten etwas am wirtschaftlichen Wohl der Arbeiter, würden sie sich der unkontrollierten Zuwanderung annehmen, die für Bankdirektoren und Herzchirurgen kaum von Bedeutung ist, aber Kellner, Lageristen und Gärtner immer stärkerer Konkurrenz und höherem Lohndruck aussetzt.

Hinter diesem schmallippigen Dünkel jenen Mitbürgern gegenüber, die weniger eloquent sind und keinen universitären Habitus pflegen, sondern mit profanen Geldnöten zu kämpfen haben, steckt in Wahrheit blanke Verachtung. Verachtung, die daher rührt, dass Armut heute grundsätzlich die Folge linker Politik ist. Auf der ganzen Welt erinnern heute arme Menschen daran, dass sozialistische Modelle nicht funktionieren.

Im internationalen Vergleich zwischen den USA und der ehemaligen UdSSR, Costa Rica und Kuba, Südkorea und Nordkorea oder Singapur und Laos ist es stets der sozialistische Staat, der Armut hervorbringt. Auch innerhalb eines Landes ist die Korrelation zwischen Misere und Sozialismus unübersehbar. In Amerika verzeichnen die demokratischen Bundesstaaten Kalifornien, New York und Illinois momentan einen regelrechten Exodus in Richtung der republikanischen Staaten Florida, Texas und South Carolina. In der Schweiz sind die Kantone Genf und Waadt Hochburgen der Arbeits- und Obdachlosigkeit, nicht etwa Luzern oder Zürich. Und in Berlin musste eine Mauer mit Stacheldraht, Minen und Selbstschussanlagen errichtet werden, um die Massenflucht vom Sozialismus in den Kapitalismus zu verhindern. Die Arbeiter haben längst aufgehört, sozialistisch zu wählen.

Eine viel beachtete Studie der Politikwissenschaftlerin Line Rennwald hat gezeigt, dass der SP-Stimmenanteil der sogenannten Arbeiterklasse in den Jahrzehnten zwischen 1971 und 2011 von 38 auf 19 Prozent gesunken ist. Bei den eidgenössischen Wahlen 2023 wählten laut Forschungsinstitut Sotomo 17 Prozent der Stimmbürger ohne Matura oder höhere Berufsbildung die SP, während 35 Prozent die SVP wählten.

Auf diese seit Jahren verschwindende Gefolgschaft reagierten die Sozialisten – bewusst oder unbewusst – mit ebenso subtilen wie niederträchtigen Vergeltungsmassnahmen. So ist beispielsweise ihr neuester thematischer Fokus auf Gendersterne, Klima-Demos und Drag-Shows nichts anderes als eine Verhöhnung all jener Menschen, die mit Existenzängsten zu kämpfen haben.

«Jeden Tag um acht Uhr aufstehen»

Die Rache des Verschmähten zeigt sich auch darin, dass die SP den jährlich 330 000 Betreibungen, die wegen Steuerschulden eingereicht werden, mit einem direkten Abzug der Steuern vom Lohn begegnen möchte – statt mit einer Steuersenkung. Dass der Staat zu seinem Geld kommt, ist den modernen Sozialisten wichtiger, als dass die Menschen genügend Geld zum Bestreiten ihres Lebensunterhalts haben.

Wenn also Cédric Wermuth sagt, die SP setze sich für Arbeiter ein, die «jeden Tag um acht Uhr morgens aufstehen», dann beweist das keineswegs, dass er nicht weiss, wann Arbeiter aufstehen. Vielmehr ist es das Eingeständnis, dass sich die SP für die privilegierte Elite aus Verwaltung, Bildung, Medien und Politik einsetzt, die es sich leisten kann, erst um acht Uhr aufzustehen.

Auf die schwindende Gefolgschaft reagieren die Sozialisten mit subtilen Vergeltungsmassnahmen.Fazit: Mit der Arbeiterbewegung des 19. Jahrhunderts hat die heutige Linke nichts mehr gemein. Die Verbitterung darüber, dass sich die Realität nicht an ihr Drehbuch hält und sich Armut nicht mit Steuern und Verboten wegregulieren lässt, schlug in Feindseligkeit um – und zwar ausgerechnet gegenüber den Opfern dieser Politik. Diese haben ihrerseits aufgehört, ihren eigenen Schlächter zu wählen. Die einstmalige Arbeiterpartei hat sich von den Arbeitern verabschiedet und umgekehrt.

Sollte die Sozialdemokratie je wieder zur politischen Heimat der Arbeiter werden wollen, ist sie gut beraten, die Arbeiter wieder ihrer Sorgen zu entledigen anstatt ihres Geldes und ihrer Würde.

Die 3 Top-Kommentare zu "Wenn Wermuths Wecker klingelt"
  • yvonne52

    Die SP ist schon lange nicht mehr die Partei der Arbeiter. So wenig wie die Sozialisten. Die neue Klientel sind die veganen, Chai Latte und Hafermilch trinkenden urbanen Woken, die ihre Zugehörigkeit zum Arbeitermilieu mit ihrem Lastenfahrrad bekunden wollen und irgend einem unnützen Teilzeit-Bullshit-Job nachgehen, oder in der Verwaltung arbeiten. Von wirklicher Arbeit keine Ahnung.

  • herby51

    Sie SP ist keine Sozialdemokratische Partei mehr. Die Sozis sind eine Politelite geworden die dem Arbeiter noch das letzte ( sorry zweitletzte) Hemd auszieht. Leider wird das von den Wählern noch nicht bemerkt dass diese Partei antidemokratisch ist!

  • herby51

    Der letzte wirkliche Sozialdemokrat in Deutschland war Willy Brandt. So einer hatte die SP Schweiz noch nie!