Wir sind in den tiefen Osten Anatoliens und bis ans Ende der letzten Steinzeit gereist, um der Geburt der Religion auf die Spur zu kommen. Doch nun herrscht dichter Nebel. Schwer wie eine nasse Decke aus Schafschurwolle breitet er sich aus über die Hügel der Provinz Sanliurfa, nahe der syrischen Grenze.

Schritt für Schritt tasten wir uns vor, unter kundiger Führung eines lokalen Archäologen. «Schaut», sagt er unvermittelt, «hier ist es.» Vor uns liegt eine klaffende Wunde im Erdreich. Ein ovaler Steinkreis ragt aus dem Boden, versetzt mit acht Stelen. Religiöser Schauder packt einen, wenn man den Sakralbau betritt. Die T-förmigen Säulen sind dekoriert mit Schlangen, Spinnen, Skorpionen, Füchsen, Geiern und Leoparden, die Pranken hebend, die Zähne bleckend.

Rund um die Welt haben Menschen «heilige» Stätten errichtet, um Göttern zu huldigen, deren Nähe zu spüren oder um die Gunst des Schöpfers zu buhlen: die Zikkurat in Mesopotamien, die Pyramiden der Azteken und Ägypter, der Petersdom in Rom oder die Kaaba in Mekka. Doch keiner dieser berühmten Kultbauten steht so lange wie dieser hier. Nicht annähernd.

Wer solche Monumente aufstellt, muss getrieben sein von einer hohen Mission, von «göttlichem» Eifer.«Das sind die ältesten Tempel der Welt», postulierte Klaus Schmidt, der Entdecker der Kultstätten von Göbeklitepe. Dreimal älter sind sie als die Cheops-Pyramide oder Stonehenge.

 

«Die ältesten Tempel der Welt»

In jahrelanger Fleissarbeit hat der deutsche Prähistoriker dieses «rätselhafte Heiligtum der Steinzeitjäger» freigelegt. Und mit jedem Spatenstich wuchs das Staunen — ob der mystischen Anordnung der gigantischen Steinarchitektur, ob der herkulischen Leistung der Erbauer.

Drei Meter hoch und sechzehn Tonnen schwer sind die Stelen. Aufgerichtet mit unvorstellbarem Effort. Dies zu einer Zeit, als das Rad noch nicht erfunden war. «Als wäre das Empire State Building von einem Dreijährigen mit Klötzchen gebaut worden», kommentierte der Althistoriker Jeffrey Rose beim Anblick von Göbeklitepe.

 

Jäger der Apokalypse

Wer solche Monumente aufstellt, muss getrieben sein von einer hohen Mission, von «göttlichem» Eifer. Je tiefer Entdecker Klaus Schmidt grub, desto verrückter nahm sich die Geschichte des «ersten Tempels» aus. Es stellte sich heraus, dass die Kultstätte nach relativ kurzer Zeit wieder zugeschüttet worden war. Komplett intakt hat man sie unter einem künstlichen Hügel begraben. Daher stammt der Name Göbeklitepe – bauchiger Hügel.

Weshalb taten sie das? Wollten sie die eigene Kultur vor Feinden schützen? Oder das Wissen für spätere Generationen konservieren?

Göbeklitepe zieht Scharen von Deutungshusaren an. Wilde Theorien werden evoziert. Am populärsten ist derzeit jene von Graham Hancock. Der britische Schriftsteller und Journalist fasziniert mit seiner Netflix-Serie «Ancient Apocalypse» ein Millionenpublikum mit seiner Jagd nach «untergegangenen Zivilisationen». Er bewirtschaftet die Theorie, Menschen hätten in früher Vorzeit bereits eine zivilisatorische Höchstblüte erreicht, die dann durch Asteroidenhagel zerstört worden sei. Überlebende hätten das damalige Wissen über Generationen hinweg tradiert und an verschiedenen Orten neu aufleben lassen. So auch in Göbeklitepe.

Um Fakt von Fiktion zu unterscheiden, besuchen wir Professor Necmi Karul an der archäologischen Fakultät in Istanbul. Karul ist Ausgrabungsleiter in Göbeklitepe und Nachfolger von Entdecker Klaus Schmidt, der 2014 früh verstorben ist. Während draussen die Studenten durch die Gänge wuseln, steht Karul, verwittertes Gesicht, hagere Statur, am Fenster seines Büros und raucht eine Zigarette. An der Wand hängt eine Karte Anatoliens, darüber ein Pfeilbogen, wie ihn die Menschen mitführten, als sie noch Jäger und Sammler waren.

Von den abenteuerlichen Ideen eines Graham Hancock hält Karul nichts. Dessen Theorien entbehrten jeglicher Logik. Die Datierung beispielsweise, die Hancock anhand bestimmter Sternenbilder vornimmt, sei jenseits aller Wissenschaftlichkeit.

Für Karul steht nach jahrelanger Forschung fest: «Die Steinkreise von Göbeklitepe bilden die ältesten bekannten Monumentalbauten der Menschheit.» Nie zuvor hat man Spuren einer ähnlich hochentwickelten Gesellschaft gefunden.

Karuls Forschungsbereich liegt in der sogenannten neolithischen Revolution. Ein Begriff, der vom australisch-britischen Archäologen Vere Gordon Childe (1892–1957) geprägt wurde und jene Phase beschreibt, in der die Menschheitsgeschichte eine dramatische Wende erfuhr.

Was ist mit dieser Wende gemeint? Um dies zu verstehen, blättern wir an die Anfänge der Menschheitsgeschichte zurück.

Der Homo sapiens tauchte vor etwa 300 000 Jahren auf. In den folgenden Jahrtausenden entwickelte sich die Lebensweise unseres Vorfahren marginal. Er lebte in kleinen Gruppen, war in Bewegung, jagte Wild, sammelte Essbares, das die Natur feilbot. Doch dann, vor rund 10 000 Jahren, passierte etwas Ausserordentliches: Es kam zur «radikalen Veränderung mit revolutionären Folgen für die gesamte Spezies», so Childe.

Nach den Funden von Göbeklitepe muss die Geschichte der Menschheit umgeschrieben werden. Was ist geschehen? Der Mensch wurde sesshaft, er pflanzte sein Essen selbst an und begann Tiere zu domestizieren. Es war der Beginn der Landwirtschaft und der Nutztierhaltung. Er gründete Siedlungen, die Bevölkerung wuchs an. Er entwickelte Werkzeuge und töpferte Tongefässe. Die neolithische Revolution war «das grösste Ereignis in der Geschichte der Menschheit nach der Beherrschung des Feuers» (Childe). Seit dem Beginn des Ackerbaus verläuft die Entwicklung der Menschheit wie im Zeitraffer. Wir verabschiedeten uns aus der Steinzeit, und nach relativ kurzer Zeit flogen wir in den Weltraum. Doch was hat die Religion mit dieser Revolution zu tun? Wie hat sie zur beschleunigten Entwicklung der Menschheit beigetragen?

 

Die Initialzündung

Um eines vorab klarzustellen: «Religiöse» Bräuche waren zu frühesten Zeiten der Menschheitsgeschichte präsent. Menschen haben bereits vor Zehntausenden von Jahren einfache Kultrituale praktiziert. Die Bestattung von Toten etwa oder die Herstellung von Fruchtbarkeitsfiguren. Doch der Bau eines Tempels ist eine ganz neue Dimension. Er ist Zeugnis einer organisierten Gemeinschaft, die sich zu kultischen Ritualen versammelt, einer Gruppe von Gläubigen, die eine gemeinsame Sicht auf das Dies- und das Jenseits teilte.

Doch was war die Initialzündung für diese «Religion», die zum Bau der Monumente von Göbeklitepe führte?

Voraussetzung für die Religion, so die gängige Lehrmeinung, war die Landwirtschaft. Erst durch die langfristig gesicherte Nahrungsversorgung hatte der Mensch die Musse zur Reflexion. Erst jetzt hatte er die Zeit, Fragen nach seinem Ursprung und seinem Platz im Kosmos zu stellen: Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Wer hat uns geschaffen?

Doch die Funde von Göbeklitepe stellen diese Theorie auf den Kopf. Die Sakralbauten seien geschaffen worden, noch bevor der Mensch den Sprung zur Landwirtschaft vollzogen habe, bestätigt Karul. «Die Menschen, die diese besonderen Bauten errichteten, waren immer noch Jäger und Sammler.» Sie hatten sich zwar niedergelassen, aber sie betrieben noch keinen Ackerbau und hielten auch noch keine domestizierten Tiere, wie Funde von Essensresten belegen.

Die organisierte Religion spielte eine Art Geburtshelfer für die moderne Zivilisation. Mit anderen Worten: Die Monumente von Göbeklitepe wurden noch vor der neolithischen Revolution gebaut. Dies bedeutet, dass die Geschichte der Menschheit umgeschrieben werden muss. In den Worten von Entdecker Klaus Schmidt: «Der Bau eines massiven Tempels durch eine Gruppe von Feldarbeitern ist ein Beweis dafür, dass organisierte Religion vor dem Aufkommen der Landwirtschaft und anderer Aspekte der Zivilisation entstanden sein könnte.»

Die Entwicklung «Religion vor Ackerbau» macht evolutionstechnisch Sinn: Jäger und Sammler funktionieren in kleinen Gruppen. Ackerbau und die damit verbundene Arbeitsteilung erfordern eine grössere Gesellschaft, die perfekt funktionieren muss.

 

Mensch erhebt sich über Umwelt

Erst wenn sich die Menschen einer sozialen Gruppe vertragen und eine gemeinsame moralische Basis haben, können sie das gegenseitige Vertrauen aufbauen, das die Arbeitsteilung ermöglicht. Religion mit gemeinsamen Ritualen ist einheitsstiftend und bildet den Kitt für eine grosse soziale Gruppe.

Anthropologen gehen davon aus, dass die organisierte Religion eine Art Geburtshelfer für die moderne Zivilisation spielte. Sie diente anfänglich dazu, Spannungen zu lösen, die auftraten, als die einstigen Jäger und Sammler sesshaft wurden und sich zu grossen Agrargesellschaften entwickelten. Doch was war die Voraussetzung, damit sich überhaupt eine organisierte Religion entfalten konnte?

Schauen wir uns die Symbole in den Sakralbauten von Göbeklitepe näher an: Es sind bedrohliche Tiere: Schlangen, Skorpione, Leoparden, mit teils aggressiven Fratzen. Mitten im Kreis dieser wilden Geschöpfe erhebt sich der Mensch. Er überragt und dominiert die Natur.

Eindrücklich ist dies auf den T-förmigen Stelen von Göbeklitepe zu erkennen. «Sie stellen überlebensgrosse Menschen dar», sagt Karul. «Der horizontale Teil zuoberst auf den Säulen symbolisiert den Kopf und der vertikale Teil den Körper.» Auf den breiten Flächen der Säulen wurden Arme herausgearbeitet. Auf der schmalen Vorderseite halten Hände in der Höhe der Taille einen erigierten Phallus.

Diese Symbolik hebt sich von den Höhlenmalereien der frühen Steinzeit ab. «Am Anfang verstand sich der Mensch als ein Teil der Tierwelt», erklärt Karul, «aber nach einer gewissen Zeit wurde er Herrscher nicht nur über die Tiere. Er beginnt die ganze Umgebung zu dominieren.»

Ist das Selbstverständnis des Menschen als Bändiger der Natur also die Initialzündung für die Religion? Immer neue Funde, die Karuls Team dem Erdreich entringt, scheinen dies zu belegen. So zum Beispiel in Sayburç, einem kleinen Dorf zwanzig Kilometer westlich von Göbeklitepe. Vor ein paar Jahren hatte ein lokaler Bauer die Archäologen kontaktiert: «Wir glauben, wir haben Megalithen in unserem Dorf. Wollt ihr sie euch ansehen?»

Inzwischen wurde die Fundstätte abgesperrt. Ein Gemeindearbeiter öffnet uns eine schwere Eisentür, hinter der sich eine Ausgrabung befindet. Was sich hier offenbart, haben bloss wenige Menschen seit der Steinzeit aus der Nähe gesehen. Es ist ein aus dem Stein gehauener Mensch, der mit seiner rechten Hand seinen erigierten Penis hält, derweil er zwei Leoparden, die ihn von beiden Seiten bedrohen, in Schach hält.

 

«Immer fehlt der Schädel»

Auch dieser Fundort hat, wie jener von Göbeklitepe, eine ovale Form, doch erst ein Teil ist freigelegt. Der Rest liegt unter einem Bauernhaus. Dessen Besitzerin inspiziert die Besucher mit missmutigem Blick, während sie ihre Hühner auf dem Hof zusammentreibt. Der archäologische Sensationsfund ist ihr Verderben. Bald wird sie hier wegziehen müssen, damit die Forscher ihr Haus abbrechen und die Spuren der Urzivilisation freilegen können. Im türkischen Ministerium für Kultur und Tourismus geniesst das Grabungsprojekt höchste Priorität. Es läuft unter dem Namen «Point zero in time», Nullpunkt der Menschheitsgeschichte.

Welche Rituale haben die Menschen vor 12 000 Jahren in diesen Stätten zelebriert?

Chefarchäologe Karul verweist auf einen besonderen Fund. Man habe massenweise Menschenskelette entdeckt. «Doch immer fehlt der Schädel. Sie trennten die Köpfe von den Körpern ab und vergruben sie an speziell designierten Orten.» Unter Archäologen spricht man von «Schädelkulten». Sie wurden im ganzen fruchtbaren Halbmond praktiziert, der von Gaza über Göbeklitepe bis nach Mesopotamien reicht.

Man hielt Göbeklitepe für eine Art Vatikan – nun kommen stets neue «heilige Orte» zum Vorschein. Anthropologen erklären diesen Kult mit der Verehrung der Vorfahren. Der Schädel sei eine physische Erinnerung an beliebte Persönlichkeiten. Doch hinter der Obsession für Schädelknochen könnte mehr stecken als eine Verbindung der Lebenden mit den Toten. Sie könnte ein sehr früher Ausdruck der Idee der Auferstehung sein. In den folgenden Jahrtausenden taucht das Konzept der Auferstehung in den Religionen vieler Zivilisationen auf, darunter in Babylon, Ägypten, Indien und Griechenland, und es wurde integraler Teil des christlichen Glaubens.

Die Ausgrabungen unter der Ägide von Necmi Karul sind in vollem Gang. Inzwischen gräbt sein Team an zehn verschiedenen Orten im Grossraum Sanliurfa. «Tas Tepeler» (deutsch: Steinhügel) heisst das Gesamtprojekt.

Immer Neues kommt zum Vorschein. Jüngst gesicherte Erkenntnisse müssen revidiert werden. «Die Menschen dachten, Göbeklitepe sei eine Art Vatikan oder Al-Aksa-Moschee», erzählt Necmi Karul, «doch es gibt nicht einen heiligen Ort. Ähnliche Kultstätten haben wir auch in Karahantepe, eine knappe Autostunde entfernt, gefunden.»

Auch in Karahantepe gibt es ein Zentralgebäude, das dem «Tempel» in Göbeklitepe ähnelt. Doch gleich daneben fand man ein bizarres kleineres Gebäude mit phallusförmigen, knapp drei Meter hohen Säulen. Bewacht wird das Penis-Panoptikum von einem Menschen mit abweisender Fratze, einem Bart und schlangenartigem Körper.

 

Obskures «Walphalla»

Dieser obskure Raum ist durch ein Fenster über eine Treppe mit dem Zentralgebäude verbunden, von wo aus man es betreten kann. Diametral gegenüber befindet sich eine zweite Treppe, über welche man wieder ins Freie gelangt. Wofür dieses «Walphalla» diente, ist nicht bekannt. Es sehe aus wie ein ritueller Transformationsraum, sagt Karul. Basierend auf ethnografischen Studien vermutet er, dass hier Initiationszeremonien gefeiert wurden.

Je mehr man gräbt, desto komplexer wird das Bild, das sich offenbart. Für Entdecker Klaus Schmidt stand fest: Er hatte «die ersten Tempel» der Menschheitsgeschichte gefunden. Auch in den Touristenzentren neben den Ausgrabungsstätten werden die Bauten als «Tempel» vorgestellt. Doch Necmi Karul meidet den Begriff.

Neuste Funde belegen: Der Beginn der Zivilisation fand in bunten Farben statt.«Es besteht kein Zweifel, dass diese Gebäude Elemente enthalten, die mit dem Glauben der damaligen Zeit in Verbindung stehen. Es waren Orte, an denen Menschen zusammenkamen und Rituale abhielten. Aber all dies reicht nicht aus, um diese Gebäude als ‹Tempel› zu definieren.»

 

Weg zu Jahwe, Gott und Allah

Dass die Menschen 10 000 Jahre vor Christi Geburt hier bereits eine komplexe Religion entwickelt hätten, dafür fehlten bislang die Beweise. Deshalb schlägt Karul vor, nicht von «Religion», sondern von «Glaubenssystemen» zu sprechen, «die sich später zu Religionen entwickeln sollten».

Diese Interpretation ist der Bedeutung der Funde von Tas Tepeler nicht abträglich. Denn hier beginnt der Weg, der die Menschen letztlich zu Jahwe, Gott und Allah führen wird.

Und offensichtlich waren sich die Zivilisationen von Göbeklitepe und Karahantepe des besonderen Stellenwerts ihrer Bauwerke bewusst. Denn sie unternahmen enorme Anstrengungen im Umgang mit ihrem Erbe.

Während sie die alten Installationen freilegten, machten Necmi Karul und sein Team eine faszinierende Entdeckung. Sie stellten fest, dass die Kultbauten gezielt vergraben worden waren. Die Räume wurden sorgfältig mit Steinen und Erde aufgefüllt, bis sie unter einem künstlichen Hügel verborgen waren.

Was war der Grund für diese menschengemachte Apokalypse, mit welcher man die grossartigen Monolithen zum Verschwinden brachte?

Auf diese Weise habe man die Geschichte der ersten Zivilisation zu konservieren versucht, lautet Karuls Erklärung. Lässt man die Bauten exponiert, werden sie über die Jahrhunderte zerfallen und verschwinden. Das Erdreich hingegen bietet den besten Schutz. Also hat man sie vergraben.

«Sie vergruben diese Gebäude, um ihre Verbindung mit der Vergangenheit zu bewahren», so Karul. «Das bedeutet auch, dass sie die Erinnerung daran bewahrten, dass sie in diesen Gebäuden gelebt hatten.» Doch die Erinnerung lebte nicht bloss unter der Erde weiter. Auf und neben den «Grabstätten» habe man wieder neue Sakralbauten errichtet, zuerst in ovaler, dann in rechteckiger Form. Durch stetige Erneuerung behielt die Gegend, in der die alten Gebäude standen, ihre Heiligkeit. Bis sie schliesslich ganz aufgegeben wurden.

Uns Nachgeborenen bietet die Vergrabungstechnik die einmalige Möglichkeit, die Gebäude von damals beinahe intakt zu bestaunen. So eröffnen sich nach 12 000 Jahren immer neue Blicke auf unsere Entstehungsgeschichte.

Erst 10 Prozent der bislang bekannten Stätten von Tas Tepeler sind freigelegt. Die neuste Nachricht aus dem archäologischen Eldorado lautet: Der Beginn der menschlichen Zivilisation fand in Farbe statt.

 

Spektakuläre Entdeckung

Bei den Ausgrabungen in Göbeklitepe wurde kürzlich eine lebensgrosse, bemalte Statue eines Wildschweins gefunden. Das Artefakt aus Kalkstein weist rote, weisse und schwarze Pigmentreste auf. «Die Farben spiegeln das Geschick und den Wunsch der neolithischen Künstler wider, die Wirkung ihrer Werke zu verstärken», sagt Karul. Er geht davon aus, dass die gesamten Anlagen in Farbe getaucht waren.

Der Sakralbereich der ältesten Monolithenkultur erscheint dadurch in ganz neuer Aura. Ähnlich wie Schwarzweissaufnahmen aus dem Ersten Weltkrieg, die nachkoloriert werden, führt uns die Ergänzung durch Farbe das Leben von damals viel unmittelbarer und dramatischer vor Augen.

Die Tatsache, dass die Erbauer vor 12 000 Jahren ihre Kultstätten mit Farben veredelten, ist ein weiterer Beleg dafür, dass es sich hier um eine ausserordentliche Stätte handelt. Und dass sich die Erbauer damals sehr wohl bewusst waren, dass sie hier etwas revolutionär Neuartiges schufen. Etwas, das die Menschheit bis heute prägen sollte. Gut möglich, dass wir im Zuge der Ausgrabungen die Geschichte unserer Spezies abermals neu schreiben werden.

 

Klaus Schmidt: «Sie bauten die ersten Tempel. Das rätselhafte Heiligtum am Göbekli Tepe». C. H. Beck

Die 3 Top-Kommentare zu "Wo alles begann"
  • ich

    Soso "Wilde Theorien werden evoziert". Der MS schützt sich immernoch mit Mythologie und Religion vor der Wahrheit, die nicht wahr sein darf. "Jäger und Sammler" sollen eine hunderttonnenschwere T-Element-Technik beherrscht haben"? das ist für mich wilde Witz-Theorie! Es gibt auch andere Orte. Z.B. Puma Punku, dort liegen noch mind. 14000 Jahre alte 1000Tonnen-Hightechgeschliffene-Felsplatten als mm-genaue ausgeklügelte Steck-Systembau-T-Elemente herum. Unsere Geschichte muss umgeschrieben werden

  • Res Zaugg

    Es ist fast bewundernswert dieses Thema abzuhandeln, ohne den Namen Erich von Däniken zu erwähnen. Aber U. Gehriger hat es tatsächlich geschafft. Schade.

  • Logo Liga

    Die Menschen früher haben alle Respekt vor den Kräften gehabt,die die Welt beherrschen.Das Wunder,dass aus einem Samenkorn Leben entsteht,haute sie noch um.Wir meinen,weil wir Speichermedien haben und die Natur scheinbar besiegen und nachbauen, hätten wir das Klima im Griff, würde nach unserer Pfeife tanzen.Reine Hybris!