Michael Andrick: Im Moralgefängnis. Spaltung verstehen und überwinden. Westend. 160 S., Fr. 28.90

Für Soldaten früherer Zeiten – aber wer weiss: vielleicht noch heute – war es von existenzieller Bedeutung, dass beide Seiten einander respektierten. Eine Herabsetzung des Gegners verringert die eigene Grösse. Am Gegner muss der Krieger selbst sich messen können. Das geht nicht, wenn er den anderen wie Ungeziefer behandelt. So lautet das alte Prinzip der «Justifizierung» des Feindes (von iustus hostis, der gerechte Feind). Man respektiert den Feind, weil man im nächsten Moment davon abhängig sein könnte, auf dessen Respekt setzen zu müssen.

Es gibt hier kein «Gut gegen Böse», sondern Sieg oder Niederlage. Und kaum etwas war tödlicher als die Moralisierung des Krieges – also genau dies: den Gegner als das absolut Böse zu bezeichnen, der vernichtet gehört. Das verlängert Schlachten ins Unendliche.

Doch nicht nur in Kriegsangelegenheiten ist das Moralisieren von höchster Sprengkraft. Auch in einer Gesellschaft, in der «Moralitis» herrscht. So analysiert Michael Andrick unsere einst offene Gesellschaft, die mittlerweile zu einem «Moralgefängnis» geworden sei. Und es stimmt ja, bei Corona wie im Fall des Ukraine-Krieges war die Diskussion moralisch aufgeladen: Hier die Corona-Leugner, dort die Putin-Versteher. Es gilt: verurteilen, nicht verstehen.

Wie soll man da zurückkehren zu einer «angstfreien Diskussionskultur»?

Michael Andricks Analyse der Moralitis beginnt eher sanft, didaktisch, führt ein ins Panikregiment und seine Auswirkungen und erklärt, worin die «Spaltung» der Gesellschaft besteht und wodurch sie entsteht: durchs Mitmachen der vielen. Meinungsverschiedenheiten allein erklären das nicht, sondern vielmehr die Vorstellung, die insbesondere in Deutschland virulent ist, man dürfe sich nicht streiten, sondern müsse den seligen Zustand eines Konsenses erreichen. «Spaltung ist die Infektion der Kommunikationswege mit dem Virus der Moralisierung.» Das habe «die politische Diskussion zu einem wahnhaften Treiben verkommen lassen, das den Kontakt zu den Tatsachen der Gesellschaft und des Lebens vollkommen verliert». Die Folge: ein moralisches Sendungsbewusstsein, das den Namen Fundamentalismus verdient.

 

Verhunzung der Sprache

Und daran arbeitet sich der erst so sanfte Philosoph mit Verve ab. Im Kapitel über «Volkserziehung im Moralgefängnis» werden die einschlägigen Propagandaerzählungen seziert. Wie etwa die Behauptung der Regierung, die «Demokratie» sei zu «schützen» vor der «Delegitimierung des Staates», vor «Hass und Hetze» oder «Wissenschaftsleugnung». Also werden Hunderte von «Demokratieschützern» eingekauft, deren «Faktenchecker» «Gesinnungsprüfung» und «Meinungsrepression», kurz: nichts anderes als Zensur betreiben. Hilfstruppen sind jede Menge «Meldestellen» etwa für Antifeminismus oder sonstige Denkverbrechen. «Ein Staat jedoch, der Gesinnungsspekulationen juristisch institutionalisiert, ist auf dem Weg von einem Rechtsstaat hin zu einem Willkürstaat.»

Hier die Corona-Leugner, dort die Putin-Versteher. Es gilt: verurteilen, nicht verstehen.Ähnlich willkürlich ist die von oben implementierte Verhunzung der Sprache durch Gendern oder gar «gerechte Sprache». Andrick spiesst die blödsinnigsten der Sprechverrenkungen auf und nennt das «politische Heimtücke». Nach seiner unnachsichtigen Analyse der «moralischen Kriegserklärungen» im Namen «westlicher Werte», einer «regelbasierten Ordnung» und des «Digital Services Act» glaubt der Leser nicht mehr an eine Wendung zum Guten, die Andrick zum Schluss verkündet. Respekt (allerdings nicht à la Scholz) als Gegengift zur Moralisierung: «Wer seine Mitbürger respektiert, der würdigt sie als gleichberechtigt mit sich selbst zur Teilnahme an Diskussion und Entscheidungsfindung.»

Das wird unserer obwaltenden deutschen Regierung wohl nicht mehr gelingen.